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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-07-07 · Heft 27 (7.7.1905) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 27 (7.7.1905)
Date
1905-07-07
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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" auch den weitgehendsten, die bei ihm eingereicht wurden, . zu entsprechen. Es wurden^ nicht nur Waisen und Halbwaisen inFürsorge ausgenommen und Beiträge zur weiteren-Ausbildung in den technischen Berussärten gewährt, sondern auch ausnahmsweise, sür Nichtwaisen Erziehungsbeiträge bewilligt. Man ging hierbei von der Anschauung aus, daß kein israelitisches Kind in unserem?Lande durch die Notlage seiner Eltern in seiner körperlichen und geistigen Entwicklung gefährdet werden dürfe. Der Verein 'hat im Berichtsjahre 79 Kindern feine Fürsorge angedeihen lassen; 18 wurden entlassen und 17 neu ausgenommen. Unter den entlassenen Kindern befinden, sich 9 Mädchen und 9 Knaben,- hiervon wurden -7 - Kinder wegen gebesserter Verhältnisse ihrer Eltern entlassen, 2 Mädchen haben Dienststellen angenommen, - 2 wurden zu Schneiderinnen ausgebildet- 1 kam in ein Putzwarengeschäst; 2 Knaben haben ihre Lehrzeit im Tapezier- ,bezw. Jnstallationsgeschäst beendet, 1 Knabe widmet sich dem Studium, 1 erlernt die Sattlerei und wurde im Lehrlingsheim ausgenommen. 1 hat sich unserer Fürsorge entzogen. Von den in Fürsorge verbliebenen 78 Kindern sind 7 in Pflege bei geeigneten Familien, 8 Knaben erlernen Handwerke mit Unterstützung „der Vereine zur Förderung des Handwerks und der technischen Berufsarten unter den Israeliten des Großherzogtums Baden" in Mannheim (2) und Karlsruhe (1). Die übrigen sind unter Gewährung von Erziehungsbeiträgen bei ihren Müttern bezw. Verwandten verblieben. Der Vermögensstand ist ein günstiger. Die Einnahmen betragen' 29 364 Mark, die .Ausgaben 25115 Mark. Das Gesamtvermögen 219.437 Mark. Der Vorstand des Landesvereins zur Erziehung - israelitischer Waisen im Großherzogtüm Baden besteht aus den Herren Stadtrat Louis Marx, Vorsitzender; Rabbiner Dr. M. Doctor, Stellvertreter des Vorsitzenden; Stadtrat N. Katz, Schriftführer; Shnagogenrat Emil Marx, Rechner; Ludwig Groß, Synagogenrat G. Straus, Shnagogenrat I. Kusel, Medizinalrat; Stadtrabbiner Dr. M. Appel- Karlsruhe; Bezirksältefter B. Herzberger-Bretten; die Rabbiner Dr. A. Lewin-Freiburg, Dr. L. 'Löwenstein-Mosbach, - Dr. B. Maier- Bühl, Dr. Pinkuß-Heidelberg, Dr. M. Rawicz-Offenburg, Dr. I. Spitz- Gailingen. Gestrrreich-Vlnsarn. L^.Wien, 3. Juli. In seiner Beantwortung der Interpellation des Abgeordneten Daszynski bezüglich der Behandlung der russischen Emigranten in Oesterreich sagte der Minister des Innern Graf Bylandt u. a.: „Seit zirka einern Jahre hat sich die Einwanderung aus Rußland in unsere Grenzländer, insbesondere in das Königreich Galizien, in auffallendem Maße vermehrt. Die private Wohltätigkeit hat hier mit voller Kenntnis der Behörden eingegriffen, und es ist ihr gelungen, in sehr vielen Fällen den Notstand unter den Eingewanderten zu lindern und auch in den überwiegend meisten Fällen, die Weiterreise der Eingewanderten zu ermöglichen. " Unter der „privaten Wohltätigkeit", auf welche der Minister anspielte und welcher in dieser Weise die Anerkennung, der Staatsregierung allsgesprochen wird, ist, wie jedermann weiß, in erster'Reihe die segensreiche Tätigkeit der „Israelitischen Allianz" zu verstehen, welche seit Oktober v. I. eine groß angelegte, wohlorgänisierte Aktion zugunsten der bedauernswerten Flüchtlinge leitet und, wie aus dem vor einigen Wochen erschienenen Jahresbericht zu entnehmen war, bis dahin bereits über 2500 Auswanderern zur Weiterreise nach überseeischen Ländern verholfen hatte. Seitdem haben die Wellen der Emigration infolge der sich allenthalben im Zarenreiche ausbreitenden Unruhen und der von der Polizei gegen die Juden veranstalteten Krawalle sich wieder verstärkt, und wer einmal in den Vormittagsstunden das Bureau der Allianz besucht, findet es stets von unglücklichen Flüchtlingen überfüllt. An die stille und ersprießliche Wirksamkeit der Allianz wurden niemals so höhe Anforderungen gestellt, wie in diesem Jahre, und es wäre dringend zu wünschen,, daß unsere Glaubensgenossew'in ganz Oesterreich den Verein durch Zuführung neuer Mitglieder, durch Spenden und Legate fördern würden. — In der Wiener Gemeinderatssitzung vom 27. Juni stellten Hohensinner uyd.Genossen folgenden von feiner Ironie erfüllten Antrag:. Die