Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 22 (2.6.1905)
- Date
- 1905-06-02
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Seine Wahl beweist, daß in der Wiener christlich-sozialen Partei das antisemitische Element in den Hintergrund tritt und der klerikale Charakter vorherrschend wird. Er gilt als der Nachfolger Luegers. ,— Im niederösterreichischen Landtag wurde eine Interpellation.an den Statthalter gerichtet, aus der hervorgeht, daß die kle.rikale Unduldsamkeit der Christlich-sozialen nicht nur gegen die Juden, sondern auch gegen die Protestanten gerichtet ist. — Die Prager KultnsgeMeinde-Repräsentanz hat in ihrer Sitzung vom 2. April 1905 über Antrag des Predigers Dr. M. Fischer beschlossen, die altehrwürdige Talmud-Thoraschule zu reorganisieren und an dieselbe eine Präparandie für jüdische Lehramtskandidaten, diesichzuReligionslehrern heranbilden wollen, anzugliedern. — Im Jahresbericht ^der Pester Gemeinde wird erwähnt, daß im Jahre 1904 206 Personen aus dem Judentume ansgetreten sind, darunter 114 männlichen und 80 weiblichen Geschlechts, ferner 12 Kinder im Alter bis zu 7 Jahrdn. Im Jahre 1903 sind 231 Personen aus dem Judentume ausgetreten. Budapest zählt gegenwärtig ca. 200000 jüdische Einwohner. — Der aus dem Tisza-Eszlarer Prozeß bekannte Josef Scharf ist daselbst im Alter von 65 Jahren gestorben. Er hatte ein vielbewegtes Leben hinter W. In den letzten Jahren seines Lebens war er als Maschgiach angestellt. Sein Sohn, der s. Zt. gegen seine Eltern als Kronzeuge in dem Prozesse auftrat, unterstützte seinen Vater in den letzten Jahren reichlich und suchte durch verdoppelteZärtlichkeit dieSünden seinerJugend gut zumachem— Frankreich. © Paris, 28. Mai. Die französische Judenheit und mit uhr das gesamte Judentum haben einen unersetzlichen Verlust erlitten.. Im Alter von 79 Jahren ist am 26. d. M. Baron Alphonse von Rothschild, der Seniorchef des Pariser Bankhauses de Rothschild freres, gestorben. Alphonse von Rothschild war ein ungemein -begabter Mensch, der einen hervorragend scharfen Geschäftssinn hatte und eine Reihe bedeutender Finanztransaktionen mit großem Geschick durchführte. In den letzten' Dezennien ist er bei den Geschäften seines Hauses zwar weniger mit seiner Person herausgetreten, indessen blieb er trotz seines vorgeschrittenen Alters der eigentliche Leiter'hes Welthauses. Jeden Vormittag verließ er gegen 11 Uhr sein Palais, um den Weg nach den Bureaus seiner Firma in der Rüe Lasit^e zu Fuß zurückzulegen. Den Tag über arbeitete er an dem großen Schreibtisch in seinem Bureau bis zum späten Abend. In der Pariser Gesellschaft war der alte Herr, der vor einigen Jahren bei einer Jagd ein Auge eingebüßt hatte, eine der bekanntesten Persönlichkeiten. Einen bedeutenden Ruf hätte Alphonse von Rothschild namentlichAals Kunstkenner und Kunstsammler. Daß er im großen Maßstabe Wohltätigkeit ausübte und humanitäre Zwecke förderte, braucht wohl kaum besonders erwähnt zu werden. Er hinterläßt einen Sohn, Baron Eduard von Rothschild, aus den voraussichtlich jetzt die Leitung' der Firma übertragen wird. Ferner sind die Herren Gustav von Rothschild, ein Bruder, Edmond, ein Vetter und Schwager des Verstorbenen, sowie seine beiden Neffen Arthur und Dr. Henri von Rothschild Teilhaber des Welthauses. Mit der französischen Regierung unterhielt Baron Rothschild sehr gute Beziehungen. Er leistete der Republik beim Abschluß der Milliarden-Anleihe und den. damit verbundenen Operationen wertvolle Dienste und erfreute sich auch in der Folgezeit des besonderen Vertrauens der Regierung, wenn es galt, große finanzpolitische Aufgaben zu lösen. Mit dem gegenwärtigen Ministerpräsidenten Rouvier, der vorher wiederholt das Portefeuille der Finanzen inne hatte, verband ihn eine langjährige Freundschaft. Was uns aber das Wichtigste ist — Baron Rothschild war ein guter und glaubenstreuer Jude. Bis zu seinem Tode Präsident des französischen Zentralkonsistoriums hat er besonders nach dieser Richtung hin an den Traditionen des Hauses innig festgehalten und erst vor kurzem in einem feierlichen Schreiben an das Konsistorium seine Anhänglichkeit an das Judentmn und den festen Willen kundgegeben, diese Treue als ein heiliges Erbe seiner Familie ans Herz zu legen. — In seinem 79. Lebensjahre ist hier am 24. d. M. der Komponist Emile Jonas gestorben, der seiner Kunst in gleicher Weise auf ernstem, religiösem, wie heiterem Gebiete gedient hat. Von jüdischen Eltern stammend, trat Jonas mit