Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 25 (23.6.1905)
- Date
- 1905-06-23
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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' OesterreLch-Ansarn. ' ' O Wien, 19. Juni. Ein Ritualmordmärchen, das sich wie^ alljährlich auch dieses Jahr bereits zu den jüdischen Ostern einstellte, hat erst jetzt. seinen Abschluß gefunden: Im März dieses Jahres wurden fünf jüdische Einwohner von Zmigrod auf Grund der Aussage eines vierzehnjährigen Mädchens, daß sie auf dem Wege zur " Kirche überfallen und in ein Haus geschleppt worden sei, verhaftete ß In Zmigrod verbreitete sich sofort das Gerücht von einem beabfichtigten Rituälmorde, und da zur selben Zeit in der dortigen Kirche. zehntägige Missionspredigten ab geh alten wurden, zu welchen das Landvolk in Massen züsammenströmte, drohten arge Exzesse gegen die/.i Juden auszubrechen. — Die sorgfältigen gerichtlichen Erhebungen rführten schon nach drei Tagen zur Enthaftung der beschuldigten;i Juden, gegen welche nunmehr auch formell die Untersuchung eingestellt worden ist. Dagegen erhob die Staatsanwaltschaft gegen das Mädchen, Katharina Tabak, die Anklage wegen Verleumdung. Da .. eine ganze Reihe von- Zeugen bestätigte, daß Katharina Tabak zu der von ihr angegebenen Zeit in einem weit entfernten Dorfe sich _ befand, und daß ein solcher Ueberfall überhaupt nicht stattgefunden habe, wurde sie bei der am 7. ds. M. vor dem Bezirksgerichte Zmigrod stattgesundenen Verhandlung schuldig erkannt und zu einer dreimonatlichen Arreststrafe verurteilt. — Baron Nathaniel Rothschild, dessen Ableben wir in der vorigen Nummer gemeldet haben, litt seit i mehr als dreißig Jahren an einem chronischen Uebel, das ihn nötigtet ein Wanderleben zu führen. Der Kunst der Aerzte gelang es, den Schwerkranken immer wieder aufzurichten, bis er vor drei Jahren in Neapel wiederum aufs Krankenlager geworfen wurde. Seitdem konnte er sich nicht mehr erholen. Die letzten Lebensjahre brachten, ihm furchtbare Leiden. Baron Nathaniel ist der ältere Bruder des Ehess des Wiener Hauses Rothschild, Barons Albert. Er zeigte niemals Neigung, sich den Geschäften des Hauses zu widmen. So setztesein Vater den jüngeren Bruder Albert zum Universalerben ein, während Nathaniel eine Rente von vier Millionen Krönen erhielt. Baron Nathaniel liebte es, in großem Stile Wohltätigkeit zu üben. Seine Spenden gingen in die Millionen. In seinem Palais legte er herrliche Kunstsammlungen an. Der verstorbene Baron Nathaniel hat seinen Bruder Baron Albert Rothschild zum Universalerbe eingesetzt, jedoch einen Betrag von mehr als 20 Millionen Kronen wohltätigen Zwecken gewidmet. — Die Gemeindewahlen in Karlsbad haben zu einer Niederlage der Antisemiten geführt. Von Iah und ssrrn. ----Dem Oberlehrer am Dorotheenstädtischen Realgymnasium, Professor Dr. Schäfer, ist der Rang eines Rates vierter Klasse ver-/ liehen worden. — Der japanische Konsul Karl Wolfsson hat den Roten Adlerorden IV. Klasse erhalten. — Am schwarzen Brett der Königlichen Anatomie der Breslauer Universität befindet sich folgender Ausruf: „Gesucht werden für Oberschlesien, Posen und Westpreußen junge deutsche katholische und evangelische approbierte Aerzte^ deren Unterhalt gesichert werden wird. gez. E. Hasse." Geheimer! Regierungsrat E. Hasse in Breslau ist ein Hauptvertreter des Ostmarkenvereins! — Dem Generaldirektor der Hamburg-Amerika Linie'' Albert Ballin in Hamburg wurde der Stern zum Kronenorden II, Klasse verliehen. — Dem Handlungsreisenden Max Oppenheimer in Soest wurde das Allgemeine Ehrenzeichen verliehen.— Im Gemeindekollegium zu Bamberg erklärte anläßlich der Beschlußfassung über Abtretung eines Platzes an die Kultusgemeinde für einen Synagogen-Neubau der Vorsitzende, Geheimer Hosrat Dr. von Schmitt, daß die israelitischen Mitglieder zu den kräftigsten Steuerzahlern gehören und ihr stets bekundeter Wohltätigkeitssinn Anerkennung verdiene, Ein an schönster Stelle der Stadt befindlicher Bauplatz wurde einstimmig der Kultusgemeinde billig zur Verfügung gestellt. — Der Synagogendiener Lazarus Katz in Sulz (O.-E.) hat anläßlich seines 60 jährigen Dienstjubiläums das Allgemeine Ehrenzeichen erhalten. — Freudestrahlend berichtet das antisemitische „Deutsche Volksblatt" in Wien: „Der jüdische Millionär Baron Königswarter soll an den Sportsmann Szemere im Hazard 3 500 000 Kronen verloren haben!" — In Bukarest streiken jetzt sogar die Schächter! Die üdische- Bevölkerung daselbst /war einige Tage ohne Fleisch. 