Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 17 (28.4.1905)
- Date
- 1905-04-28
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Hause für die Gratislnilch-Justitution und eine«» iji'öfcm Gebäude für die Tälruud-Thora, 200'000 Kronen zur Erhaltring des von ihm erbauten "Armenasyls, ea. 250 000 Kronen zum Ban eines neuen Tempels sowie für verschiedene Wohltätigkeitsanstalten und Institute und 400 000 Kronen als Familienfond zur Unterstützung mittelloser Familienmitglieder. Von Osh und jfrm. — Am 25. April d. I. feierte der bekannte Schriftsteller N. I. Anders, der durch seine frühere eifrige Teilnahme am' jüdischen Vereinsleben sich auszeichnete, den 70. Geburtstag. Anders war seinerzeit ein sehr fruchtbarer und beliebter Bühnenschriftsteller. — Nach längerem Leiden ist am 19. d. M. früh der Seniorchef und E Begründer von Louis Hirschs Telegraphischem Bnreau, Herr Louis Hirsch, im 77. Lebensjahre hier gestorben. — Graf Pückler-' Klein-Tschirne hat gegen den Juwelenhändler Levy aus Frankfurt a. M. wegen des bekannten Vorfalles im Berliner Hotel de'Rome Anklage wegen vorsätzlicher Körperverletzung erhoben. Justizrat Wronker hat die Verteidigung übernommen. — In Hamburg ist der Stiftsrabbiner I. L. Adler, der älteste der dortigen Rabbiner, am? 17. d. M. im Alter von 95 Jahren gestorben. — Jüdische Blätter bringen die Nachricht von dem Ableben des ordentlichen Professors der Mineralogie in Greifswald, Dr. Emil Cohen. Derselbe war ] aber kein Jude, sondern Protestant von Geburt. — In Essen ist ‘ am 15. d. M.Kreistierarzt a. D. Albert Hirschland im73.Lebens- £- jahre gestorben. Derselbe nahm einen regen Anteil am Gemeindeleben und war Vorstandsmitglied verschiedener jüdischer Vereine. — Der frühere Oberlehrer am Philantropin in Frankfurt a. M. Professor Josef Herz,, hat den Roten Adlerorden IV.Klasse erhalten. ' — In Duisburg wurde der neugewählte Rabbiner Dr. Neumark., am 8. d. M. feierlich in sein Amt eingeführt. — Der unlängst in Straßburg i. E. verstorbene Lederfabrikant Ferdinand Oppenheimer vermachte 100000 Mark zu gemeinnützigen Zwecken. — Die Statue des bekannten Bildhauers Henrik Glicenstein „Der Wanderer", welche auf der Jahresausstellung in Rom soeben aus-' gestellt ist, wurde vom König von Italien angekauft. — In Paris ist der bekannte Journalist und Politiker Camille Dreysus im 54. Lebensjahre gestorben. Sein Leben war ein sehr bewegtes. Er war mehrere Male Abgeordneter, dann Kabinetsches im Finanzministerium und Kommissär der Brüsseler Ausstellung. Im Kampfe gegen die Antisemiten hatte er mehrere Duelle zu bestehen. Von seinen nationalökonomischen Schriften haben einige bleibenden Wert. — In Serbien beginnt die antisemitische Bewegung Platz zu greifen. In den nächsten Tagen erscheint nämlich ein neues Blatt „Der Antisemit", dessen Tendenz auf Ausweisung der Juden aus Serbien geht. — Durch verschiedene Blätter ging seinerzeit die Nachricht, daß Generalgouverneur Trepow sämtliche Juden, die in den Putilowschen Werken in Petersburg als Meister angestellt waren, entlassen und aus Petersburg ausweisen ließ. Trepow sieht sich nunmehr veranlaßt, diese Nachricht offiziell zu dementieren. Kein Meister aus den Putilowschen Werken ist aus dem bloßen Grunde, weil er Jude ist, ausgewiesen worden. — Die „Nowoje Wremja" schreibt folgendes: „Bei uns sind die Ehen der Rechtgläubigen (Prawoslawny) und der Katholiken mit Juden, Mohammedanern und Götzendienern nach kirchlichen Anschauungen verboten. Jetzt ist die Frage aufgeworfen worden, die Zivilehe, welche den „Bezpopowzh" (einer Sekte in Rußland) gestattet, auch der Bevölkerung der „Roskotniky" (ebenfalls einer Sekte) zu erlauben. Ist dies nun einmal angenommen, so ist es viel einfacher, für die gesamte Bevölkerung die Zivilehe einzuführen." — Die jüdische Gemeinde zu Petersburg hat nach langen Bemühungen erst dieser Tage vom Ministerium des Innern die Erlaubnis zum Bau einer neuen Synagoge erhalten. Sie wird im Stadtteile Peski errichtet werden. Die Petersburger Juden, deren-Zahl sich auf 60 000 beläuft, hatten bis jetzt nur eine Synagoge. — Am 29. v. M. ist in Kanjew, Gouvernement Kiew, gegen Matthias Daragan und Theodor Grusin verhandelt worden, die beschuldigt waren, im Oktober 1904 an dem in Bohuslaw stattgehabten Judenkrawall teilgenommen und das Haus von Joseph Ostrowski ausgeplündert zu haben. Beide Angeklagte ivurdni nollrSchrunrgericht