Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-05-26 · Heft 21 (26.5.1905) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 21 (26.5.1905)
Date
1905-05-26
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3228636-3228658--61745-3275582
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

jüdischen Geschäftsleute des „East End" dem Ruin verfallen. Um zu dem geplanten Gesetz Stellung zu nehmen, berief/die englische Straßenverkänferunion ein. öffentliches Meeting ein. Es wurde gegen die Tendenzen des neuen Gesetzes protestiert und eine entsprechende Resolution gefaßt, die von Lord Rothschild im Parlament in Form einer Petition eingebracht werden wird. — Als ein Mitarbeiter des Lokalblattes in Belostok sich an den dortigen Polizeimeister wandte, ihm Auskunft über den Mord eines Kosaken zu geben, antwortete derselbe, daß es nur dann erlaubt sein würde, in der Zeitung darüber zu schreiben, wenn in diesem Bericht gesagt werde, daß der Mörder — ein Jude sei. — Ein Telegramm aus Elisabethgrad meldet, daß einige dortige Inden sich an den Kaiser mit der Bitte wandten, ihre Kinder im Gymnasium ohne prozentuale Beschränkung aufzunehmen. Die Bitte wurde bewilligt. — Der Ko wnoer städtische Gemeinderat (Duma) erhielt am 20. d. I. folgendes Schreiben des Stadtverordneten, Exzellenz, wirklichen Staatsrates, Dr. med. I. A. -Feinberg: Die Vertreter der jüdischen Bevölkerung richteten am 30. März an die Kownoer städtische Duma eine Eingabe, .in welcher unter anderem die ungerechte Entfernung der Juden von der Teilnahme an der städtischen Gemeindeverwaltung erwähnt und daraus hingewiesen wird, daß die Stadtverordneten nach.Bestimmung der Regierung, ohne die Gewählten der Bevölkerung zu sein, nicht als die Vertreter derselben betrachtet werden können, und nicht das Recht haben, in ihrem Namen zu sprechen. Diese Ansicht vollkommen teilend und den Beruf eines designierten Stadtverordneten mit meiner Würde als unvereinbar ansehend, halte ich es für meine Pflicht a,izuzeigen, daß ich hiermit diese Würde niederlege. Bravo! — Wie die „Nowosti" mitteilt, hat die Negierung dem Schriftsteller Z. Pril uzky die Erlaubnis zur Herausgabe einer Jargon-Tageszeitung „Die Weg" gegeben. Der bekannte Schriftsteller Rn b i n B r a i n i n, bisher in Berlin, ist in die Redaktion dieser Zeitung eingetreten. — In Kiew herrscht unter .den dortigen Juden eine große Unruhe, weil die im Winter erlassene Verfügung, ben zugereisten Juden das Wohnrecht zu. gestatten, plötzlich zurückgezogen worden ist unddie. Ausweisung dieser neuen Elemente begonnen hat. — Professor Pslinders/ Petrie berichtet in der »Egyptian Gazette" über die. Entdeckung eines gut erhaltenen semitischen Tempels, etwa 60 Icm nördlich von Sinai. Er sei offenbar älter als der Islam und der vollkommenste bisher bekannte semitisch Tempel. Die Erhaltung sei so vorzüglich, . haß sogar die Becken für die Abwaschungen intakt seien. Es wäre klar, daß die Erbauer dieses Tempels mit den Einzelheiten des Salomonischen Tempels in Jerusalem gut vertraut gewesen seien; denn der habe hier als Vorbild gedient. — In Boksburg (Südafrika) trat der Staatsanwalt Ellershaw in einem Prozesse gegen einen Juden Samuel Guttenberg als öffentlicher Ankläger nicht nur der genannten Einzelperson, f sondern schimpfte in der unflätigsten Weise aus Inden und Judentum. Als die Tatsache der zionistischen Federation bekannt wurde, schickte sie an den Attorney-General in Pretoria einen Protest dagegen i und verlangte die Maßregelung des Staatsawalts. Der antisemitische j Staatsanwalt versuchte Entschuldigungen vorzubringen, mußte jedoch! endlich seinen Posten verlassen. — Sir Matthew Nathan, Gouverneur von Hongkong, hat die Wahl zum Ehrenpräsidenten des dortigen Zweigvereins der Anglo -Jewish Association angenommen. Eine Rettung in letzter Stunde. Wenn man, wie. ich, im publizistischen Dienst seinen Mann stehen muß, so koNNnt man in sehr kurzer Zeit zur Erkenntnis, daß die Nerven bei dieser Arbeit die Hauptkosten des Verfahrens tragen, und damit rückt der Augenblick in greifbare Nähe, wo der Hausarzt nach einem väterlichen Sermon und unter Androhung ewiger Strafen zu dem Schlußsatz kommt: „Ja, mein Lieber, die Cigarre müssen Sie nun lassen." Damit wäre dem liebsten Genüsse, dem selst der ernsteste Geistesarbeiter mitten in seinem Schaffen