vierzehn Jahren in das Pariser Konservatorium und wandte sich, nachdem er daselbst mehrerelAuszeichnungen erhalten, zunächst der Komposition und Bearbeitung synagogaler Chor- und -Sologesänge zu, wurde auch Musikdirektor der portugiesischen Synagoge seiner Vaterstadt Paris und gab in dieser Eigenschaft 1854 einen sehr wertvollen „Rectteil de ehants hebraüques“ heraus. Seine eigentliche Stärke zeigte Jonas aber auf dem Gebiete der Qperettenkomposition. Von der großen Anzahl der Jonas'schen Operetten sind seine „Javotte", „Goldchignon" und „Die Ente mit den drei Schnäbeln" über die Grenzen Frankreichs hinaus und auch bei uns bekannt geworden. Jonas^ Musik zeigt gefällige, melodische Weisen, ohne durch besondere Tiefe der Gedanken oder des Ausdrucks zu glänzen. Viele Jahre ist der Verstorbene Professor der Harmonielehre am Pariser Konservatorium gewesen. Von Sah und jfern. — Dem Anwalt der deutschen Gewerkvereine,Landtagsabgeordneten Dr. Max,Hirsch, ging soeben von dem Dekan der philosophischen Fakultät Greifswald die ehrenvolle Erneuerung des vor 50 Jahren ihm' summa eum laude verliehenen Doktordiploms mit herzlichem Glückwunsch zu. Die Promotion im Frühjahr 1855 hatte auf Grund einer Dissertation „lieber den Einfluß der Maschinen auf die volkswirtschaftlichen Zustände" stattgefunden. In dem neuen Diplom wird vor allem die über 35 Jahre andauernde Wirksamkeit des Jubilars an der Spitze der deutschen Gewerkvereine zur Hebung der arbeitenden Klassen, seine Tätigkeit als Reichs- und Landtagsabgeordneter (seit 1869) und die fast 50 jährige als Schriftsteller und Förderer der Volksbildung hervorgehoben. — Der Stadtverordnetenvorsteher von Charlottenburg, Justizrat Rosenberg, hat anläßlich der Enthüllung des Kaiser Friedrich-Denkmals den Kronenorden IV. Klasse erhalten. — Anläßlich der Einweihungsfeier des neuen Instituts der Technischen Hochschule in Dresden wurde der Chemiker Professor Adolf Frank in Charlottenburg zum Ehrendoktor ernannt. — Kommerzienrat Direktor Max Steinthal hat der Stadt Charlotten- Lurg aus Anlaß ihrer Zweihundertjahrfeier hunderttausend Mark zum Geschenk gemacht. Die Summe ist zur Errichtung von Waldschulen bestimmt. — Der Rentier Isidor Simon in Eisleben hat zu seinem 100. Geburtstage den Kronenorden IV. Klasse erhalten. — Das Reichsgericht verwarf die Revision des Grafen Pückler (Klein-Tschirne), der am 12. Januar vom Landgericht I in Berlin wegen Aufreizung verschiedener Bevölkerungsklassen zu Gewalttätigkeiten gegeneinander zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt war. — Am 14. d. M. beging Distriksrabbiner Nathan Bamberg er in Würzburg sein 25jähriges Jubiläum als Vorstand der israelitischen Lehrerbildungsanstalt. In der Anstalt fand ein Festakt statt, dem Vertreter der Regierung, der Stadt, Rabbiner und Lehrer von auswärts (von Augsburg Herr Dr. Fränkl) beiwohnten. Die Glückwünsche der Regierung überbrachte Herr Regiernngsrat Freiherr von Gumppenberg. Zahlreiche Geschenke und sonstige Ehrungen wurden dem Jubilar zu teil. — In Lauchheim wurde Herr A. Mayer zum zweiten Kommandeur der Feuerwehr gewählt. Als die Stadt vor einigen Jahren von einem schweren Brandunglück bedroht wurde, erhielt Mayer für sein rasches und umsichtiges Eingreifen vom königlichen Oberamtmann eine Belobigung. — Der Negierungsrat hat an die Bezirksämter des Kantons St. Gallen ein Kreisschreiben des Inhalts erlassen, daß vom 2. Mai l. I. angefangen an russische Juden keine Hausiererpatente (auch keine Erneuerungen) mehr zu erteilen sind. — Der Großrabbiner von Brüssel, Armand Schwarz, hat das Kommandeurkreuz des Leopoldsordens erhalten. — Die Pariser „Acadömie de medicine“ wählte in ihrer letzten Sitzung Professor Dr. Ehrlich in Frankfurt zum auswärtigen Mitgliede. — Das jüdische Konsistorium von Algerien ist beim Gouverneur vorstellig geworden, dieser solle gelegentlich der Beratung des Trennungsgesetzes bei der Regierung auf die Beibehaltung der von den jüdischen Gemeinden erhobenen Steuer auf rituell geschächtetes Fleisch hinwirken, da ohne diese den Gemeinden das Bestehen nach Aufhebung der staatlichen Gehaltszahlung an die Geistlichen unmöglich wäre. — Aus Petersburg nach Kiew kam der Sekretär der englischen Botschaft in Petersburg Bomo. Der Zweck der Reise desselben ist die Sammlung von Notizen über die in verschiedenen Ortschaften Rußlands bestehenden Gesetze für die Juden und über ihre Rechtslage. Von Kiew geht Bomo zu gleichem Zwecke nach Odessa lind Nikolajew.