Wahl des Herrn Gemeinderates Dr.Porzer zum zweiten Vizebürgerm elfter der Stadt Wien weckt die Erinnerung an seinen jüdischen Onkel, dem Dichter Ludwig -August Frankl, den langjährigen Sekretär der -Wiener israelitischen Kultusdemeinde-cher sich durch seinepoetischen Schöpfungen i einen Ehrenplatz in der deutschen Literaturgeschichte, erworben hot und der als einer, der besten Söhne unseres Vaterlandes allen Anspruch darauf hat,: daß die Stadt, in der er viele Jahre. gelebt und gewirkt hat, sein Andenken dauernd im Gedächtnisse der Nachwelt sesthält. Die Gefertigten stellen daherden Antrag: Der Gemeinderat wolle beschließen, an den Stadtrat das Ansuchen zu stelleneine Gasse nach dem Dichter Ludwig August Frankl zu benennen. — Der bekannte Orientalist Professor David Heinrich Müller wurde von einer Droschke überfahren und erlitt eine starke Wunde am Hinterhaupt. — An der k. k.. deutschen technischen Hochschulein Brünn, wurde der einzige jüdische Professor an dieser Anstalt, Emil Wälsch, zum Rektor für das kommende Studienjahr gewählt. Professor Wälsch hat es aber abgelehnt, das Ehrenamt anzunehmen. Von Kah und ffern. — Den Sanitätsräten Dr. Gustav Simon, Dr. Emil Petersohn hier und Dr. Adolf Cohn in Schöneberg wurde der Charakter als Geheimer^Sanitätsrat verliehen. Die Aerzte Dr. Julius Asch, Dr. Josef Hamburg und Dr. Jsmar Bo ns hier wurden zu Sanitätsärzten ernannt. — Dem Abteilungsinspektor am königlichen Institut für Infektionskrankheiten Professor Dr. Proskauer ist der Titel eines Geheimen Regierungsrats verliehen worden. — Der Pianist Sallh Liebling hat das Ritterkreuz des' Ordens der Rumänischen Krone erhalten. Am 29. v. M. verschied hier , nach kurzem Leiden Frau Justizrat Anna Rosenheim. Die Verewigte nahm Anteil an allen Bestrebungen des segensreich wirkenden Vereins „Erster israelitischer Volkskindergarten und Kinderhort zu Berlin." — In Greifenberg i. P. ist am 25. d. M. der Vorsteher der Gemeinde und Chevra Kadischa, Julius Feldmann, im 75. Lebensjahre gestorben. — In Oppeln drangen bisher noch Unbekannte gewaltsam in die dortige Synagoge ein und richteten wüste Verheerungen an. haben aber, soweit bis jetzt sestgestellt werden konnte, keine andere Beute, als eine Flasche Wein mitgenommen. Es scheint ein Racheakt vorzuliegen, indessen fehlt noch jede Spur der Täter. — Geheimer Kommerzienrat HermannReinach in Mainz ist bei seinem Abgänge .als Beigeordneter der Stadt, welchen Posten er ca. 33 Jahre bekleidete, zum Ehrenbürger von Mainz ernannt worden. — Herrn Julius Levi in Hechingen, der sich als erster Vorstand der israelitischen Gemeinde, als Stadtverordneter und als unermüdlicher Förderer der höheren Mädchen- und der . Frauenarbeitsfchule große Verdienste erworben hat, wurde heute der Kronenorden IV. Klaffe verliehen. — Am 19. d. M. ist in Graz.die Witwe des unvergeßlichen Professors Dr. David Kaufmann, Frau Irma Kaufmann, geb. Gomperz, nach schweren Leiden gestorben. — Jüdische Blätl er machen den jüngst verstorbenen berühmten Romanisten der Wiener Universität, Professor Adolf Mussasia, zu „unserm Glaubensgenossen", obwohl derselbe, ein Rabbinerssohn aus Jpolats, bereits seit 40 Jahren getauft war. — Nach Wiener Blättern soll der Walzerkönig Johann Strauß von Juden abstammen. Ein Gasthaus, wo Strauß' Vater das Licht der Welt erblickt hat, wurde allgemein „Das Judenwirtshaus" genannt; denn der Vater des berühmten Strauß, der Gastwirt Franz Strauß, war Sohn jüdischer Eltern. — In Paris ist der Rabbiner Michel Mayer im 82. Lebensjahre gestorben. Er war in den letzten Jahren Direktor des Rothschildschen Waisenhauses. — In Bo bruisk (Gouvernement Minsk) versammelten sich mit Erlaubnis des Polizeichefs gegen 1000 jüdische Bewohner des Ortes auf dem Friedhofe, um eine Gedächtnisfeier für die Opfer der antisemitischen Exzesse in Schitomir und den christlichen Studenten Blinow, der als Verteidiger der angegriffenen Juden gefallen war, zu begeben. Das Publikum betrug sich musterhaft. Obgleich,, wie bereits gesagt, die Versammlung von der Polizei gestattet war, kam ihr aus dem Rückwege eine vom Gehilfen des Polizeipristaws geführte Abteilung Kosaken entgegen, die auf das Kommando des Polizisten „Haut die Juden!" mit ihren Knuten nach rechts und links schlagend, in die Menge hineinsprengten, wobei Kinder, junge Mädchen und gebrechliche Greise von den Hufen der Pferde und den Knuten übel zugerichtet wurden. Die Zahl der Verwundeten ist eine sehr große.

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