für schuldig befunden und wegen Räubereien zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt. — Wie dem „Freind" aus Wladiwostok gemeldet wird, befinden sich' dort gegenwärtig weit über 1000 jüdische Soldaten. Man sieht, als Kanonenfutter sind ' die Juden immer noch gut. genug. — Jüdische Bürger von Moh ilew wandten sich an die Presse mit dev Bitte,' zu veröffentlichen, daß sie eine Organisation zur Veranstaltung einer Judenhetze, in Mvhilew ausgedeckt hätten. Selbst in der dortigen Reichsbankfiliale gingen hetzerische Ausrufe.von Hand zu Hand. — Der neuernannte Gouverneur von Kischinew befindet sich gegenwärtig aus einer Inspektionsreise durch Bessarabien, um die Bevölkerung zu beruhigen. Den Juden gab er die offizielle Versicherung, daß die Ruhe während der Feiertage nicht gestört würde. — In Odessa treffen täglich große Ans- , Wanderungstrupps von Deutschen und Juden ein, welche sich nach Amerika begeben wollen. — In Krementschug wurde auf rätselhafte Weise ein Kosakenoffizier Kulow ermordet, und ein Gerücht gab den Juden die Schuld. Daraufhin ließ die Polizei eine Deputation der jüdischen Gemeinde.zu sich kommen und gab ihr auf, diejenigen Juden auszuliefern, welche das Verbrechen begangen hätten. Da die Depution sich hierzu natürlich außer Stande erklärte, so hätte es leicht in Krementschug zu sehr ernsten Judenunruhen kommen können, wenn sich nicht noch rechtzeitig herausgestellt hätte, daß Kulow von Soldaten seiner eigenen Kompagnie ermordet worden war!! — In einer Mazzefabrik in Minsk sind die Arbeiter in den Ausstand getreten. Sie forderten einen höheren Lohn und Verringerung der Arbeitszeit. — Dr.I. L.Kantor in Libau ist zum Kronrabbiner in Wilna gewählt worden. — Im russischen Justizministerium liegt ' seit zwei Monaten der Rekurs eines Juden Srul Mowschowicz, der eine schwere Strafe erhielt, weil er im vorigen Jahre eine Nacht länger als ihm als Juden gestattet war, in Port. Arthur verbrachte. Er hatte nämlich den jüdischen Soldaten Mazzes gebracht und sich länger verweilt. Dafür erhielt er eine Strafe. Nunmehr, da Port Arthur nicht mehr russisch ist, hat er beim Ministerium wegen jener Strafe den Rekurs überreicht und man ist nicht wenig auf den Erfolg gespannt. — Der Krawallprozeß von Homel wird nach Ostern eine zweite Auflage erleben. Verhandelt soll werden gegen 818 Personen, welche aus verschiedenen Ursachen bei der ersten Verhandlung noch nicht abgeurteilt wurden. — Die Verhandlungen gegen die Teilnehmer am Kischinewer Krawall am 19., 20. und 21. April 1905 sind nunmehr definitiv erledigt. Im ganzen fanden wegen dieser Angelegenheit 22 getrennte Verhandlungen gegen 359 Personen statt. Davon sind inzwischen 5 verstorben, 22 sind geflohen und blieben angeblich unauffindbar resp. befinden sich zurzeit auf dem mandschurischen Kriegsschauplätze. Gegen die übrigen . wurde in 22 Prozessen zusammen 93 Tage verhandelt. Die Zahl der Zeugen war enorm und belief sich auf 3258. Von diesen sind vernommen worden 2084. Von den Angeklagten wurden 166'verurteilt und zwar 9 zu schweren Zuchthausarbeiten in den sibirischen Bergwerken. 76 zu Zuchthausstrafen, 52 zu einfachen Gefängnisstraßen und 27 zu Haftftrafen, 1666 Angeklagte wurden freigesprochen. 14795 Rubel wurden den Geschädigten als Schadenersatz zugesprochen. — Wie aus London berichtet wird, hat Zangwill an einer Tafelrunde im Freundeskreis . erzählt, er sei während seiner Anwesenheit in Washington u. a. auch zu einem Diner beim Präsidenten Roosevelt geladen worden und habe mit ihm sehr eingehend über die Judenfrage gesprochen; der Präsident sei ein aufrichtiger Freund der Juden. — Am 3. d. M. hat der deutsche Generalkonsul in Jerusalem, Dr. Schmidt, das Lehrerseminar des „HilfsVereins" besucht und dem Unterricht in Pädagogik, Geographie, und Botanik beigewohnt. Dieser Unterricht hat den vollen Beifall des Generalkonsuls gefunden, wie er denn überhaupt der jungen Anstalt seit ihrer Begründung ein lebhaftes und in hohem Grade erfreuliches Interesse entgegenbringt. — Der deutsche Kaiser hat für die jüdischen und christlichen Armen in Tanger je 500 Franks gespendet. — Zu einem Rachezuge nach Casablanca rüsteten sich wegen eines von einem Juden aus dieser Stadt verübten Mordes mehrere Stämme. In Casablanca brach eine Panik aus. Nach einer Besprechung mit dem Pascha und nach Zahlung von 200 Duros rückten die Rebellen wieder ab.