Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 13 (31.3.1905)
- Date
- 1905-03-31
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Berlin, 31. März 1905. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. 09. Jahrgang. No. 13. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements.Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unier Streifband bezooen vierteljährl. 3 M. Redakteur: Gustav «arpeles. Begründet von Rabbiner 9*- Ludwig Philipxson. Verlags-Expedition: Berlin, Jerusalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Strasse 46/49, zu richten. Verlag von Rudolf Rloss«, Berlin. Dir Milchen Soldaten. Berlin, 28. März. So oft und mit solcher Entschiedenheit wie in dieser Session ist die „Judenfrage" in unfern Parlamenten noch nicht angeschnitten worden. Was die Parteien sonst als ein „Rührmichnichtan" zu betrachten pflegten, wird heute mit voller Offenheit besprochen. Die Nichtbeförderung jüdischer Richter, die Zurücksetzung der Juden im Heere und andere einschlägige Fragen sind wiederholt Gegenstand eingehender Debatten gewesen. Und man hat dabei nicht einmal vor dem Bedenken Halt gemacht, daß durch solche Reden die Antisemiten im Parlament zu Angriffen herausgefordert würden. Die Angriffe verpufften wirkungslos, die Vorwürfe aber blieben sitzen und übten ihre stille Wirkung. Von besonderem Interesse waren nach dieser Richtung hin die Verhandlungen im Reichstag am 22. d. M., in der der Abgeordnete Professor Eickhoff wieder auf die Zurücksetzungen hinwies, die die Juden in der Armee erleiden und das Ver- | fahren des Herrn Liebermann v. Sonnenberg gegen den '1 jüdischen Soldaten Moses Bier ins rechte Licht setzte. Bei der i Bedeutung der Sache geben wir die Verhandlungen hier aus-! sührlicher als sie in den Tagesblättern standen. Wir werden t in der nächsten Nummer aus. einzelne Punkte zurückkonuneu. | Abgeordneter Eickhoff (freis. Volkspartei): Ich habe schon im vorigen Jahr von den Zurücksetzungen gesprochen, die die jüdischen jj Kreise unseres Volkes treffen. Ich habe keinen Anlaß, heute aus- I; jährlich darauf zurückzukommen. Meine damaligen Ausführungen \ sind bis jetzt unwiderlegt. Leider sind die geschilderten Zustände noch weit schlimmer, als ich selbst annahm. Der Kriegsnünister hat mir eine Antwort gegeben, die von seinem Standpunkt aus formell korrekt ivar. Aber er wird mir zugeben, daß damit diese Frage nicht aus der Welt geschafft wird. Es liegt eine Verletzung der Artikel 4 und 12 der preußischen Verfassung und des Vundesgesetzes vom 3. Juli 1869 vor. Einen Vorwurf jedoch kann ich ihm nicht ersparen. Ich rechne es ihm hoch an, wenn er unberechtigte Angriffe von der äußersten Linken dieses Hauses entschieden zurückweist. Aber ich erwarte auch von ihm, daß er Verwahrung einlegt gegen Angriffe auf unsere jüdischen Mitbürger, wie sie hier erfolgt sind, für die ich keinen \ parlamentarischen Ausdruck weiß. (Sehr richtig! links.) Dadurch i haben sich weite Kreise unseres Volks verletzt gefühlt. (Abgeordneter Böckler: Unseres Volks?) Der Stabsarzt Dr. Lachmann hat darauf I an das Bezirkskommando des 3. Armeekorps im Mai v. I. das bekannte I Schreiben gerichtet. | : Der Abschied wurde dem Arzt durch'Allerhöchste Kabinettsordre l vom 20. Juli bewilligt. Auf seine Beschwerde ist ihm ein materieller . Bescheid nicht zuteil geworden. Das sind überaus beklagenswerte Vorkommnisse. (Abg. Böckler: