Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 2 (13.1.1905)
- Date
- 1905-01-13
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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1. Bornheim dei Bon«, im Januar. -Am. 3. und 4. v. M. beging die hiesige CH ewra Bachurim das Jubiläum ihres 50jährigen Bestehens. Aus diesem Anlasse fand in der schön dekorierten Synagoge ein Festgottesdienst mit Chorgesang und Predigt statt. Sonntag mittag vereinigten sich die Vereinsmitglieder und Gäste zu einem Festessen, welches einen sehr befriedigenden Verlauf nahm. Großen. Beifall fand das von dem Vereinsmitgliede Herrn Herm. Israel gedichtete Jubellied, welches nach d r Melodie des Chanukaliedes gesungen wurde. ■ . , . , :: i. Bache«, 4. Januar. Am 1. d. M. starb hier unerwartet Herr Dr. med. Berliner im Alter von 47^ Jahren. Er war von treuer jüdischer. Gesinnung, etwas, was heutzutage bei dem zunehmenden Jndifferentismus der gebildeten Juden stets hervorhebenswert ist. Ein sehr tätiges Vorstandsmitglied-des Vereins für jüdische Geschichte und Literatur, war er bereits, auch für andere Gemeindeehrenämter in Aussicht genommen, als der Tod ihn überraschte. Ehre seinem Andenken! a. Fürth, 6. Januar. Herr Justizrat Gunzenhäuser hat wegen seines hohen Alters die Stelle des Vorstandes der Kultusgemeinde niedergelegt und der Vorstand hat das Nücktrittsgesuch aus den angegebenen Gründen genehmigt. Justizrat Gunzenhäuser hat 28 Jahre lang dem Kultusvorstande angehört, nachdem er vorher 13 Jahre Mitglied des.Berwaltungsausschusses war. Die Stelle des Vorsitzenden des bayerischen Landesvereins für israelitische Kultusgenreinden hater bis auf weiteres beibehalten. Oesterreich-Ungarn. □ Wie«, 9. Januar. Anläßlich des N e uj a h rs- Ab ancem e n t s in der Landwehr finden wir in fast sämtlichen Truppenkörpern Angehörige des jüdischen Glaubens, die eine Beförderung erfuhren. — Was aber merkwürdiger ist — das ist im antisemitischen Wien die Belobung eines jüdischen Lehrers. Der Bezirksschulrat der Stadt Wien hat mittels Dekrets vom 14. dem Lehrer an der Volksschule im V. Bezirke, Matzleinsdorferstraße, Herrn Leopold Gutmann, auf Grund )der Jnspektionsberichte des Herrn k. k. Bezirksschulinspektors Moritz Habernal in Anbetracht „der besonders ersprießlichen Dienstleistungen" die lobende Anerkennung ausgesprochen. — In B u d a - Pest erhalten im. Schuljahre' 1904/05 in der jüdischen Gemeinde 26414 Kinder, von welchen 14-591 aus die Elementarschule entfallen, Religionsunterricht; derselbe wird von 60 ordentlichen und 45 außerordentlichen Lehrern und Lehrerinnen erteilt. — Dem Direktor der Budapester Straßenbahn Heinrich v. Jellinek, Neffe des verstorbenen Wiener Predigers Dr. Ad. Jellinek, wurde der Hofratstitel verliehen. üutzlaiid. f. Petersburg, im Januar. Das russische Judentum hat - am 17. v. 50t. einen herben Verlust erlitten. An diesem Tage verstarb hier der auch außerhalb Rußlands in gelehrten Kreisen berühmte Professor der Physiologie N. Batst. Der Verstorbene, ein . Sohn des bekannten Hebräisten und Lehrer an dem ehemaligen russischen Rabbinerseminar, Isaak Bäkft, wurde im Jahre 1845 zu Miz geboren. Noah Bakst muß wohl ein Wunderkind gewesen sein, denn schon im Jünglingsalter von 19 Jahren beendete er die naturwissenschaftliche Fakultät zu Petersburg mit solcher Auszeichnung, daß die russische Negierung ihn zu seiner wissenschaftlichen Vervollkommnung auf drei Jahre nachdem Auslande abkommandierte. 1867 ließ sich Batst an der Petersburger Universität als Dozent der Physiologie habilitieren, um im Jahre 1886 unter dem von Jgnatiew inaugurierten antisemitischen Kurs sein Arnt niederzulegen. Die Negierung war jedoch genötigt, seine Dienste dennoch zu beanspruchen und so wurde Batst zunr Mitglied der wissenschaftlichen Deputation für Volksausklärnng ernannt. Noah Bakst ist. trotz allen Versuchungen nicht nur dem Judentmn treu geblieben,... er war sogar sein Lebenlang bemüht, seinem Volke mit allen'Kräften und nach, bestem Gewissen zu dienen. .Jahrelang - -warmer 'Mitglied. des' Komitees zur Verbreitung von Bildung unter.Den rnssischen.Juden, und. bis zu seinem Lebensende war er die-treibende Kraft im Komitee zur Verbreitung von Ackerbau, und Handwerk unter den Juden Rußlands