Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-01-20 · Heft 3 (20.1.1905) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 3 (20.1.1905)
Date
1905-01-20
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228636-3228640--61429-3275248
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

tfST?V7.,- das neueste Ereignis in unserm Leben. Am 1. d. M. fand iur israelitischen Betsale zu Mühlhausen eine Versammlung statt, in welcher die definitive Gründung der Gesellschaft beschlossen, ein Ausschuß von neun Mitgliedern gewählt und die Statuten festgesetzt' wurden. Zum besseren Verständnisse der Sache sei aus den Verhandlungen folgendes hervorgehoben: Aus der ersten Periode unserer Geschichte, welche bis zu den Verfolgungen im Jahre 1349 reicht, besitzen wir außer den Inschriften, die zum größten Teile bereits von Herrn Professor Euting in Straßburg und von Herrn Moise Schwab in Paris bearbeitet sind, zunächst noch eine Reihe von Baudenkmälern, deren architektonische resp. photographische Aufnahme sehr zu wünschen wäre. Die Urkunden aus dieser Zeit sind so sehr zerstreut, daß es für den einzelnen Forscher unmöglich ist, sie zu sammeln und zu studieren. Die Gesellschaft wird sich bestreben, sobald eine geeignete Kraft vorhanden ist, die nötigen Mittel bereit zu stellen für Studienreisen u. dgl. Auch die zweite Periode unserer Geschichte vom Jahre 1349 bis zu dem Zeitpunkte, wo Lothringen und Elsaß an Frankreich kamen, also bis zum Jahre 1552 resp. 1648, ist noch sehr wenig bekannt. Hier wären vor allem die Archive der ehemaligen Reichs- .städte zu durchforschen. Der weitaus wichtigste und für uns bedeutungsvollste Abschnitt aber ist die Zeit der französischen Herrschaft bis zur großen Revolution. In diese Zeit fällt die Gründung unserer meisten heutigen Gemeinden sowie die Einwanderung unserer Ahnen aus Deutschland, Polen, Böhmen und der Schweiz. Die Urkunden darüber zählen nach Tausenden. In zweiter Linie gehören hierher die in den alten israelitischen Gemeinden noch vorhandenen Schriftstücke, die hauptsächlich für unsere innere Geschichte von großer Wichtigkeit sind, die Protokoll- und Kassabücher der Gemeinde- und Friedhofsverwaltungen und der rabbinischen Gerichte, die Käufe und Verträge bezüglich der Synagogen und Friedhöfe, die Register der verschiedenen Vereine, die Memorbücher, die Mappoth, die Mohelbücher, die Ehekontrakte u. dgl. In die vierte und letzte Periode, von der großen Revolution bis auf die Gegenwart, fällt die Emanzipation, die Entstehung und gewaltige Entwicklung unserer Großgemeinden Mülhausen. Kolmar und Straßburg, die Einsetzung unserer Konsistorien und der Rückgang unserer Landgemeinden. Auch hier harren der Gesellschaft bedeutende Aufgaben. Das find in allgemeinen Zügen die Aufgaben, deren Lösung die Gesellschaft für die Geschichte der Israeliten in Elsaß-Lothringen sich zum Ziele gesetzt hat. Alle hervorragenden Personen, an welche bis jetzt eine diesbezügliche Anfrage gerichtet wurde, haben zu den Tendenzen der Gesellschaft ihre Zustimmung gegeben. Der Jahresbeitrag beträgt acht Mark, für die Herren Oberrabbiner, Rabbiner, Lehrer und Kantoren die Hälfte. Beitrittserklärungen sind zu richten an Herrn Moch, Direktor der israelitischen. Gewerbeschule in Mülhausen. GesterreiH-Nngarn. LH Wien, 16. Januar. Unsere Gemeinde hat einen schweren Verlust erlitten durch das Hinscheiden ihres früheren ersten Vorstehers, des kaiserlichen Rats Heinrich Klinger, der sich der Liebe und Verehrung innerhalb sämtlicher Parteien der Gemeinde erfreut hat. Durch Jahrzehnte wirkte er im Vorstand der Kultusgemeinde und an dessen Spitze und er erwarb sich durch seine Unermüdlichkeit, durch sein hohes Pflichtgefühl große Verdienste um die Konsolidierung des jüdischen Gemeinwesens in Wien. Ehre seinem Andenken! — Eine interessante Verhandlung gegen einen gewissen A. Schipper in Neu-Sandec, der wegen Beleidigung einer Einrichtung der römisch-katholischen Kirche angeklagt war, begangen dadurch, daß er beim Versehgang, trotz Läutens des Geistlichen, nicht den Hut gelüftet hat, hat kürzlich stattgefunden. Das Rechtsschutzbureau der „Israelitischen Union" hat mittlerweile dem Angeklagten Rechtshilfe gewährt. Bei der neuerlichen Verhandlung am 6. d. M. wurde Schipper vom Kreisgerichte Neu-Sandec gänzlich freigesprochen, trotz der belastenden Aussage des betreffenden. Geistlichen, der gegen ihn die Strafanzeige erstattet hatte, da das Gericht von der Ansicht ausging, daß ein Jude zu einer kirchlichen Handlung der Reverenz beim Versehgange nicht verhalten werden könne. Gegen das