'DU- Schächter behaupten nämlich, daß die jüdischen Fleischhauer sehr oft - Fleisch von christlichen Fleischhauern kaufen, das sie dann als rituell geschächtetes Koscherfleisch verkaufen. —In der Sitzung der 'rumäs nischen Kammer vom 19. v. M! teilte der Vizepräsident mit, daß von nun an über je drei, welche um Naturalisation eingereicht haben, zu gleicher Zeit abgestimmt werde. Es erhoben sich sofort Stimmen des Protestes! weil man fürchtete, es könnten durch diese Bestimmung mehr Juden naturalisiert werden. Die Protestler gaben sich jedoch zufrieden,' als man ihnen erklärte, Haß jetzt drei Juden zu gleicher Zeit abgewiesen werden. — Der Sekretär des israelitischen Konsistoriums Netter in Brüssel hat die Zivil-Verdienstmedaille I. Klasse erhalten. — Die Akademie der Medizin in Pari s hat Professor Dr. Werth eimer in Lilleeinen der tüchtigsten jüngeren Physiologen, einstimmig zum korrespondierenden Mitgliede ernannt. Wertheimer war einige Jahre Präsident des jüdischen Konsistoriums in Lille. — Als Urheber der im „Regierungsboten" publizierten falschen Darstellung über die Ursachen der Judenmetzelei in Schitomir hat sich bekanntlich der Oberstaatsanwalt des dortigen Landesgerichtes erwiesen. .Dieser Mann wurde jetzt mit der Leitung der Untersuchung der Bluttaten von Schitomir betraut! — Ein Seitenstück zu den mittelalterlichen Brunnenvergiftungen ist das in Schitomir entstandene Märchen, die jüdischen Bäcker liefern an ihre christliche Kundschaft vergiftetes Brot, um so den Krawall von Schitomir zu rächen. Zahlreiche Christen weigern sich deshalb, das in jüdischen Bäckereien hergestellte Brot zu essen. Da es jedoch in Schitomir keine christlichen Bäcker gibt, so .müssen die Antisemiten entweder hungern oder das berühmte .russische Soldatenbrot essen. — Am 1. d. M. begann der Prozeß wegen des im vorigen Sommer stattgehabten Judenkrawalls in Ostrowez, Gouvernement Radom. Die Zahl der Beschuldigten belief sich auf 66. die der Zeugen auf 142. Die Anklage lautete auf Aufruhr auf Grund von Nationalitätenhaß. Der Verteidigung gelang der Nachweis, daß die Juden in Ostrowez mit der umgebenden katholischen Bevölkerung stets auf freundschaftlichem Fuße gelebt und daß der Krawall von auswärtigen Agitatoren künstlich herbeigeführt worden. Der Gerichtshof verurteilte 11 Krawallmacher zu je fünf Monaten und 3 zu je 1 Monat Gefängnis. — In Kcrnjew wurde am 1. d. M. vor dem Kiewer Kreisgericht gegen Maxim Sidatschenko und Josef Palamarenko verhandelt, welche beschuldigt wurden, beim Krawall vom 24. Oktober v. I. in Bohuslaw das Haus des armen Chameß Moses und Jakob Zickler demoliert und dessen Frau so schwer geprügelt zu haben, daß sie laut beigebrachtem ärztlichen Zeugnis in den nächsten Tagen infolge der erhaltenen Schläge verstorben ist. Das Gericht sprach jedoch die beiden Mörder vollkommen frei! — Das Zentralkomitee der Alliance Israelite Universelle bewilligte für die Opfer der Unruhen in Dussiaty (Gouvernement Kowno) 2000 Franks, für die Geschädigten in M elitopol 1000 Franks. Nach Schitomir werden 2000 Franks überwiesen; außerdem wird die Alliance zur Versorgung der Hinterbliebenen jener selbstlosen Männer beitragen, die bei der Verteidigung ihrer Brüder den Tod fanden. — An der Universität in Kiew sind im ganzen etwa 3003 Studenten, darunter 483 jüdische. — In Reschitza werden Proklamationen von der Patriotenliga verbreitet mit der Aufforderung, die Juden zu mißhandeln. Man erwartet natürlich Exzesse. Am 28. v. M. überfielen die „Hooligans" bereits ein jüdisches Haus und begannen es zu demolieren. Die jüdische Selbstwehr verhinderte die weitere Ausbreitung der Unruhen. Die Polizei kam später dazwischen und verhaftete vier Juden. Selbstverständlich nur diese! — Gelegentlich seiner Anwesenheit in London empfing der spanische König eine Deputation der spanischen und portugiesischen Juden, die ihm eine Shmpathieadresse überreichte. Die Deputation wurde von Sir Francis Montefiore geführt. In der dem jugendlichen Monarchen überreichten Adresse wird der glänzenden Epoche in der jüdischen Geschichte, die sich an den Aufenthalt der Juden in Spanien knüpft, gedacht und die unter dem gegenwärtigen Könige bestehende Glaubensfreiheit hervorgehoben. — Ein Newyorker Blatt hat jüngst mitgeteilt, daß im vorigen Jahre 4078 jüdische Zimmerleute, 1970 Maler, und 1337 Schlosser aus Rußland auf Estin Island gelandet und! daß von diesen wahrscheinlich 90 Prozent in. Newyork geblieben sind. Auf diese Weise sind im Baugewerbe viele Juden beschäftigt.