Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 20 (19.5.1905)
- Date
- 1905-05-19
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Herr Rabbiner Dr. Eckstein eine Einladung. Die höchsten geistlichen Würdenträger und die Spitzen der Behörden waren zugegen. Herr Dr. Eckstein wurde während der Tafel des öfteren vom Erzbischof ins Gespräch gezogen. — Neues Leben regt sich auch in der hiesigen Kultus gemein de. Jahrelang trägt man sich mit dem Gedanken, eine neue Synagoge zu bauen, endlich scheint Ernst daraus zu werden. Die Stadtvertretung hat in entgegenkommender Weise einen schön gelegenen Bauplatz zur Verfügung gestellt und nun tritt die Verwaltung energisch für die Verwirklichung des Projekts ein. — Karlsruhe, 11. Mai. Der Großherzogliche Oberrat der Israeliten in Baden hat, um auch kleinen Gemeinden die Vorteile einer guten Büchersammlung zugänglich zu machen, die Errichtung einer Wanderbibliothek in die Wege geleitet. Aus ein Ausschreiben des Oberrats hat eine über Erwarten große Anzahl von Gemeinden um Einbeziehung in den Turnus der Wanderbibliothek gebeten. Da es sehr erwünscht wäre, alle diese Gemeinden berücksichtigen zu können, hierfür aber die verfügbaren Mittel nicht ausreichen, werden die israelitischen Familien des Landes, insbesondere die der Stadtgemeinden, ersucht, geeignete Bücher für Erwachsene und für die Jugend, sowohl allgemein bildender Art als auch besonders Erzählungen aus dem jüdischen Familienleben enthaltend, der Wanderbibliothek zu überlassen. Das Sekretariat des Großherzoglichen Oberrats nimmt auch Geldbeiträge zur Beschaffung entgegen. Man erwartet und 'wünscht, daß der gemeinnützigen Einrichtung tatkräftige Unterstützung zu teil wird. — Stuttgart, 12. Mai. 'In der 77. Sitzung der Kammer der Abgeordneten am 5. d. M. fragte der Abgeordnete Betz von der Volkspartei bei Kap. 60 (Beitrag , zur israelitischen Zentralkirchenkasse) an, welche Stellung die Regierung zu verschiedenen, ihr bereits vor fünf Jahren zur Erwägung übergegebenen Wünschen bezüglich, einer Aenderung der Rechtsverhältnisse der israelitischen Kirchengemeinschaften eingenommen habe, beziehungsweise einzunehmen gedenke. Der Minister v. Weizsäcker erwiderte hierauf/ der Entwurf über die Aenderung dieser Rechtsverhältnisse werde zur Veröffentlichung gelangen: wann, könne er im Hinblick auf die stark belastete Geschäftslage des Hauses -jetzt noch nicht sagen. Dem Kommissionsantrag betr. die Neuregelung der Gehaltsverhältnisse'der Rabbiner, Lehrer und Vorsänger wurde hierauf , zugestimmt. Gesterretch-Nnsarn. LH Wien, 15. Mai. Der erste Vizebürgermeister der Stadt Wien, der bekannte Antisemit Strohbach, ist am 10. d. M. gestorben. Strobach, der Typus des echten Wiener Spießbürgers, war der erste antisemitische Bürgermeister Wiens, gewählt als Platzhalter für Dr. Lueger, dem bekanntlich anfangs die kaiserliche Bestätigung versagt wurde. Als dann die Verhältnisse sich geändert und Dr. Lueger die Zusicherung seiner Bestätigung gefunden hatte, trat Strobach sofort zugunsten seines Herrn und Meisters zurück und erhielt zum Dank dafür die erste'Vizebürgermeisterstelle, die er seither ununterbrochen inne hatte. Nur mit einer sehr mangelhaften Schulbildung' ausgestattet und daher durch keinerlei Sachkenntnis, getrübt, mischte er sich doch mit keckem Mute in die schwierigen Verwaltungsgeschäfte des großen Gemeinwesens, wobei er freilich nur die genauen Direktiven Dr. Luegers zur, Ausführung. brachte. -7- Die amtliche „Wiener Zeitung" meldet die Ernennung Salomon Bubersdes ausgezeichneten Lemberger Gelehrten, zum kaiserlichen Rate. Alle, die das Wirken und. Schaffen-des Mannes kennen, werden sich über diese wohlverdiente Auszeichnung^ herzlich freuen. — Sogar der Polenklub hat gegen das Schächtperbot eine Interpellation im Reichsrat eingebracht, die fast sämtliche Mitglieder des Klubs unterschrieben haben. — Der Vorstand der jüdischen Gemeinde hat in seinem Gesuch att den Minister betreffend das Sch ächt verbot deS Gemeinderats auch um Sistierung des Beschlusses bis z^r Erledigung der Beschwerde angefucht. — Die Liste des Mar- Ava n cements der Armee weist auch diesmal eine ansehnliche. Zahl jüdischer Militärs auf, die in höhere Chargen eingereiht wurden. ' Von Mh und jfrrn. — Eine Petition um Erhöhung