Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 28 (14.7.1905)
- Date
- 1905-07-14
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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' . -- 4 --- ■ ' ■ ein müdes Auge: Herr Moriz Maier, Lehrer und Kantor dieser Gemeinde, hatte sein arbeitsreiches Leben beendet. Während seiner 49 jährigen Tätigkeit hat er in segensreichster Weise gewirkt und auch die wohlverdiente abseitige Anerkennung sich erworben. Seinen zahlreichen Schülern war er der liebevollste Lehrer, seine kantoraleü Leistungen erfreuten sich der größten Aufmerksamkeit und trügen Nicht wenig zu der allgemeinen Beliebtheit dieses gottesfürchtigen Mannes bei, welche sich in besonders erhebender Weife auch am offenen Grabe bekundete, an welchem Herr Distriktsrabbiner Dr. Groß Augsburg, nach einer sehr inhaltsreichen Betrachtung über die „Wüstenwanderung" und die zu erfüllende „Bestimmung" des Menschen, den Verblichenen als einen in jeder Beziehung Pflichteifrigen, auf seinem Posten 'als Fackelträger der Kultur stets treu befundenen Beamten, als liebenden Bruder und als fürsorglichen Vater schilderte. Nachdem) noch von seiten der Vorstandschaft des Gesangvereins Kriegshaber, sowie der freiwilligen Feuerwehr, welche beide Vereine in corpore erschienen waren.l.ihres hochgeachteten Ehrenmitgliedes in ehrendster Weise gedacht worden war, und die Kultusverwaltung Kriegshaber ihrem/, allzeit treuen Lehrer den' gebührenden Dank auchmm offenen Grabe abgestattet hatte, war die sehr^erhebende Trauerfeier, zu der sich auch mehrere auswärtige Kollegen und namentlich' viele)Augsburger Freunde und Bekannte des Verblichenen eingefunden hatten, zu Ende. Er ruhe in Frieden! Gesterretch-Ansarn. □ Wien, 10. Juli. Professor Herma n n Nothnagel, der groß Kliniker, der berühmte Forscher, der herrliche'Mensch, ist nicht mehr. Ein Herzschlag hat diesem, der Menschheit gewidmeten-früchtereichen Leben ein jähes Ende bereitet. Weit hinaus über die Grenzen unseres Vaterlandes wird aufrichtige Trauer herrschen ob des schier unersetzlichen Verlustes,, den nicht nur die Wissenschaft, sondern die Menschheit, sofern sie sich Sinn für Idealismus und Humanität bewahrt hat, erlitt. Bekannt ist seine eifrige Tätigkeit im „Verein zur Abwehr des Antisemitismus", zu dessen Begründern er gehörte und dessen Vorstand ihn nach wie vor mit Stolz unter seine Mitglieder zählte. <§r war deshalb auch von den Antisemiten stark gehaßt. Dies hinderte ihn aber nicht, jederzeit entschieden für die Juden und ihr gutes Recht einzutreten. Ehre seinem Andenken! — Der am 25. d. M. verstorbene Privatier Ludwig Pollak hat den . namhaften Betrag von 106 000 Kronen zu wohltätigen Zwecken 'gewidmet. — Der Kaiser/hat den Hof- und Gerichtsadvokaten Dr. Gustav Kohn zum Landesschulrat und eine große Zahl von Lehrern zu Professoren für Mittelschulen ernannt. — An der Lemberg er Universität sind ein Viertel der Hörer Juden! So ruft entrüstet das „Deutsche Volksblatt" ans.. Es unterläßt aber wohlweislich seinen ungebildeten Lesern gerade beidiesem Anlaß mitzuteilen, daß in Galizien eine Million Juden wohnt. — In Przemysl hat neulich ein Judenkrawall stattgefunden, der durch die Energie der Polizei unterdrückt wurde. Von Mh und ffrrn. —, Zu Geheimen Sanitätsräten wurden ernannt: Dr. Emil Peltesohn, hier, Dr. L. Sachs, Schönlanke; zu Sanitätsräten: Dr. Jsmar Boas, Dr. Adolf Gottstein, hier, Dr. L. Wolfs, Gnesen, Dr. I. Schlesinger, Oppeln, Dr. Moritz Mannheimer, Beuthen, Dr. I. Gesang, Fulda. — In Zach an i.,P. ist der Vor, steher der Synagogengemeinde, H. Rosenthal, am 31. v. M. im 73. Lebensjahre gestorben. — In Breslau wurde der Frauenarzt Sanitätsrat Dr. Ros enstein zum Primärarzt der gynäkologischen Abteilung des jüdischeu^Krankenhauses gewählt. — Der bekannt^ Militärschriftsteller S, Steinburg in Hamburg, dessen dramatische und belletristische Arbeiten aus dem Soldatenleben großen Beifall gesunden, feierte am 13. d M. seinen 60. Geburtstag. — Der Fabrikbesitzer Georg Rosenzweig ' in Kassel ist zum Kommerzienrat ernannt worden. — In Frankfurt a. M. hat sich der Rechtsanwalt Jüstizrat Dr. Josef Binge erschossen. Derselbe hat den 1870er Feldzug als Bonner Königshusar mitgemacht und vollführte bei Beaumont einen so tollkühnen Melderitt, daß ihm der damalige Kronprinz von Preußen, -spätere Kaiser- Friedrich, eigenhändig das eiserne Kreuz II. Klasse anheftete. Später