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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-04-14 · Heft 15 (14.4.1905) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 15 (14.4.1905)
Date
1905-04-14
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Jahrgang. No. 15. Berlin, 14. April 1905. Begründet von Rabbiner 2>*> Ludwig Philipxson. Verlags-Expedition: Berlin, Jernsalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße HK/d, zu richten. Verlag von Rudolf LNoffe, Berlin. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements.Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 2 M. Redakteur: Gustav Rarpeles. Mochmsls dir Milchrhr. Berlin, 12. April, on besonderem Wert ist in der Studie des Sanitätsrats Dr. Maretzki, die wir vor kurzem besprochen und aus die wir nochmals zurückkommen müssen, die Zusammenfassung der Ergebnisse seiner wertvollen Untersuchung. Unzweifelhaft hat die Zivilehe die Schließung der Mischehen in Deutschland erleichtert. Seidem haben die Ehen zwischen Juden und Christen ständig zugenonnnen. Alle gesellschaftlichen Schichten vom alten Adel bis zum Arbeiter sind daran beteiligt; in den höchsten Kreisen tritt die Mischehe vereinzelt auf, verbreitet sich aber mehr, je tiefer man in den unteren Klassen steigt. Jrn allgemeinen heiraten die Männer in späterem Alter als früher, und die jüdischen Männer noch später. Das Durchschnittsalter aller heiratenden Männer in Berlin beträgt 29,49 Jahre. Im Jahre 1902 betrug dasselbe bei den jüdischen Männern 31,82 die Witwer, und Geschiedenen eingeschlossen. Bei den Ledigen 30,54; für das Jahr 1903 sind die Zahlen etwas geringer. Die Erwerbsverhältnisse sind schwieriger geworden; man gelangt erst in reiferen Jahren zu einer Existenz, die es ermöglicht, einen eigenen Herd-zu gründen. Das ist bei uns Juden noch schwerer, und dadurch rückt die Altersgrenze für eine Heirat höher hinauf. Dazu kommt, das; der Jude oft einen größeren Anspruch an den Lebensunterhalt stellt. In dieser höheren Aufwendung für die Familie begegnet er sich aber mit den Töchtern, die doch aus gleichen Kreisen stammen, mit gleichen Ansprüchen und Gewohnheiten. Die Töchter genießen meist eine höhere Schulbildung, wodurch die Ansprüche sich steigern. Dadurch wird mancher Mann abgeschreckt, er kann eine Mitarbeit der Frau in seinem Berufe nicht erwarten, denn nur wenige bereiten sich für die Haushaltung und andere Berufe vor. So liegen die Verhältnisse in den besten Kreisen. Da glaubt mancher jüdische Mann bei christlichen Familien eine größere Gewähr zu, finden, weil er einfache Verhältnisse, Mitarbeit der Kinder im Berus der Eltern findet. In viel höherem Maße machen sich diese Einflüsse in dem Handwerker- und Arbeiterstande wie bei den kleinen Kaufleuten geltend. Infolge vermehrten Frauenerwerbs arbeiten die christlichen jungen Mädchen in Gemeinschaft mit jüdischen Männern in Fabriken, Geschäften, Bureäux viel zusammen, die Gelegenheit sich kennen zu lernen, miteinander zu verkehren, ist täglich und stündlich gegeben. Da suchen sie ihre Gefährtinnen aus diesen Kreisen, von denen sie gleiche Ansprüche, gleiche Ziele und Mitarbeit erwarten und finden. Der Religionsunterschied ist dann kaum noch ein hemmendes Moment; für sie überwiegt das wirtschaftliche Fortkommen die äußeren sozialen Verhältnisse. Bietet nun diese Art von Mischehen wirklich eine Handhabe, um ein schlechtes Licht aus unsere Töchter zu werfen? Sollten die jüdischen Mädchen aus den gleichen Kreisen ein ungeeignetes Material für die Eheschließung abgeben? Niemand wird dies Positiv behaupten können. Wir glauben vielmehr, sie würden sich ebenso gut bewähren, aber sie stehen nun einmal unter dem Banne dieses Vorurteils. Das muß mit der Zeit überwunden werden durch die Mädchen selbst. Sollte aber darin nicht vielmehr ein Hinweis liegen, eine Mahnung an die Eltern, die Töchter doch einfacher zu erziehen, sie zu lehren, weniger Ansprüche an das Leben zu stellen? Man sieht doch häufig bei unseren Glaubensgenossen, daß, wenn der Ernährer gestorben, die Familie ohne Vermögen zurückgeblieben, die Frauen sich zur Tat aufraffen, alle Kräfte aufbieten sich und die Kinder zu ernähren, mit Umsicht und Geschick irgend einen Beruf ausüben, sich mit Anstand einschränken. Warum kann das nicht schon in der Ehe geschehen? So fragt der Autor unserer Studie mit Recht und er fügt hinzu: „Die jüdischen Mädchen sollten sich viel mehr und mit mehr Ernst in verschiedenen Berufen ausbilden, vornehmlich im Dienstbotenberuf; sie sind dem Mann in der Ehe eine sicherere und wertvollere Stütze, sie finden leichten Eingang in die Ehe. Ich halte eine gute, zweckmäßige Ausbildung in der Haushaltung und gewerblichen Berufen für ein verständiges, Erfolg versprechendes Gegenmittel gegen die überhand nehmenden Mischehen." Ferner lehrt die Untersuchung Maretzkis bezw. der Mischehen, daß in allen Ländern mit freier Verfassung und liberaler Anwendung derselben, mit freien Tendenzen in kirchlicher Beziehung, wo die politische und namentlich die gesellschaftliche Gleichstellung der Juden verwirklicht ist, viele Mischehen vorhanden sind. Es ist das der Fall in Dänemark. Schweden, England, Ungarn. Nicht etwa weil die Juden sich an die christlichen Familien herandrängen, sondern weil in diesen Familien die Vorurteile gehobew sind, bei den christlichen Mädchen keine Abneigung herrscht, die Konfession kein Hindernis mehr bildet, die Annäherung, die Ausgleichung schon lange Zeit vorher erfolgt ist. „Man kann es beklagen, daß die soziale Emanzipation eine solche Wirkung ausgeübt hat, eine notwendige und in sich begründete Folge ist es nicht, aber ändern wird man es wohl nicht können. Soll man es darum aufgeben, die Gleichstellung der Juden energisch zu betreiben? Sollen wir darum wieder in die völlige Abschließung zurückgeworsen werden, wie in Osteuropa, nur Um die Mischehen zu vermeiden? Das kann kein denkender Jude wollen. Vielmehr

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