gewesen. m In lebhafter Erinnerung an den großen Nutzen, den die beiden Nabbinerschnlen in Wilna und Shitomir seiner Zeit dem russischen Judentunre gebracht haben, war er stets bemüht, diese Schulen in Rußland wieder ausleben zu lassen, um das russische Judentum mit modernen Rabbinern und Predigern zu versorgen. Denn Bakst war wie sein Vater ein altjüdischer Maskil und als solcher ein großer Anhänger von religiösen und synagogalen Reformen, sowie ein großer Verehrer Moses Mendelssohns, von dessen Einfluß auf das Geschick des deutschen Judentums, er eine sehr hohe Meinung - hatte. Am 20. v. M, fand in der Wohnung des Verblichenen eine Trauerseier statt, der nebst dem Gesamtvorstande der Petersburger jüdischen Gemeinde noch der Vorsitzende der wissenschaftlich :n Deputation, sowie der frühere Kultusminister Sänger beiwohnten. . Die Beerdigung fand am 21. v. M. unter großer Beteiligung der gesamten Petersburger Judenschaft statt. Ehre dem Andenken des wackern Mannes! Von Sah und Lern. — Auf der Ausstellung in St. Louis ist in der Abteilung für Erziehung und Unterricht Herr Dr. Moritz Schäfer, Oberlehrer am Dvrotheenstädtischen Realgymnasium und Leiter eines Seminarkursus für das höhere Lehramt, d.ie große silberne Medaille für seine Verdienste um die seminaristische Ausbildung von Gymnasiallehrern verliehen worden. — Dem Kammerrat Emil Jonas in Berlin, den bekannten Schriftsteller und Uebersetzer, der am 14. Juli vorigen Jahres sein 80. Lebensjahr vollendete, hat der König von Schweden für seine langjährigen Verdienste um die'skandinavische Literatur einen jährlichen Ehrensold von 1000 Kronen, vom 1. Juli 1904 gerechnet, zuerkannt. — In Charlotten bürg wurde Justizrat Rosenberg mit 47 von 53 Stimmen zum Stadtverordnetenvorsteher, und Kursmakler O. Kaufmann mit 43 Stimmen zum Stellvertreter gewählt. — Der Kaufmann L e s.s e r Bärwald, Kreistags- und Provinziallandtagsaogevrdneter, ist anläßlich seiner 40 jährigen Tätigkeit als Stadtverordneter zürn Ehrenbürger der Stadt Rakel ernannt worden. —7 In Breslau wurde Geheimer Justizrat. Freund zum 20. SOlaKe zum Vorsteher der Stadtverordnetenversammlung .wiedergewählt. —. Der in Berlin verstorbene Rentier Joseph Epstein hat dem „Schlesischen Museum für Kunstgewerbe und Altertümer" in Breslau ein Legat von 10 000 Mark und seine Sammlung schlesischer Silberarbeiten, die sich bis jetzt als Leihgabe im Museum befand, hinterlassen. .— Landrabbiner Dr. Lewit in Hoppstädten verläßt am 1. April d. I. seinen Wirkungskreis, den er jetzt seit vier Jahren verwaltet hat, um nach Alzey überzusiedeln, wohin er als Rabbiner berufen worden ist. — Das große Aktionskomitee hat bestimmt, daß der nächste Zionisten ko ngreß Ende Juli oder anfangs August stattfinden solle. Dem erweiterten Wiener Aktionskomitee. (dem sogenannten Dreizehnerkomitee) wurde die Fixierung des genauen Datums überlassen. An den Kongreß wird sich unmittelbar ein zweiter außer? ordentlicher Kongreß anschließen, der über die Ugandasrage entscheiden, wird. Die Leitung verbleibt also vorläufig in Wieü. — In Paris ist am 2. d. M. im Alter, von 65 Jahren der berühmte Historienmaler Harry Lewy gestorben. — Der Bankier David Landauer in London hat vom König von Württemberg den Friedrichsorden 1. Klasse erhalten. — Der König von England hat dem Generaldirektor der Posten in Indien, Hermann M. Kisch, den Orden des „Sterns von Indien" verliehen. —In Homelhaben sämtliche Verteidiger der jüdischen Angeklagten und.Vertreter der Zivilklage ihr Amt niedergelegt und den Gerichtssaal verlassen, da die fortwährenden Unterdrückungen durch den Gerichtshof eine weitere pflichttreue Teilnahme am Krawallprozeß unmöglich machten. Die Angeklagten verzichteten auf .die amtlichen Verteidiger. Die Gerichtsverhandlung wurde vertagt. — Edward I. Wolfe in Sau Francisco ist zum Senator für den Staat Kalifornien gewählt worden. — Der kanadische Premierminister Laurier erhielt ein Schreiben des Bürgermeisters von Montreal, in welchem dieser staatliche Jnteressenintervention beantragt zur Verhinderung der' überhandnehmenden Einwanderung mittelloser russischer Israeliten. In denletzten Wochen sind 1000 mittellose russische »Israeliten in Montreal eingetroffen. Also auch mit Kanada ist es leider nichts!'