des Grundgehaltes für diejenigen israelitischen Volksschullehrer, mit deren Stellen Vorsängerdienst dauernd verbunden ist. wurde im Abgeordnetenhause durch Uebergang zur Tagesordnung erledigt. — Richard Beer-Hofmann hat für seinen „Gras von Charolais" ein Drittel der ersten. Volks- Schiller-Preises (1000 Mark) erhalten und in einem Dankestelegramm an den Vorstand des Bremer Goethe-Bundes die Summe dem Stiftungsfonds für den Preis überwiesen. — Das Kuratorium des jüdischen Kurhospitals in Kolberg ist abermals von einem herben Verlust betroffen worden. Am 12. d.'M. ist Stadtrat Paul Lindenhayn , der Vorsitzender des Vorstandes war, gestorben. — JnStolP i. P. ist am 8.d. M. der Rentier Aron Gold stein gestorben. Derselbe gehörte seit 25 Jahren dem Gemeindevorstand und seit 27 Jahren dem Vorstand der Chewra Kadischa an. — Der Kardinal-Fürstbischof Dr. Köpp aus Breslau, der zur Einweihung einer neuen katholischen Kirche am 7. d. M. in Liegnitz war, wurde am Bahnhof von dem Oberbürgermeister und von dem Stadtverordnetenvorsteher Heinrich Cohn begrüßt. Mittags machte der Kardinal auch dem Stadtverordnetenvorsteher seinen Besuch. Zu dem vom Liegnitzer Pfarrer gegebenen Diner war auch Herr Cohn geladen und an der Haupttafel, an der der Kardinal saß, plaziert. — In Zittau ist am 13. d. M. der Prediger und Lehrer Simon Neubauer nach kurzem Krankenlager gestorben. Derselbe war früher in gleicher Eigenschaft in Charlottenburg. '(St: war einer der bravsten Menschen, einer der tüchtigsten Lehrer und zuverlässigsten Beamten. Ehre seinem Andenken! — In Eisleben feierte am 12. d. Mder Rentier Isidor Simon seinen 100. Geburtstag. Am 12. Mai 1805 erblickte er zu Köthen das Licht der Welt. In den hundert Jahren hat der alte Herr — von kleineren Unpäßlichkeiten abgesehen — nur einmal eine schwere Krankheit gehabt. — Dr. Arnold Lazarus, der seit April v. I. als Hilfsprediger und Religionslehrer in Frankfurt a. M. angestellt ist, wurde zum zweiten Rabbiner der Hauptgemeinde ernannt. — In Köln starb am 3. d. M. infolge einer Herzlähmung Herr Otto de la Parra, der letzte Sproß der alteingesessenen Abraham Oppenheim'schen Familie, der seinem angestammten Glauben, dem Judentum treu geblieben. Der Entschlafene war Oberleutnant der . Landwehr- Infanterie a. D. trotzdem er Jude war. .Als' tapferer Kämpfer hatte er die siegreichen Feldzüge 66 und 70/71 mitgefochten.— In König sh o sen würden auf dem israelischen Friedhofe Grabsteine abgebrochen und große Verwüstungen angerichtet. Die Täter sind-noch .nicht ermittelt. — Das im Jahre 1857 gegründete israelitische Institut in Pfungstadt ist wegen fortdauernder Kränklichkeit deS Besitzers Dr. Barnaß, mit denk Schluß des abgelaufenen Schuljahrs eingegangen. — Dem Hospital- und prakt. Arzt Dr. med. Gustav Levy in Straßburg ist der Charakter als Kaiserlicher Sanitätsrat verliehen worden. — Ter siebente Zionistenkongreß findet laut Bekanntmachung des Agitationskomitees am 27. Juli d. I. und den folgenden Tagen in Basel statt. — Die Schriftstellerin Frau Maria Franzos in Wien ist von dem König von Schweden durch Verleihung'der goldenen Medaille „Litteris et. Artibns“ ausgezeichnet worden. In Kronstadt wurde Rabbiner Dr.-Hermann Klein aus Mainz einstimmig zum Oberrabbiner der orthodoxen Gemeinde gewählt. — In Budapest ist der Oberkantor Jacob Bachmann gestorben,' Bachmann zählte Jahrzehnte hindurch zu den hervorragendsten seines Berufes in ganz Europa. Er ist nur 61 Jahre alt geworden. Auch literarisch tätig, - hat er mehrere wertvolle Kompositionen hinterlassen. — Die Polizei in Warschau sucht mit allen Mitteln die Menge gegen die Juden aufzuhetzen. So veröffentlichte sie im amtlichen „Dnewnik Warschawski" eine, natürlich ganz unvollständige, Liste der am 1. Mai Ermordeten, in der sich ausschließlich Christen befanden und die bei jedem Namen das Glaubensbekenntnis „Katholik" enthält. Es galt ihr, obwohl notorisch auch eine Menge Juden getötet und verwundet wurden, zu zeigen, daß sich die Juden vor der Gefahr zurückziehen und nur die Christen ins Feuer schicken. Im letzten Augenblick verlautete gerüchtweise, daß Jan Jelenski, Redakteur und Herausgeber des berüchtigten antisemitischen Hetz- und Denunziationsblattes „Rola", getötet worden ist, was natürlich eine Erfindung war.