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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-05-12 · Heft 19 (12.5.1905) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 19 (12.5.1905)
Date
1905-05-12
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Berlin, 12. Mai 1905. No. 19. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandöl, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 M. Redakteur: Gustav Rarpele». Begründet von Rabbiner D« Ludwig Philippson. Verlags-Expedition: Berlin, Jernsalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung, des Judentums", Berlin SW-, Jerusalemer Straße §6/49, zu richtend Verlag von Rudolf Rlosse, Berlin. Das oltjüdilchk Kroblrm. Berlin, 8. Mai. lljährlich, wenn der Frühling naht, der sonst in aller Menschen Herzen die Freude und die Hoffnung weckt, tritt das hohläugige Gespenst des ostjüdischen Problems - in seiner um so furchtbareren Tragik vor uns hin und erzwingt sich unsere Sorge, unser Nachdenken. Wie ist es möglich, da Hilfe zu bringen, ehe eine Katastrophe eintritt? Die Frage ist die brennendste angesichts der Scharen von Auswanderern, die rat- und hilflos, sobald das mildere Wetter beginnt, vom Osten nach dem Westen sich wälzen. Da ist es denn von Interesse, die Stimme eines Sachkundigen zu vernehmeneines Mannes, der Land und Leute eben kennen gelernt, und der objektiv, frei Von aller Sentimentalität, die Sachlage beurteilen wird. Es ist dies der bekannte Publizist, Dr. Hugo Ganz, der kürzlich in der Plenarversammlung der „Oesterr. Jsr. Union" in Wien einen Vortrag über dieses Thema gehalten hat, welcher im Interesse der Sache weiteren Kreisen zugänglich gemacht werden sollte. Nach einer Schilderung der Verhältnisse in den drei Ländern, in denen die „Judennot" tatsächlich vorhanden, nämlich Rußlands, Rumäniens und Galiziens, wirft auch der Redner die Frage auf: Wie ist da zu Helsen? Hören wir nun seine Antwort. Sie ist nicht erschöpfend, aber nach vielen Richtungen hin lehrreich und durchweg interessant. Ich habe in meiner Heimat im Westen so oft das Wort! gehört: „Was gehen uns „die" dort an?" Ein schnöderes Wort kenne ich überhaupt nicht. Wo sich eine Gelegenheit fand, habe ich darauf hingewiesen, daß jene von uns Westlern in ihrer Tracht und ihrer Sprechweise so tief verachteten Ostjuden in ihrer Tracht und in ihrer Sprache nichts anderes konservieren als die Tracht und Sprache des mitteldeutschen Bürgertums im 13. und 14. Jahrhundert, daß also die in ihrer Verwahrlosung so schrecklichen Erscheinungen im Kaftan nichts anderes sind als die Abbilder unserer eigenen Väter, die vor fünf und sechs Jahrhunderten unter der Verfolgung der Kreuzzügler die Heimat an den Ufern des Rheins!und des Mains verlassen haben. Es ist auch vergeblich, daß. der im Glücke lebende Westjude jede Gemeinschaft mit dem Elendsjuden des Ostens von sich abschütteln will. Es gibt Leute genug, die immer wieder an diese Verwandtschaft erinnern. Ich, meine Herren, bin kein Zionist, ich spreche nicht vom jüdischen Volke, von der jüdischen Nation, ich spreche aber von der jüdischen Familie. Nicht ein Volk, nicht eine Nation sind wir, wohl aber eine Familie. Eine Familie gleicher Abstammung, mit gleichen Erinnerungen "und gleichen Leiden, wenn es auch einzelnen Gliedern der Familie gelungen ist, sich in die Höhe zu arbeiten und im Glanze zu stehen, während andere im Schatten des Elends bleiben inüssen. Mitglieder einer Familie können den verschiedensten Völkern angehören, ohne daß sie in ihrem Patriotismus beeinträchtigt werden. Das zeigt uns der Adel, der doch geradezu ein Patent aus den Patriotismus hat, in Hunderten von Familien. Wie es aber uns verächtlich vorkommt, wenn ein Reicher und Gebildeter seine^ armen^ünd ungebildeten Verwandten nicht kennen will, so wäre es geradezu schändlich, wenn die wohlsituierten^Juden Englands, Deutschlands, Frankreichs und Amerikas, die aller Segnungen einer freien Gesetzgebung schon seit Jahrzehnten teilhaftsind, ihre im Elend lebenden Familienmitglieder im Osten vergessen wollten. Aber was können sie für sie tun? Sie können sie unterstützen in der Kulturarbeit. Kulturarbeit ist im^Osten eine doppelte, eine innere und eine äußere; die äußere muß die Vorbedingungen schaffen. Ohne eine Abänderung des russischen und rumänischen Regierungssystems kann an eine Erleichterung des Judenloses überhaupt nicht gedacht werden. Es ist also die Pflicht und das Recht jedes Juden, jene Parteien zu unterstützen, die mit allen Mitteln, auch den verzweifeltsten, an dem Umstürze des jetzt bestehenden ruchlosen Systems arbeiten. Man wird behaupten,' daß die Juden, wenn sie sich jetzt in die Reihen der Freiheitskämpfer begeben, keinen Dank davon haben würden. Das ist nicht wahr. Ich habe schon jetzt in Rußland überall die Wahrnehmung gemacht, daß man die Juden als Mitkämpfer begrüßt, und daß die große Freiheitsbewegung Dank der Selbstaufopferung der Juden, freilich auch Dank der Schandtaten der russischen Polizei, auch eine judenfreundliche geworden ist?" Man wird mich daran erinnern, daß auch die Revolution von 1848 eine judenfreundliche gewesen sei und daß wir heute doch in gapz Europa den Antisemitismus wieder hätten, daß also auch die Juden in Rußland, wenn sie selbst jetzt mit dem Einsätze ihres Lebens helfen, die Autokratie zu stürzen und den konstitutionellen Staat zu errichten, in dreißig Jahren nicht; Zweiter halten würden wie wir jetzt. Nun meine Herren! Jch^wünsche den Juden in Rußland nichts besseres, als daß sie in dreißig Jahren so weit halten mögen, wie wir jetzt halten. Ich unterschätze gewiß nicht die moralischen und wirtschaftlichen Leiden, die dem einzelnen von uns aus der neu erwachten oder schon nicht mehr neuen antisemitischen Strömung bei uns erwachsen können. Aber seien wir doch nicht ungerecht! Erkennen wir doch an, wie unendlich Vieles bester geworden ist seit den Märztagen des Jahres 1848. Verargen wir auch den Völkern, unter denen wir? leben, nicht, wenn sie den Einbruchs eines

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