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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-02-10 · Heft 6 (10.2.1905) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 6 (10.2.1905)
Date
1905-02-10
Page
– (sequence 1)
Language
German
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69. Jahrgang. No. 6 Berlin, 10. Februar 1905. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements.Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!. 3 ITt. Redakteur: Gustav Rarp eles. Begründet von Rabbiner D*- Ludwig Philippfoii. Veilszs-LxxeMou: Berlin, Jerusalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse. Verlag der „Ällgeni. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 46,Hy, zu richten Verlag von Rudolf Blosse, Berlin. Ilt der Antisemitismus wirklich ltsstserhsltrnd? Berlin, 7. Februar, ürzlich hat im deutschen Reichstage ein antisemitischer Reichstagsabgeordneter in seiner Rede dem deutschen Kaiser vorgeworfen, er kümmere sich nicht um das Schicksal der Bergarbeiter. Diese vom Reichstagspräsidenten mit Recht gerügte Behauptung ist typisch für die Ungerechtigkeit der Antisemiten, die sich sonst als so besonders loyal aufspielen. Bekanntlich hat der Kaiser Delegierte der Bergarbeiter schon in dem Jahre im Schlosse empfangen, als Stöcker als Hosprediger seinen Laufpaß erhielt. Jetzt glaubt Herr Stöcker aber bald seine Zeit für die christlich-sozialen Treibereien wieder gekommen; er hat, ein Wort des großen Gelehrten Dubois-Reymond, der ihn geringschätzte, kopierend, kürzlich in Gegenwart des deutschen Kronprinzen den antisemitischen „Verein der deutschen Studenten" als die „Zivilgarde der Hohenzollern" bezeichnet. Während der Reichskanzler Graf Bülow, ähnlich wie Bismarck, kürzlich im deutschen Reichstage aber von der „genialen Agitation" Ferdinand Lassalles ' gesprochen hat, glaubte Herr Stöcker alsbald die Namen Marx, Lassalle - und Singer als „orientalisch" hervorheben zu sollen. Sicher ist, daß, während die Führer in der Arbeiterfrage, die eine natürliche Folge der Entwicklung Deutschlands zum Jndustriestaate ist, bis über das Grab hinaus das Vertrauen der Arbeiter genießen, die Führer der Antisemiten von ihren Massen entweder verlassen werden oder immer weiter vorwärts und schließlich bis zur Revolution des Staates geschoben werden. Ja, die antisemitischen Führer treten schon jetzt geradezu die Verfassung mit Füßen, wenn sie z. B. wie neulich den Ausschluß der Juden aus dem Heere anstreben, sie vor Gericht perhorreszieren und als Aerzte ablehnen. Herr Stöcker würde, wenn seine, christlich-sozialen Scharen zur Macht kämen, auch das deutsche Wirtschaftsleben und die deutsche Industrie recht schnell ruinieren. Während diese Herren sich vor dem deutschen Trvnfolger als Staatsretter kürzlich aufgespielt haben, würden sie in der Tat mit ihren sozialen Quacksalbereien nicht nur die Religion, in deren Dienst sie angeblich arbeiten, kompromittieren, sondern auch den Staat dem ökonomischen Ruin entgegenführen. Daß gerade bei den Antisemiten, wie bei allen Revolutionären, die ältere und besonnenere Richtung von den Radikalen immer weiter vorwärts gedrängt wird, dafür bietet eine gerade jetzt aktuelle Korrespondenz der „Deutschen Wacht" über das Wiener Antisemitenregiment und sein Hinaufstreben ins Ministerium ein ergötzliches Beispiel. Hiernach sei der Wiener Oberbürgermeister und Minister in 8pe, Herr Lueger und sein Anhang bereits total — verjudet. Die Sache ist jetzt gerade von großem Interesse und für uns Juden eigentlich recht beruhigend und zugleich amüsant. Also die „Deutsche Wacht" läßt sich aus Wien folgende sehr bezeichnende Dinge schreiben: „Das Judentum macht in demselben Maße, wie die christlich-soziale Partei ihre Herrschaft befestigt, rapide Fortschritte in geschäftlicher Beziehung mnd sein Einfluß wächst von Tag zu Tag. Immer neue jüdische Kaufläden entstehen, immer mehr jüdische Anwälte und Professoren etablieren sich, immer mehr jüdische Professoren werden ernannt, die jüdische Presse hat einen namhaften Zuwachs erfahren und selbst das einzige, bisher von Juden unabhängige Theater ist dem jüdischen Einfluß wieder ausgeliefert worden. Nicht genug damit, macht selbst die antisemitische Gemeindeverwaltung mit Inden Geschäfte." Geradezu grotesk wirkt es, daß der Wiener Korrespondent des Antisemitenblattes, Herrn Lueger auch die Erbauung einer — Synagoge, wie folgt, zum Vorwurf macht: „In dem Bezirk Josefstadt, der als antisemitische Hochburg und Ursitz des Altwiener Bürgertums galt, erhebt sich ein neuer jüdischer Tempel, dessen Turm in unverkennbarer Absicht gerade in die Gasse hinunterschaut, in der das antisemitische „Deutsche Volksblatt" seinen Sitz hat .... Es bedarf keines Beweises, daß der Magistrat die Errichtung des Tempels gerade an dieser Stelle hätte verhindern können,, auch trotz der im städtischen Bauamte angestellten jüdischen Ingenieure. (!) Auch sonst mehren sich die Anzeichen, daß die christlich-soziale Partei den Antisemitismus beiseite zu schieben bestrebt ist. Als Verneigung vor dein Judentum ist es noch aufzufassen, daß Dr. Lueger das Hauptverdienst an dem glücklichen Ausgang der Wahlen äbgelehnt und dem Dr. Geßmann zuerkannt hat, über dessen Rassezugehörigkeit keine Zweifel bestehen können (!) Und warum dies alles? Die Führer der christlich-sozialen Partei haben es von Anfang an mit dem Antisemitismus nicht ehrlich gemeint, sie haben ihn nur als Hilfsmittel benutzt, um die. Wähler für den Klerikalismus einzusangen. Die römische Kirche aber ist gut Freund mit dem Judentum; von Gregor VII. an bis zu Pius X., der im Aufträge der Alliance ' Israelite (!) die Beseitigung der antisemitisch angehauchten christlichen Demokratie besorgen will und mit den Zionisten kokettiert, sind diese intimen Beziehungen nicht abgerissen . . . Die christlich-sozialen Führer haben Wien und Niederösterreich erobert; sie streben aber weiter, sie wollen in die Regierung eintreten. Um heute in Oesterreich regierungsfähig zu sein, muß man die Bestrebungen der Tschechen und Polen unterstützen, und da sowohl der Jungtschechenklub wie die

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