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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-12-02 · Heft 49 (2.12.1904) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 49 (2.12.1904)
Date
1904-12-02
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Berlin, 2. Dezember 1904. 68. Jahrgang. No. 49. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. HEI Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements.Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 ITC. RedofteMt: Gustav 3Ca«pele». Begründet^xon Rabbine» D»« Ludwig Philipps»«. Berlin, Jerosalemerstr. 46/49. rille Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Ällgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/H4. zu richten. Verlag von Rudolf Rkofse, Berlin. Lhsnudah. , -- / v Berlin, 30.,November, ^^^ie Natur-ist die beste Lehrmeisterin des Menschen. An .. ihr lernt er den Segen ermessen, wie er in der Mannigfaltigkeit liegt. Eine durchgehends hügelige Gegend wirkt für die Dauer äbspännend, ein ewiger Sommer würde den Menschen nicht befriedigen und ihn keineswegs zur rechten Würdigung seiner Annehmlichkeiten und seiner Reize bringen. 'Erst jene Landschaft nennen wir gesegnet und anmutig, in der Berg und Tal, Fluß und Bach, Wald und Feld, Baum und Strauch gleichmäßig abwechseln, und der Frühling wird nur darum so sehr herbeigesehnt, weil der Winter in scharfen , Gegensatz zu ihm gestellt ist. Der Gott nun, der. in der Natur sich so mannigfach kundgibt, wirkt auch, in der großen Werkstatt der Geschichte nicht einheitlich und nicht in ewig gleichen Bahnen. Wie die Menschen verschieden befähigt und veranlagt sind, so haben auch die einzelnen Völker verschiedene Fähigkeiten und darum nicht gleichmäßige Aufgaben und Ziele; sie alle sind aber dazu bestimmt, nicht einander zu verdrängen und auszureiben, sondern sich harmonisch miteinander zu verbinden. Leider vergessen die Menschen dies häufig, und dieser Umstand hat so viel Unheil schon auf Erden gestiftet und für lange Zeit gehemmt, was erst allmählich sich Bahn brechen mußte. Wie oft haben die Völker gleichsam die Schöpferkraft Gottes nachkorrigieren wollen, wenn sie andere mit anderen Anschauungen und Zielen nicht neben sich dulden zu können glaubten, und alle Bewohner ihrer Länder in ihren Jdeenkreis mit Gewalt einzuzwängen versuchten! Der ganze moderne Chauvinismus ist eine Ausgeburt dieses Wahns. Große Kriege sind oft aus solchen Motiven geführt worden, und einer unter vielen ist jener Kampf, dessen Erinnerung unser Chanukahfest geweiht ist. Jener Antiochus, welcher neben hellenischen Sitten und Gewohnheiten auch die Religion der Griechen, ihr Heidentum, den Juden förmlich aufzwingen wollte, tat im großen und ganzen nur das, was manch niederer Politiker in seinen höchsten Wünschen herbeisehnt und gleichfalls zur Ausführung zu bringen sucht. Freilich sind es meist andere Mittel, die in unfern Tagen entsprechend der verfeinerten Kultur angewandt werden; die Absichten sind aber die alten, die Ziele so ziemlich die gleichen. „Panhellenismus" so lautete die Devise des Syro- Hellenen Epiphanes, und unter diesem Rufe sollte alles weichen, was sich dem Schlagwort nicht beugen wollte. Darum' bedeutet der Sieg der Makkabäer eine große weltbewegende Idee; er brachte die Entscheidung, daß Macht nimmer über Recht geht, die Erkenntnis, daß Völker nicht gegen einander, sondern mit einander die Kultur, die Gesittung der Menschheit zu fördern berufen seien. Der Makkabäer Kämpfe galten aber nicht etwa der Vernichtüng der hellenischen Kultur, die die Alten kannten und in ihrer tiefen Bedeutung wohl zu schätzen wußten, sondern der Abwehr ihrer Uebergriffe,- der Verteidigung der Sem anvertrauten Sendung, dem Ringen um noch höhere Güter, als es Kunst und Schönheitssinn an sich sind. Diese waren aber durch die Syrer arg gefährdet: im eitlen Wahne hätte Antiochus Epiphanes der Menschheit die höchsten Kulturgüter geraubt, wenn nicht im entscheidenden Momente die Makkabäer den feindlichen Ansturm zurückgedrängt hätten. Richtig' feiern wir den Sieg, indem wir Lichter zünden; denn es war ein Kärnpf zwischen dem Licht und der Finsternis, zwischen dem finsteren Heidentum und der Lichtreligion, und ihr Sieg wird durch das Symbol der aufsteigenden Lichterreihe gefeiert. Nach jenem ersten feindlichen Zusammentreffen der Träger der Kultur suchte das Judentum sich immer mehr und mehr mit dem Hellenismus zu verständigen. Hinfort gab es keinen Weltkampf mehr zwischen diesen Mächten. Dagegen-hat es neue Anfechtungen aber dann noch in Hülle und Fülle von anderer Seite zu bestehen, und auch in unseren Tagen fehlen sie leider nicht. Israel hat aber niemals den Glauben an den Sieg seiner guten Sache aufgegeben; von den Chanukahflämmchen ließ es sich immer von neuem belehren, daß nicht der Kraft und nicht der Macht, sondern dem Geiste allein der endgültige Sieg zufallett muß. Auch in unserer durch manches Geschehnis arg umdüsterten traurigen Gegenwart erscheint uns das Chanukahfest mit seinen Weihelichtern 'wie ein Tröster zur rechten Zeit. Jetzt, wo in dem Zusammenprall zweier Mächte im männermordenden Kriege, den wir allerdings nicht als eine von Gott gesetzte Ordnung ansehen können, seltsamerweise das dunkle Lügengespinnst sich zu zerteilen beginnt, welches die Masse unserer Brüder im Osten noch immer verfolgt und unterdrückt hat, dürfen wir doch hoffen, daß es auch im finstern Osten zu tagen beginnen wird, daß es da der großen Oeffentlichkeit zum Bewußtsein kommen wird, wohin es schließlich führen muß, wenn der alte Geist eines Antiochus Epiphanes von neuem auflebt. Diese alte Chanukahgeschichte sollte aber auch in unserem lieben Vaterlande Beachtung finden^ auch hier jedermann belehren, daß nimmer die Religion der Deckmantel sein darf für die Versagung von Rechten und Zugeständnissen. Die Grenze zwischen Recht und Unrecht ist schmal, gar leicht verrückbar; achtet der Staat nicht darauf, daß das gewährleistete gleiche Recht auch allen seinen Bürgern ohne Unterschied des Bekenntnisses wird, so ist er auch verant-

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