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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-05-26 · Heft 21 (26.5.1905) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 21 (26.5.1905)
Date
1905-05-26
Page
– (sequence 1)
Language
German
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69. Jahrgang. No. 21. Berlin, 26. Mai 1905 . Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Begründet von. Rabbiner D** Ludwig Phillppson. Verlags-Expedition: Berlin, Jernsalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/49, zu richten. Verlag von Rudolf Masse, Berlin. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vlerteljährl. 3 M. Redaktenrr Gustav Rarpele». Der Milcht Ikammkrjunker. Berlin, 23. Mai. der gesamten „nationalen" Presse herrscht eine Helle / Enipörung über den Artikel eines süddeutschen jüdischen Blattes, der die Ernennung eines jungen Frankfurters zürn Kammerjunker behandelt, welcher sich dann angeblich bei einem Garde-Kavallerieregiment zur Wahl stellen wollte. Wir haben die Meldung, wie sie vorlag, einfach wiedergegeben, iveil sie für die Frage, um die es sich handelt, im ganzen bedeutungslos bleibt, obwohl sie uns verdächtig schien. Jetzt wird von zuständiger amtlicher Seite erklärt, daß dem Preußischen Oberkämmereramt nichts von einer Ernennung des Herrn v. Goldschmidt - Rothschild zum Kammerjunker bekannt ist. Die „Kreuzztg." fügte dieser Erklärung noch hinzu, daß Herr v. Goldschmidt-Rothschild zum großherzoglich hessischen Kammerjunker ernannt sei. Indes auch dies beruht auf einem Irrtum. Gleichviel! Denn wir haben gar nichts davon gemerkt, daß „von Don bis Bersaba" unbändige Freude über den Vorfall herrsche, wir haben uns nicht einmal darüber gewundert, daß bei diesem Anlaß der Haß der Sozialdemokratie gegen das jüdische Großkapital wieder einmal wunderliche Blüten getrieben hat. Ja, wir müssen sogar einem gegnerischen Blatte leider Recht geben, das behauptet: „Jedenfalls wird dieser Fall nicht die Folge haben, daß nunmehr jüdische Osfiziersaspiranten glatt durch die Wahl gehen, sondern umgekehrt. Der Widerstand des Osfizierkorps gegen jüdische Kameraden wird vielmehr dadurch eine gewaltige Stärkung erfahren." Da aber die ganze Frage wieder einmal angeschnitten wurde, so wollen wir einer Zuschrift gern Raum geben, die uns von hochachtbarer und eminent sachkundiger Seite zugeht, und die die Sachlage von einem höheren und allgemeineren Standpunkte aus behandelt. Dieselbe lautet: Die Reichstagsdebatten im März d. I. haben wiederum einmal die Diskussion über die Nichtbeförderung der Juden beim Militär zur Sprache gebracht. Es ist dies von weiterem allgemeinen Interesse, weil dadurch gerade die hochgebildeten deutschen Juden als minderwertig gegenüber den ausländischen Juden hingestellt werden. Jedenfalls ist es höchst befremdend, daß in Preußen kein Jude Leutnant werden kann, während Juden anderwärts in die höchsten militärischen Stellen und u. a. in dem mit Deutschland alliierten Italien Juden zu Korpskommandanten und Kriegsministern avancierten. Selbst in Oesterreich würde der deutsche Kaiser,. wenn er jetzt sein österreichisches Infanterieregiment in seinem Standorte besuchen wollte, von einem Juden als Brigadekommandeur empfangen werden. ' Mit Neid blickt man sonst überall auf die große Sachlichkeit, mit welcher öffentliche Fragen in Deutschland erörtert zu werden pflegen, um so mehr muß es auffallen, daß gerade bei der Zurücksetzung der Juden in ihrer militärischen Dienstpflicht jene Sachlichkeit in der Erörterung seit jeher vermißt wird- Bedeutet es doch weit mehr, wenn man dort, wo man zur Mitleistung verpflichtet ist, zurückgesetzt wird, als wenn man irgend ein Amt freiwillig anstrebt und dabei selbst aus den ungerechtesten Gründen zurückgewiesen wird. Auch die letzte Reichstagsdebatte hat keineswegs Klarheit geschaffen; man weiß, was von den Aeußerungen des Kriegsministers in pi-axi zu halten sein wird. Tatsache ist, daß, während in den Feldzügen von 1866 und 1870 eine Reihe von jüdischen Reserveoffizieren dienten, in den letzten zwanzig Jahren jüdische Einjährig-Freiwillige nur in ganz vereinzelten — mir übrigens nominell nicht bekannt gewordenen Fällen — zu Reserveoffizieren befördert wurden, daß vielmehr fast allen schon direkt von militärischer Seite, das heißt von den Regimentern, der Weg zum Reserveoffizier abgeschnitten worden ist. Tatsache ist aber vor allem, daß heute kein einziger aktiver jüdischer Offizier im Preußischen Heere existiert, während Juden schon in den Befreiungskriegen und vor der gesetzlichen Gleichberechtigung der Juden, — ich erinnere u. a. an den jüdischen Artilleriemajor und Lehrer an der Kriegsakademie Burg, an welchem Friedrich IV. seine vergeblichen Bekehrungsversuche machte — als aktive Offiziere in Preußischen Diensten standen. Die Gräber, die die als Helden für Preußens Ehre gefallenen jüdischen Offiziere und Soldaten bergen, sind nun einmal in Vergessenheit geraten. „Neu' Regiment bringt neue Menschen auf und früheres Verdienst veraltet schnell." In der Presse wurde nun allerdings vereinzelt darauf hingewiesen, daß unter den aktiven Offizieren kein Jude sich befindet. Im großen und ganzen dreht sich aber die Diskussion immer um die aus den Einjährig-Freiwilligen hervorgehenden Reserveoffiziere, wie dies auch erst vor kurzem die Ueberschrift eines Artikels in der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" zum Ausdruck bringt. Wohl ist es, richtig, daß die Reserveosfiziersfrage als die weit brenn endere erscheint, da es sich hier um die zum Waffendienst verpflichteten Einjährig-Freiwilligen handelt, während niemand gezwungen ist, aktiver Offizier zu werden. Nichtsdestoweniger aber dünkt mir der ganze Kern des Uebels in der Frage der aktiven Offiziere zu liegen. Nach welchem Grundsätze, so müssen wir uns vor allem fragen, ergänzt sich das deutsche Offizierskorps sowohl hinsichtlich der aktiven als der Reserveoffiziere? Durch die Wahl.

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