Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 17 (28.4.1905)
- Date
- 1905-04-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228636-3228654--61662-3275495- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
69. Jahrgang. No. 17. Berlin, 28. April 1905. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abony einen ts.p reis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 HI. Redakteur: Gustav Rarpeles. Begründet von Rabbiner 5?*- Ludwig Philipxson. Verlags-Expedition: Berlin, Jerusalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums",. Berlin SW., Jerusalemer Straße HS/qH, zu richten. Verlag von Rudolf rNosse, Berlin. Sr. M. LaylerUng. ' Berlin, 25. April, n die frohe Botschaft des Festes fielals ein bitterer Wermutstropfen, die Kunde von dem Hinscheiden des Mannes, dessen weithinleuchtenden Namen die Ueberschrift dieser Zeilen trügt und den wir zu unseren besten und bedeutendsten zählen durften. Mitten. aus dem reichsten Schaffen, mitten, aus seinem, mit heiligem Eifer bis in die letzten Stunden ausgesüllten Wirkungskreise ist er von uns gegangen, und noch ferne Enkel werden den verehren, von dem die Väter jetzt trauernd scheiden müssen! Was wir in ihm besaßen, und was wir nun an ihm verlieren, das kann in dieser Stunde noch nicht mit der Sicherheit und Bestimmtheit ausgesprochen werden, die einem solchen Lebenswerk gebührt. Aber die Klage, die bange Klage um den unersetzlichen Verlust, sie finde ihren Ausdruck hier vor allem, wo wir so oft dem Wort der Lehre gelauscht, das von des Meisters Lippen floß. Eine Gemeinschaft von beständig aufstrebender Lebenskraft - gibt sich gern der Hoffnung hin, daß sie in jeder Zeit die Talente und Charaktere hervorzubringen vermöge, die ihr nach dem Zuge der Zeit sür ihre Fortentwicklung notwendig sind. Wir aber, in der trüben und öden Periode unserer Geschichte, die wir bangen Herzens gegenwärtig erleben, wir fühlen mit gutem Grunde bei dem Tode eines Zeitgenossen, der auf dem Gebiete unserer verwaisten Wissenschaft als Herr gewaltet, daß sein Verlust unersetzlich ist. Denn weit von einander entfernte Gebiete der Wissenschaft j hat der Verblichene mit gleicher Begeisterung, mit gleichem Verständnis, mit gleicher Kraft erfaßt und darzustellen gewußt. Es war das stille Heldentum der -Arbeit, das wir vor allem an ihm zu bewundern hatten, und das nur noch übertroffen werden kann von dem reinen Heldentum der Liebe zur Wissenschaft. Ueber diesem weiten Gebiet des Geisteslebens aber liegt ein keusches Empfinden, das nur teilt, der es kennt, und das durch jedes Wort der Erklärung nur verletzt werden kann. Dieses Heldentum der Arbeit und der Liebe tut alles, duldet alles, erträgt alles um der Sache willen, der es dient und für die es lebt. Es kennt keinen andern Lohn als den, der in der Arbeit liegt; er kennt nichts höheres als den Erfolg, der aus dem Resultat seiner Arbeit hervorgeht. Von solcher Arbeit träumten und sprachen die Männer des Talmud, und ihr weihte der deutsche Dichter das Wort von dem Fleiß, den keine Mühe bleichet. Und 'in dieser Richtung war die Lebensaufgabe des Heimgegangenen'beschlossen. Aber wie vermöchten wir es heute auch nur in den flüchtigsten Umrissen ein getreues Bild dieser umfassenden Lebensarbeit zu geben? Es ist ja überhaupt kaum möglich, im engen Rahmen eines Nachrufs das volle Verdienst und die gesamte Bedeutung Kayserlings nach jeder Richtung hin zu würdigen. Aber das ist gerade sein Ruhm, daß es, da der elektrische Draht die Kunde von seinem Hinscheiden in alle Welt trägt, dessen gar nicht bedarf, denn wenn nur fein Name genannt wird, , so wissen alle die Bedeutung dieses Mannes, die in irgend einer Berührung mit der Wissenschaft des Judenstehen. Und überall, in Budapest so gut wie in Konstantinopel, in Madrid wie in Newyork ertönt die Klage um den unersetzlichen Verlust, den diese Wissenschaft erlitten. Denn ein eifriger Forscher und ein glücklicher Pfadfinder auf bisher unbetretenen Wegen ist mit Kayserlingdahingegangen. Die Liebe und Begeisterung für das Judentum in allen Phasen seiner geschichtlichen Entwicklung war der Grundzüg seiner Arbeit. Unermüdlicher Fleiß, unerschütterliche Treue und ein feines Verständnis für die großen wie für die kleinen Fragen dieser Wissenschaft waren die Hilfsmittel, mit denen er so Großes schaffen konnte. Schon früh fiel in sein empfängliches Gemüt der zündende Funke der Hingebung für die Wissenschaft des Judentums, der später zu mächtiger Flamme emporwuchs, die seinen Lebenspsad erleuchtet hat. Er wollte, daß das Judentum in der modernen Beleuchtung durch die Werke und die erhabene Gestalt Moses Mendelsohns, in dessen Persönlichkeit Religion und Wissenschaft in harmonischer Durchdringung verschmolzen waren, zum Gemeingut aller deutschen Juden werde und über den engen Kreis der j Glaubensgenossen, hinaus die Achtung sich erringe, die es als der älteste und immer wieder sich verjüngende Kulturfaktor verdient. „Die Liebe und Bewunderung für den edlen Mann, der sowohl in der Geschichte des deutschen Geisteslebens als auch in der Kulturgeschichte der Juden einen hervorragenden Platz einnimmt, hat mich über alle anderen literarischen Arbeiten vonZeit zu Zeit zu ihm und seinen Schriften, sowie zu den Persönlichkeiten, mit denen er in Beziehung stand, .zurückgeführt." So schreibt Kayserling in der Vorrede zu seiner Lebensgeschichte Moses Mendelssohns, durch die er seinen literarischen Ruf begründet hat. In zahlreichen Werken und in hunderten.von Aufsätzen, für dieses Blatt hat er, seit er in den Familienkreis des unvergeßlichen Mannes getreten, dem unser Blatt sein Entstehen wie seinen Bestand zu danken hat, Mendelssohn und seine Zeit, die Beziehungen der Juden zur deutschen, aber auch zu den Literaturen anderer Völker dargestellt. Es ist ein gerader Weg, der den Forscher von der Epoche der Renaissance zur ersten Blüteperiode des jüdischen Geisteslebens führte. Mit