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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-01-06 · Heft 1 (6.1.1905) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 1 (6.1.1905)
Date
1905-01-06
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Berlin, 6. Januar 1905. 69. Jahrgang. . Ho. I Begründet von . Rabbiner D« Ludwig PHMpxson. VerläV-LixeMon: Mlln, Jemsrlewersir. 48/4S. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements.Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 M. Redakteur: Sustav 2tat$>eUs. Alle Zusendungen für - Redaktion und Expedition sind an die Adresse.- Verlag der „Allgeni. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße HS/HS, zu richten. Verlag von Rudolf Masse, Berlin. Ankere Lage. Berlin, 1. Januar, as bürgerliche Neujahr gibt uns mehr als reichliche Veranlassung, unserer Stellung im bürgerlichen Leben zu gedenken. Dies vor allem Pflegt ja auch der.Sinn solcher Tage zu sein, das; man an ihnen sich auf einen gewissen Höhepunkt erhebt, von dem aus man Rückschau in die Vergangenheit, Umschau in die Gegenwart und Ausschau in die Zukunft halten kann, während man sonst im flutenden Gedränge des modernen Lebens gar nicht zur Besinnung gelangen und sich des Ernstes der Lage kaum bewußt werden kann. Eine solche Umschau muß allerdings in diesem Jahre einen tief betrübenden Eindruck Hervorrufen. Wenn man die Nachrichten, die wir im abgeläufenen Jahre aus allen Teilen Deutschlands über . alle Zweige und Gebiete des geistigen, Erwerbs- und Gesellschaftslebens gebracht, sammeln möchte, so würden wir das treueste Bild der Lage haben. Das ist nun allerdings nicht möglich, wohl aber ist es möglich, den Extrakt aus allen diesen Mitteilungen zu ziehen. Der Gesamteindruck ist und bleibt der: die Gleichstellung der Juden im öffentlichen Leben ist de facto nicht vorhanden, obwohl sie ja ciejure noch fortbesteht. Wir sind uns dessen bewußt, daß unsere Gegner eine solche Aeußerung von jüdischer Seite mit aufrichtiger Genugtuung hören. Sie sehen von ihrem Programm mehr erfüllt, als sie je ernstlich erhofft haben. Und sie dürfen sich deshalb damit trösten, wenn ihre'Bewegung an Interesse und Ausdehnung verloren hat. Wozu auch? Das Programm ist ja erfüllt, und in der Politik wie im Leben heißt es noch heute: „Der Mohr hat seine Arbeit getan, der Mohr kann gehen." Freilich haben nur wenige von ihnen den Mut, dies offen einzugestehen, und andere besitzen wieder nicht die Klugheit, sich mit den erreichten. Resultaten zu begnügen. Sie möchten noch mehr erreichen; sie möchten am liebsten auch de .jure die Emanzipation aufheben. Es genügt ihnen nicht, daß aus dem Verwaltungswege die Juden aus allen öffentlichen Aemtern1 zurückgedrängt werden. Sie möchten dem Staate auch/das konstitutionelle Recht zu solcher Ausschließung gewahren. Damit sind wir denn auch schon bei« dem wichtigsten Punkte unserer Betrachtung angelangt. Es erscheint säst unnötig, noch einmal ausdrücklich hervorzuheben, wenn -es nicht zur Vervollständigung des Bildes geschähe, daß die Juden tatsächlich von allen öffentlichen Aemtern so gut wie ausgeschlossen sind. Seltsamerweise werden sie noch am ehesten im richterlichen Berufe angestellt oder befördert, obwohl ja, wie bekannt, gerade der Minister dieses Ressorts ans seinen Gesinnungen keinen Hehl gemacht hat. Allerdings kommen trotzdeul die meisten Klagen aus diesen; Ressort. Sowohl Richter wie Rechtsanwälte führen diese Klage, wenn \ sie 15 bis 20 Jahre auf eine Anstellung oder Beförderung warten müssen, die ihre jüngeren nichtjüdischen Kollegen schon oft nach einem oder zwei Jahren erhalten. Als Lehrer an öffentlichen Anstalten werden die. Juden höchstens nur noch von den Städten für ihre Schulen be- H rufen, jede andere Anstellung ist aussichtslos: Welche Aus- H sichten sie beim Militär haben, wissen wir ja zur'Genüge. . § Am schlimmsten steht es um die Universitäten, die noch vor einem Dezennium nach dieser Richtung hin vollständig von allen antisemitischen Velleitäten frei waren. Es ist? notorisch, daß heute nicht nur die Kultusminister, sondern die Universitäten selbst nicht daran denken, einen Juden, auch wenn er die volle Eignung besitzt, ja selbst wenn er die j anderen für ein bestimmtes Lehrfach in Betracht kommenden J Kandidaten weitaus überragt, auch nur an zweiter Stelle vorzüschlägen. Ja sogar der Habilitation zum Privatdozenten r werden die größten Schwierigkeiten in den Weg gelegt. Von / einem Vorschlag für eine ordentliche Professur ist überhaupt nicht mehr die. Rede. Man speist die Juden mit dem Professor-Titel ab. Man erzählt sich ganz offen, daß die Ä medizinische Fakultät der größten deutschen Universität mehr als zur Hälfte judenfeindlich gesinnt sei. Welchen Rückschlag diese auf den Universitäten immer mehr zur Herrschaft getan- -I gende Anschauungsweise auf das gesamte geistige Leben der Nation notwendig ausüben muß, braucht wohl des weiteren nicht erst auseinander gesetzt zu werden. Ausstuß dieser t Gesinnung ist ja so ziemlich alles, was im gesamten öffentß lichen Leben, im Hörsaal wie im Gerichtssaal, im Parlament wie in der Volksversammlung^ auf der Bühne wie in der - Presse Jahr aus, Jahr ein verkündet und gelehrt wird. Fast dieselben Schwierigkeiten, die dem Juden auf juri- .. stischem Gebiete bereitet werden, begegnen ihm heute auch / schon in allen anderen Fächern des Wissens. Selbst im medizinischen Berufe macht sich bereits eine starke antisemitische Strömung bemerkbar, die hie und da zu offener feindlicher Agitation erstarkt ist. Die Aerzte in Gegenden, wo wenige Juden wohnen, wissen davon ein Lied zu singen, und wenn man in medizinischen Fachblättern den Anzeigeteil daraufhin prüft, so wird man erstaunen, wie oft die verhängnisvolle £ Klammer (Christ) bei Vakanzen zur Anwendung kommt. 5 Nicht viel besser geht es in den Berufen zu, die im modernen Leben, nachdem die gelehrten Berufe bekanntlich seit j Jahren an Ueberfüllung leiden, am meisten gesucht werden. ' Gerade dort, wo man. es am wenigsten, erwarten sollte,? werden die Juden am meisten zurückgesetzt. Es ist nach- . ..

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