wurde Binge, der jüdischen | Glaubens war, auf Vorschlag des damaligen Kommandeurs der Königshusaren, des jetzigen Generalobersten von Loe, Reserveoffizier. — Auf dem bei Aufenau liegenden gemeinsamen Friedhof der Orber und Wächtersbacher israelitischen Gemeinde wurden nachts empörende Grabschändungen verübt. Mehrere Grabsteine sind ausgerissen und zerstört worden. Eine Untersuchung ist eingeleitet. — Der kürzlich in Paris verstorbene Baron Alphonse Rothschild hat testamentarisch bedeutende Summen für wohltätige Zwecke ausgesetzt. So bestimmte er drei Millionen Franks zur Begründung einer Stiftung für Bedürftige ohne Unterschied der Religion. Unter zahlreichen anderen Legaten befinden sich 200 000 Franks für einen durch die Akademie der schönen Künste zu vergebendem Preis für ein israelitisches Hospital, 100 000 Francs für die Töchter der Beamten der Nordbahn und 200000 Francs für das israelitische Wohltätigkeitskomitee. — Rabbiner Dr. Niemiröver, Jassy, wurde in Bukarest vom Justizminister -Alex Badaxen in Audienz empfangen. Der Rabbiner ersuchte den Justizminister, den besonderen Judeneid mors judaico abzuschaffen, der dem Geiste des Judentums nicht entspricht und eine Schmach für die Kultur des Landes ist. Der Minister, der den Dr. Niemirower sehr freundlich empfangen, versprach, diese Frage zu studieren, eine Kommission zur Prüfung der Angelegenheit zu ernennen, um alsdann eine Entscheidung zu treffen. — Unter den in Kiew einberusenen Reservisten befinden sich zufällig wenige Israeliten. ES kam das Gerücht auf, daß eine Anzahl von der bevorstehenden Mobilmachung unterrichtete Israeliten sich aus der Stadt geflüchtet hätte; dadurch entstanden in verschiedenen Stadtteilen Unruhen, bei denen Branntweinläden und ein Cafö geplündert wurden. Mehrere Polizeibeamte wurden von Reservisten entwaffnet und verwundet. Ein Reservist wurde tödtlich verletzt. — In der Minsker Synagoge fand eine von 5030 Arbeitern besuchte Versammlung statt. Die Reden, die gehalten wurden, behandelten die Verfassungsfrage und die von dem Proletariat einzunehmende Stellung. Die Synagoge war von der Polizei umstellt. Die Versammlung nahm einen ruhigen Verlauf. — Ueber die Unruhen in Lodz verbreitet die Petersburger offiziöse Telegraphenagentur eine Mitteilung, die die Tatsachen in unerhörter Weise entstellt. Eine Berichtigung wird nicht ausbleiben. — Aus Odessa kommen tagtäglich Schreckensnachrichten! Viele Juden wurden während des Aufruhrs getötet, viele werden jetzt erschossen oder ausgewiesen. Die Meldung, daß Bomben fast nur in jüdischen Häusern gesunden werden, ist schamlos erlogen. — Das russi sche Unterrichtsministerium erlaubte, daß von nun ab in allen Volksschulen, die von jüdischen Kindern besucht werden, jüdischer Religionsunterricht stattfindet. Die Kosten dieses Unterrichts haben die Kultusgemeinden aus eigenen Mitteln zu tragen. — Ein jüdischer Privatdozent der Medizin und einer für Nationalökonomie sind an der Petersburger Universität zugelassen worden, nachdem der Versuch, ausländische Professoren heranzuziehen.so klüglich gescheitert ist, wie zu erwarten war. — Das Testament des kürzlich in New York verstorbenen Redakteurs K. Sarasohn ist verschiedener Formfehler wegen angefochten worden. Derselbe hat bekanntlich große Summen für allgemeine Zwecke bestimmt. — Eine ganz ungeheuerliche Nachricht bringen deutsche Zeitungen aus New York! Sie lautet: „Jacob Marks, der Rabbiner der Synagoge von Grande.Street in Newyork, wurde am 28. Juni wegen Buchmachens in der Synagoge vor Gericht gestellt. Es war der Polizei ausgefallen, daß der Gottesdienst in der Synagoge sich eines starken Zulaufs auch von seiten der Andersgläubigen erfreute. Ein daraufhin in die Synagoge beorderter Detektiv entdeckte, daß die Gemeinde am Altar mit dem Rabbi Wetten abschloß. Die ganze andächtige Gemeinde wurde daraufhin verhaftet und das angesammelte Geld konfisziert." Wir halten die Nachricht unbedingt für eine Sommer-Zeitungsente, bitten aber unsere dortigen Freunde doch, sie entweder zu dementieren oder richtigzustellen. — In Jerusalem ist am 5. d. M. der bekannte Selig Hausdorf, der Hauptvertreter des deutschen Judentums im heiligen Lande, plötzlich gestorben. — Ein Grab mit hebräischen Inschriften aus dem ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnungist in der Umgebung von Jerusalem auf dem Gute des syrischen Waisenhauses bloßgelegt worden.