Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 28 (14.7.1905)
- Date
- 1905-07-14
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Berlin, 14. Juli 1905. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. 69 Jahrgang. No. 28, Begründet von Rabbiner D-- Ludwig Philippson. VerlLM-LrxMüM: Berlin, Jerusalemerstr. 46/49. Diese Zeitung erscheint w 5.ch e n t l i ch. Abonnements.Preis: Durch Buchhandel, - Post-oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährt..S M. Nedarieur: Gustav «arpele». Alle. Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/49, zu richten. Verlag von Rudolf rNssse, Berlin. Ängarilchr Lultsndr. Berlin, 11. Juli. JJpß ist schon oft bemerkt worden, daß uns das geographisch ja weit näher liegende Ungarn fremder geworden ist, als England und Amerika. Nur selten hört man noch das Echo ungarischer Stimmen in der jüdischen Presse. Man kann sagen, daß seit dem großen Kongreß und der Blutlüge von Tißa-Eszlar säst nichts mehr über die jüdischen Verhältnisse in diesem Lande gehört wurde. Ist das in gutem Sinne zu deuten oder nicht? Die meisten werden glauben, daß die Juden in Ungarn es so gut haben, daß sie jede Solidarität mit ihren Glaubensgenossen in andern Ländern freiwillig aufgeben; andere werden meinen, daß der Jndifferentismus und der Abfall dort so überhand genommen haben, daß er die jüdischen Interessen vollständig inden Hintergrund gedrängt habe. 'Beides ist aber nicht der Fall. Auch in Ungarn ist nicht alles Gold, was glänzt. Auch dort läßt unter den traurigen politischen Verhältnissen die Lage der Juden noch manches zu wünschen übrig. Trotz denn ist im religiösen und geistigen Leben kein Tiefstand eingetreten. Im Gegenteil! Es regen sich in der Metropole wie im Lande selbst im Augenblick viele Kräfte, um den religiösen Sinn zu beleben und das geistige Interesse zu fördern. Gleichwohl könnte aych hier vieles besser sein, als es gegenwärtig, ist. Vor kurzem hat in Budapest eine Generalversammlung der israelitischen Gemeindedistrikts - Präsidenten des ganzen Landes stattgesunden, eine Versammlung also, in der die Elite des fortschrittlichen Elements sich vereinigte. ' (Die Orthodoxie nimmt natürlich nicht teil.) Dieser Versammlung hat der Sekretär der Landeskanzlei, der bekannte Dr. Franz Mezey, einen sehr ausführlichen und an Ideen reichen Bericht, der uns die Lage der Juden klar veranschaulicht, unterbreitet. Ueber diesen/ Bericht geht uns nun das folgende übersichtliche Referat aus Budapest zu: „Der erste Abschnitt des Berichtes besaßt sich mit einzelnen auf die israelitische Konfession - einwirkenden Erscheinungen derkonfessionellen Politik des Landes, setzt auseinander, daß die an die verschiedenen Regierungen,gerichteten Gesuche,. Memoranden und Urgenzen des Judentums bereits eine erkleckliche Sammlung von Dokumenten bilden und führt Klage darüber, daß die mit vielen Opfern und . unter häufiger Verzichtleistung auf das bescheidenste Maß reduzierten Wünsche seitens der Regierungen bisher unter .Hinweis auf die -öffentlichen Verhältnisse des Landes, - die Schwierigkeiten der Negierung und — in materiellen Fragen auf die prekäre finanzielle Lage des Staates,' die verdiente Würdigung nicht gefunden haben. Ja, die. Judenschaft müßte inmitten der/seitens des Staates den Konfessionen gegenüber entwickelten Tätigkeit'sogar.die Erfahrung machen, daß ihre Konfession bei weitem nicht derjenigen Berücksichtigung und Anerkennung teilhaftig wird, die sie so sehr verdient hat. Die Beobachter der Ereignisse des öffentlichen Lebens können gar oft die Erfahrung machen, daß, wo und wann immer die Regierung in konfessionellen Angelegenheiten handeln oder sich äußern mag, dem Umstande, daß die jüdische Religion in die Reihe der gesetzlich rezipierten Konfessionen, gehört, bisher nicht genügende Rechnung getragen worden ist.; Der Bericht bespricht sodann die Regelung der -materiellen Verhältnisse der Konfession und hebt besonders hervor, daß die Erhaltung, der Ausbau und die Entwicklung der Institutionen schwere Opfer erfordert und daß die Anstellung würdiger und berufener Vertreter des religiös-moralischen Lebens und für Volksunterricht rc. mit geradezu unerschwinglichen Lasten verbunden find, die bei kleineren Religionsgemeinschaften zum tatsächlichen Zusammenbruch führen. Alle Faktoren des wirtschaftlichen Lebens liegen darnieder und die Otzserwilligkeit einzelner hat ihre unübersteigbare Grenze erreicht. Die Existenzen geraten ins Schwanken und das fühlen in erster Linie dieauf die Opserwilligkeit der Glaubensgenossen angewiesenen moralischen Körperschaften. Die kleinen Kaufleute, das Gros der , Provinzkorporationen, sind unter der Auswirkung von Verfügungen, die neuen volkswirtschaftlichen Schlagworten und Devisen ihr Entstehen verdanken, an den Rand des Ruins gebracht oder heimatlos gemacht worden, was in letzter Linie zur Auflösung der Religionsgemeinde-Organisationen führt und das Los der Angestellten unsicher gestaltet. Und . doch wachsen die Ansprüche an die Institutionen parallel mit dem kulturellen Fortschritte, dessen Einhalten ja doch auch vom staatlichen Gesichtspunkte nicht gleichgültig ist. Die Arbeit, welche die sich selbst überlassene, auf sich selbst angewiesene ungarische Judenschaft im Interesse der Vertiefung ihrer moralischen Mission auf dem Gebiete der Magyarisierung. der Kultur und ihrer eigenen Institutionen seit den letzten vier Dezennien vollbracht hat, liefert ein glänzendes Zeugnis der edlen Kraft unserer Konfession. Die materiellen Opfer, die wir tvächrend dieser Zeit brachten, werden von den Opfern irgend einer anderen Konfession, auch nicht annähernd erreicht; sie stehen zu der kurzen Dauer des staatsrechtlichen Seins der Judenschaft, zu deren Zahl und Vermögen, zu dem ein trauriges Bild der Zerklüftung aufweisenden inneren Leben der Judenschaft in krassem Mißverhältnisse. . Und diesen schweren Kämpfen der Konfession — so klagt der Bericht — steht der Staat, gleichgültig gegenüber. Umsonst nehmen wir als Individuen reichlichen Anteil an »dem Tragen der staatlichen Lasten, umsonst ist: unsere Konfession in die Reihe der rezipierten Konfessionen inartikuliert: die Macht des Gesetzes fühlen wir nur im Tragen der Lasten. Das auch für Unsere Konfession dekretierte Prinzip der Rechtsgleichheit wird nicht zur. Wahrheit; vergeblich bestreben wir uns, innerhalb eines sestgestellten Rahmens unsere Ausgaben zu erfüllen, vergeblich bitten wir, von den auch aus unseren Opfern sich ansammelnden staatlichen Einkünften einer entsprechenden, angemessenen Unterstützung teilhaftig gemacht zu werden. Der Staat, der bei' Verteilungder! Rechte und Vorteile selbst den vom nationalen Gesichtspunkte nicht, ganz einwandfreien Konfessionen gegenüber weitgehende Munifizenz bekundet, geht der patriotischen ungarischen