Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 19 (12.5.1905)
- Date
- 1905-05-12
- Page
- Seite 218 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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infolge seiner bisherigen Abschließüng ihnen fremden'Elementes nicht ohne eine gewisse Reaktion erduldet haben. Das sind Verdauungsschwierigkeiten-.die sich überall. einstellen und die einen ganzen- Volkskörper'.. ebenso ergreifen könnenwieden Organismus des einzelnen. Es gibt, in unseren Ländern viel schwerere Probleme als das Judenproblem, viel drückendere Fragen als die Judenfrage und es wäre geradezu ein Verbrechen, es wäre mehr, es wäre ein Fehler, wenn wir Juden das nicht anerkennen wollten. Gewiß spielen sich Tragödien ab in den Seelen" derjenigen, die mit aller Inbrunst sich an ihre deutschen und französischen oder englischen Volksgenossen, deren Kultur sie in sich ausgenommen haben, nun auch gewissermaßen Physisch anschließen möchten, in ihnen aufgehen und jede Erinnerung an ihre jüdische Abstammung vergessen möchten. Sie werden grausam gewahr, daß Blut doch mehr ist als Wasser und es gebührt ihnen, daß sie dessen gewahr werden. Denn das ist eben der letzte Rest jener Ghettoerniedrigung, daß der aus der Niedrigkeit aufsteigende Jude glaubt, der deutsche, der französische, der englische Volksgenosse sei in anthropologischem Sinne etwas Vornehmeres als er, gehöre einer höheren Rasse an. Den ganzen Rassenstandpunkt hat sich der> Jude überhaupt erst durch die antisemitische Bewegung aufdrängen lassen, während gerade er zuvor aus dem Standpunkte gestanden ist, daß alle Menschen gleich, alle Menschen Gottes Kinder sind. Wenn aber der Rassenstandpunkt, einmal akzeptiert werden soll, wer Hätte dann ein Recht, mit größerem Stolz auf den uralten -Adel seiner Abstammung zurückzublicken? Der Jude, der auf dieses Erbteil, seinen Ahnenstolz verzichtet, hat es sich selber zuzuschreiben, wenn er Demütigungen erlebt. Nach dieser Abschweifung, zu der mich die Auseinandersetzung mit den zionistischen Europamüden gezwungen hat, kehren wir zurück zu der Frage, wie unseren Brüdern im Osten geholfen werden kann. Neben dem Kampfe um die äußere Kultur, neben dem Anschlüsse an die Freiheitspartei, ist die Hebung der inneren Kultur am notwendigsten.. Ich frage die hier anwesenden Anhänger des gesetzestreuen Judentums, ob es ihre religiösen.Gefühle und ihre Gesetzestreue auch nur im Allermindesten geschädigt hat, wenn sie sich' im übrigen aller Kulturmittel der Völker, unter denen sie leben, bemächtigt haben? Und da die Antwort ganz selbstverständlich ist, so wird auch die Folgerung zulässig sein, daß der Bann, in dem die osteuropäischen Wunderrabbiner und Ultraorthodoxen ihre Anhänger erhalten, gebrochen werden muß, daß unbeschadet der Religion, die ja in der Tat Privatsache jedes einzelnen ist, die Tore geöffnet werden müssen für die moderne Bildung und Kultur, vor allem aber für die wirtschaftliche Tüchtigkeit. Und da wir Juden an dem Uebel leiden, daß wir durch mehr als tausend Jahre in die Städte gedrängt und auf städtische Berufe angewiesen worden sind, so wünsche ich uns nichts sehnlicher als die Bluterneuerung, die wir erst erfahren können, wenn wir uns wieder in Massen dem Gewerbe unserer Väter, der Landwirtschaft, zuwenden. Man sagt, der Städter wird nicht leicht wieder zum Landwirt. Das ist gewiß wahr und ebenso wahr ist, daß der einzelne Jude, der es versuchen würde, in irgend eine Dorfgemeinschast einzntreten und dort sein Land zu bebauen, sehr bald von seinen christlichen Dorsgenossen hinausgeekelt werden würde. Darum muß die Sache gleich gründlicher angefaßt werden. Es ist eine unserer wichtigsten Ausgaben