freisprechende Urteil hat der Staatsanwalt Berufung' eingelegt. — Der ungarische Kultusminister hat eine orthodoxe Deputation in Privataudienz empfangen, die ihm ein Memorandum in der Angelegenheit der orthodoxen Autonomie überreichte. Es wurde in diesen Blättern seiner Zeit der Erlaß des Kultusministers,-der die orthodoxe Schiedsgerichtsinstitution aushob, eingehend besprochen. Dieser, Erlaß > gefährdet angeblich die Autonomie der ungarischen Orthodoxen. In der Audienz, die den Abgesandten der Orthodoxie, dem Oberrabbiner Reich- Budapest, Dr. Jakob Schächter und D. Weis, gewährt wurde, überreichten sie dem Minister ein Memorandum nebst einer Abschrift des Organisationsentwurfes, die auch betreffs der Schiedsgerichte Bestimmungen enthält, die die Mißbräuche beseitigen sollen. Der Minister empfing die Deputation „überaus freundlich". Er erklärte, die neuen Bestimmungen genau studieren zu wollen, und falls selbe zur Beseitigung der Uebelstände hinreichen, eine die Wünsche der Orthodoxen berücksichtigende Verfügung zu treffen. — Der Kaiser hat dem Advokatursbeamten Salomon Löw das silberne Verdienstkreuz mit der Krone verliehen, und den Lehrer der israelitischen Religion Osias Frost in Wadowice zum wirklichen israelitischen Religions- Professor am Staatsghmnasium in Brody ernannt. Von MH und jfrm. — Sanitätsrat Dr. Leopold Perl, einer der ältesten Lehrer der Universität Berlin, vollendete am 17. d. M. das 60. Lebensjahr. Sein Lehrgebiet umfaßt spezielle Pathologie und Therapie und Staatsarzneikunde. Sanitätsrat Perl, ein Berliner von Geburt, habilitierte sich 1875 an der hiesigen Universität. — In dieser Woche sind in Berlin gestorben: Sanitätsrat Dr. Hermann Schlesinger, der eine Reihe von Jahren Vorstandsmitglied des Liberalen Wahlvereins war, im 57. Lebensjahre, und Justizrat Berthold Kann. Ehre ihrem Andenken! — Die neuerrichtete israelitische Gemeinde, für die amtshauptmannschaftlichen Bezirke Zwickau und Schwarzenberg errichtet in Zwickau eine Synagoge. Die Gemeinde zählt etwa 180 Mitglieder. — Professor Minkowski in Köln hat den Ruf als ordentlicher Professor für innere Medizin nach Greifswald abgelehnt. — Dr. Max Nordau hat die Wahl ins Dreizehnerkomitee der zionistischen Organisation abgelehnt. — In Padua wurde Sign. E. Artom zum Bürgermeister gewählt. — Die russische Zeitung „Krim" teilt mit, daß in der letzten Versammlung der Semstwo der Antrag gestellt wurde, sich bei der Regierung zu bemühen, jüdischen Getreidehändlern das Aufenthaltsrecht im Gouvernement Taurien zu gewähren. Der Antrag wurde genehmigt. — Der russische Professor Gregor Truitzko hat von der Universität zu Petersburg den Ehrendoktortitel für eine Arbeit über „Die Lehre des Talmuds über die Unsterblichkeit der Seele" erhalten. — Der Kaufmann M. Levy in Belgrad hat für ein Heim für jüdische Arme ein Legat von 100 000 Franks hinterlassen. — Der Generalgouverneur des widerspenstigen Moskau, Großfürst Sergius Alexandrowitsch, wurde krankheitshalber seines Postens enthoben. Er war einer der schlimmsten Antisemiten! — Aus Rumünien sind seit 1889 im ganzen 41282 Juden ausgewandert; im Jahre 1904 nur 2682. Ausgewiesen wurden seit 1881 im ganzen 859 Juden. — In Philippopel fand ein Kongreß' der jüdischen Gemeinden Bulgariens statt zum Zwecke einer einheitlichen Organisation. — In Tunis hat eine neue jüdisch-arabische Zeitung „El-Eß-aba" („Der Morgen") zu erscheinen begonnen. — Der russische Botschafter Graf Cassini sprach jüngst im amerikanischen Staatsdepartement vor und hatte eine lange Konferenz mit Staatssekretär Hay über die Frage der Gewährung von russischen Reisepässen für amerikanische Juden. Der Botschafter nahm zwar während dieser Konferenz keinen direkten Bezug auf die diesbezügliche Stelle in der Botschaft des Präsidenten, aber er nahm die Gelegenheit wahr, uni den Standpunkt seiner Negierung in dieser Sache ausführlich darzulegen und zu erklären, daß die Angelegenheit einer Kommission zur Erledigung überwiesen worden sei, und daß nach den letzten Berichten die diesbezüglichen Verhandlungen erfreuliche Fortschritte machen. Aber glauben muß man dran! — Die Ugandakommission hat am 28. v. M. London verlassen, um sich in Triest mit dem österreichischen Lloyd nach Ostafrika einzuschiffen. Die Landung in Mombasa, dem Hafenplatz von Englisch-Ostafrika, sollte programmmäßig am 10. d. M. erfolgen. Das jüdische Reservat ist stellenweise 295 englische Meilen lang und 55 Meilen breit, umfaßt ca. 5000 englische Quadratmeilen und liegt nördlich der Ngandäbahn.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.