frönen darf, dem gerade er so manche Anregung und Freude verdankt, das Todesurteil gesprochen, — wenn man eben in Gehorsam den Geboten Aeskulaps wirklich folgte. Aber wenn schon der tugendhafte Sokrates in Schulden bei Aeskulepios stand, so ist es uns Kleinen in der Tugend und Weisheit nicht zu verdenken, wenn auch wir unser Konto nicht allzu ängstlich bei ihm begleichen: man sündigt weiter. Aber nicht mehr lange, ohne selbst Cave zu rufen. Mit jenem verdächtigen Zucken in den Augenliedern und dem feinen Singen in den Ohren beginnt es, mit schlaflosen Nächten endigt es. und endlich kommt der Tag, da man die Cigarre, deren das flammende Streichholz bereits harrt, wieder in die Kiste legt mit tiefem Seufzer. — Aber sie fehlt einem an allen Ecken und Enden. Ein passender Anfang zu einem politischen Leitartikel, die Ueberschrift zu einem Feuilleton — sie wollen sich nicht finden; vergebens sinnt man: es fehlt die blaue Wolke, die man vor dem großen Werke behaglich über den Schreibtisch wallen sah, itt deren Dust gute und böse Gedanken herbeischwebten.' Und man verwünscht den Augenblick, da man in Tertia das süße Gift kennen gelernt hat, um sich nun wieder mit blutendem Herzen seiner zu entwöhnen. Aber ein hilfreicher Kollege nahte mir in solcher Stunde: eine „Nikotinfreie" bot mir seine gefüllte Tasche. „Der Tabak ist sorgfältig ausgelaugt, ohne eine Spur von jenen fürchterlichen Giften, die sonst in den Blättern enthalten sind. Probiere!" Ich tat's mit dem Hunger eines Verschmachtenden — aber ich legte sehr bald den glimmenden Stengel bei Seite. Das war abscheulich — lieber tausend Gifte einsaugen nach alter Weise, als diesen faden, erbärmlichen Geschmack ohne alle Würze, ohne Aroma. Ich vermute, daß der Erfinder dieser Ausgelaugten einen Gaumen von Sohlleder und einen ewigen Stockschnupfen gehabt hat. Durch die Strohgaröe, die ich aus den Rat meines Kollegen angebrannt, waren alle ^-die lieben Erinnerungen an die edelsten Kubanerinnen, die Blüte Bahias und die aromatischen Jahrgänge Mexikos in stinkende Nebel getaucht, mein besserer Mensch beleidigt. Ich hielt mir deshalb noch einmal vor, daß in jeder Cigarre, die mich in prangender Schöne locken könnte, Pyridinbasen, Schwefelwasserstoff, Ammoniak, Blausäure und andere Greuel auf mich lauerten, um mir den Garaus zu machen, hob in Gedanken die Schwurhand und verschloß die Cigarrenkiste. Wenn aber an meinem Tische ein blaues Wölkchen aufging, so schloß ich die Augen in Jammer und Weh. So kam ich vor Jahresfrist nach Bremen., saß mit ehrsamen Menschen im Ratskeller, trank von ihrem Wein und lehnte alles gute Kraut, das man mir bot, mit edler Festigkeit ab. Der Mensch muß nur konsequent sein! Aber ein Vielerfahrener langte eine Cigarre hervor, bot mir Feuer und verschwor sich hoch und teuer, daß irr diesem Kraut meine sichere Rettung vor grauer Melancholie enthalten sei : es war die Wendt'sche Patent-Cigarre. Mit sichtlichem Mißtrauen nahm ich die neue „Nikotinsreie", auf eine zweite Enttäuschung gefaßt — aber mein Antlitz, hellte sich aus, die Cigarre schmeckte, sie hatte Aroma, ich rauchte an jenem Tage ein halbes Dutzend und habe sehrgut im Schutze des Roland geschlafen. Seither bin ich. vor der trostlosen Abstinenz bewahrt, fröhlich zünde ich zum guten Werke meine Cigarre an und lasse des Tabaks Düste wiederum fröhlich steigen-wie einst. Ich bin nicht Chemiker oder Mediziner, aber ich glaube es darum doch dem Professor Dr. von Lagerheim und Samtätsrat Dr. Fürst, daß die nach dem Professor Gerold'schen und Professor Thoms'schen Verfahren von den Wendt'schen Cigarrenfabriken A.-G. in Bremen bergestellten Cigarren für die Gesundheit des Rauchers absolut unschädlich seien — ich habe an mir die Probe gemacht, daß sie, aber einen wirklichen Genuß und die guten Tabaksorten in vollkommener Form und ohne Beeinträchtigung von Geschmack und Aroma bieten, dafür bin ich ein Zeuge, der in jahrelanger Uebung sich einige Kompetenz erworben hat. In dem Augenblicke, da ich diese Zeilen schreibe, greife ich zu einer frischen Wendt'schen Cigarre, und Hoffe, daß gleich mir noch viele Genossen im Unglück an diesem hygienischen. Genußmittel ihre Freude haben, denen anscheinend schon die letzte Cigarre gewickelt war. Groß-Lichterselde. Dr. Alfred Funken

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.