und ich lege sie allen Leitern jüdischer Wohlfahrtsinstitute dringend ans Herz, jüdische. Ackerbauschulen. allerorten zu gründen. Wir sehen an. dem Beispiele Japans, .was, zielbewüßte Volkserziehung zu leisten imstande ist. Wenn wir Juden Äckerbaüschulen gründen, - die alljährlich ganze Klassen von Maturanten entlassen,"wenn wir diesen geschulten Ackerbauern die Möglichkeit geben zu geschlossenen Siedlungen, wo. nicht der einzelne Jude einer hundertfachen feindlichen Ueberzahl gegenüberstehtsondern ein ganzes.jüdisches Dorf 'geschaffen wird mit jüdischer Gemarkungso werden diese jüdischen ' Bauern sich ihrer Haut schon zu wehren wissen, wie .es einst unsere Väter-, die Makkabäer, getan haben.und wie es heute schon wieder die jüdischen Siedlungen in Palästina arabischen Raubzügen gegenüber tun. Es ist gar nichts zu befürchten von solchen geschlossenen jüdischen Siedlungen. Es wird niemand darin eine Okkupierung christlichen Grundes und Bodens erblicken. Es ist irn Gegenteil ganz, gewiß, daß alle Regierungen, die ja unter dem Problem des jüdischen Proletariats in den Städten selber leiden, mit Freude ihre Zustimmung geben würden zur Anlage von jüdischen Ackerbaüsiedlungen. Es ist auch töricht) mit dieser Umgestaltung, mit dieser Umschichtung der jüdischen Bevölkerung etwa zu warten,-bis die Vorsehung wieder jenes Stück Land, das einst unsere Väter besaßen, den Juden zur Verfügung stellt. Gerade wenn jetzt in Rußland Religionsfreiheit- und Freizügigkeit zugestanden werden sollte, ist die Aufgabe eine doppelt dringende, die jüdische Bevölkerung nicht wieder auf jene ausschließlich städtischen Gewerbe loszulassen, in denen sie sich selber Konkurrenz machen und selbstverständlich den Konkurrenzneid der christlichen Bevölkerung herausfordern muß. Rußland ist ungeheuer groß, hat ungeheuer viel Boden, auch guten und fruchtbaren Boden. Wenn es gelingen würde, in diesem Osten einen nennenswerten Bruchteil der jüdischen Bevölkerung, erst Hunderttausend, dann wieder Hunderttausend und schließlich Millionen der Landwirtschaft wieder zurückzusühren, die gerade heute eine nicht mindere Intelligenz beansprucht als welches städtische Gewerbe' immer, so hätten wir die währe Lösung des Judenproblems herbeigeführt, gleichviel, ob es uns gelingt, das Haus unserer Väter in Palästina wieder zu erwerben oder nicht, Nur so können wir von all den Leiden der städtischen Existenz, von der Entartung des Blutes und der Nervensubstanz wieder befreit werden, nur so kann die verkümmerte Ahasvererscheinung des Ghettojuden wieder verdrängt werden durch die aufrechte Gestalt stolzer, freier, auch körperlich tüchtiger Männer und so kann jener Adel wieder erzeugt werden, der heute nur in unserer Vorstellung lebt. Nur so können wir dazu gelangen, jedem Mitglied der großen jüdischen Familie das zu geben, was es besitzen soll als unveräußerliches Erbteil in dem Kampf des Lebens: das Bewußtsein seines Adels, das Bewußtsein seiner Abstammung von jenem Volke, das der Welt die Propheten gegeben hat. Dir Woche. Berlin, 9. Mai. schlimiüsten unserer Gegner find die Agr arier. Das ist eine alte Wahrheit, die uns aber die Tagespolitik immer wieder einschärst. Vor kurzem hat hier ein „Jüdischer Turntag" stattgefunden, 'der folgende Erklärung angenommen hat: „Die „Jüdische Turnerschaft" bezweckt die Pflege des Turnens als Mittel zur Hebung des jüdischen Stammes im Sinne der nationaljüdischen Idee. Unter Nationaljudentum verstehen wir das Bewußtsein der Zusammengehörigkeit aller Juden aus Grund gemeinsamer Abstammung und Geschichte, sowie den Willen, die jüdische Stammesgemeinschaft aus dieset Grundlage zu erhalten. Der Verband verfolgt keine politischen Zwecke."