Gar nicht!) Wenn fortgesetzt gegen die Grundsätze der Gerechtigkeit verstoßen wird, so kann die Liebe zum Vaterlande nicht gehoben werden. Ich will nun auf die Behandlung der Juden im Heere nicht weiter eingehen und nur eine kleine Abrechnung mit den Antisemiten anfügen. In einer großen Volksversammlung in Berlin hat im April vorigen Jahres der Abgeordnete Böckler ausgesührt: „Trotz der gewaltigen Macht des jüdischen Kapitals und der jüdischen Presse stellen sich die Juden, die demnächst durch ihre Herrschaft unser Volk zugrunde richten werden, gern als die armen verfolgten Opfer hin. (Sehr wahr! bei den Antisemiten. Unruhe. Glocke des Präsidenten.) Aus diesem Grunde haben sie auch ihren Verein zur Abwehr des Antisemitismus. (Heiterkeit.) Der hat in den letzten Tagen wieder einmal getagt und dabei ist — natürlich hinter verschlossenen Türen — über verschiedene antisemitische Abgeordnete hergezogen worden." Ich stelle fest, das; über die Versammlung des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus natürlich in der Presse berichtet worden ist. „Da haben sich die Juden beschwert, daß sie nicht Offiziere werden und bewiesen, daß die Makkabäer die tapfersten Soldaten sind (Heiterkeit) — natürlich im geheimen (Heiterkeit). Wir haben im Parlament nur gesagt, daß das deutsche Volk keine jüdischen Unteroffiziere und Offiziere braucht. (Lebhafte Zustimmung.) Der christlich-deutsche Professor und freisinnige Abgeordnete Eickhoff hat uns im Reichstage zugeben müssen, daß in den Freiheitskriegen sich sämtliche westpreußischen Juden vom Heeresdienste losgekaust haben; er hat das dadurch zu beschönigen gesucht, daß sich auch viele Deutsche von der Teilnahme an den Freiheitskriegen gedrückt hätten. (Pfuirufe.) Also sprach ein christlicher deutscher Professor über sein eigenes Volk den Juden zuliebe." (Zuruf bei den Antisemiten. Heiterkeit. Unruhe.) Präsident Gras B ältestem: Ich muß durchaus bitten, daß diese Unterbrechungen aufhören. Me sind durchaus ungehörig. ( Lebhaftes Sehr richtig!) Abgeordneter Eickhoff (fortfahrend): Der Abgeordnete Böckler führte dann weiter in seiner Rede aus, daß er historische Studien gemacht hätte. Wenn das wahr ist, so wundere ich mich, daß^sie so wenig Erfolg gehabt haben. (Heiterkeit links.) Wäi^e es der Fall, so müßte, der Abgeordnete Böckler wissen, daß ich hier nur historische Tatsachen wiedergegeben habe. Ich habe natürlich nicht gesagt, daß sich sämtliche Juden Westpreüßens 1813 vom Heeresdienst losgekauft haben. Aber bei einem großen Teile der Juden war es tatsächlich der Fall gewesen und ich habe die Gründe, die jene Zustände, die ich sehr beklage, hervorgerufen haben, in jener Versammlung ausführlich dargelegt. Was meine Aeußerung über die Fernhaltung nichtjüdischer Staatsbürger vom Heeresdienste in dem Befreiungskriege angeht, so habe ich mich natürlich nicht in der geschmackvollen Form ausgedrückt, in der es Herr Böckler wiedergegeben hat. Ich sehe davon ab, wie beleidigend seine Behauptungen für mich sind, aber seine Ausführungen in dieser Frage beweisen doch nur, aus welcher Höhe sich die geschichtlichen Kenntnisse des Abgeordneten und Historikers Böckler bewegen. (Heiterkeit links.) Ich hatte an der Hand der Geschichte den Nachweis geführt, daß zahlreiche nichtjüdische Kreise unseres Volkes sich der Einführung der allgemeinen Wehrpflicht im Jahre 1813 mit allen Kräften widersetzt haben. Redner