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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-11-18 · Heft 47 (18.11.1904) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 47 (18.11.1904)
Date
1904-11-18
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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68. Jahrgang. No. 47. Berlin, 18. November 1904. Lm unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements.Preis: DurchBuchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streisband bezogen vierteljährl. 3 M. Redakteur: Gustav Rarpele». Begründet von Rabbiner D*« Ludwig PHMxxson. Verlags-Expedition: Berlin, Jferosalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an.die Adresse. Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums*, Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/49, zu richten. Verlag von Rudolf rNosse, Berlin. Dir Lehren eines Krosklles. Berlin, 15. November, in Prozeß, der in der letzten Woche vor Berliner Richtern sich abspielte, lenkt wieder einmal den Blick auf Zustände, die als überwunden, den Anschauungen einer neuen Zeit längst gewichen gelten mußten. Und doch, was wie ein Märchen vergangener Tage, wie das Phantasiebild eines veralteten Ronianziers anmutet, .gibt sich nun mit einem Mal beinahe als „gerichtsnotorische" Tatsache. Eine Heiratsvermittlerin stand vor Gericht und mit einer verblüffenden Selbstverständlichkeit wiederholt sich in den einzelnen ihr zur. Last gelegten Fällen immer wieder dasselbe Bild : der verschuldete, adlige Offizier, der sich vor seinen drängenden Gläubigern nicht anders als-durch eine Geldheirat retten kann, das reiche, jüdische Mädchen aus Berlin W., dem der „alttestamentarische Namen" des Vaters verletzend jüdisch erklingt; ein besseres und harmonisches Paar wird es selten geben und rasch wird die Ehe zwischen Reversen und Wechseln geschlossen. Und kein Ausruf des.Erstaunens vom Richtertisch her, kein Wort der Verwunderung von Staatsanwalt' und Verteidigung; es ist eben ein Brauch von altersher ... Ein beschämender Brauch. Eigentlich erscheint es ganz unverständlich, daß heute so etwas noch möglich ist, daß in unserer Zeit der Aufklärung, da moderne Ideen und Gleichberechtigungsbestrebungen einen ungeahnten Aufschwung nehmen könnten, gerade dieser wunde Punkt noch nicht durch einen durchgreifenden Heilungsprozeß ausgemerzt worden ist. Oder handelt es sich eben nur um rückständige Menschen, die allein an Aeußerlichkeiten kleben und für die der leere Schein alles ist? Dann könnte man ja schließlich mit einem verächtlichen Achselzucken darüber hinweggehen und brauchte nur die Distanz anzudeuten zwischen diesen eitlen und törichten Strebernaturen und den anderen Besseren. Nun hat aber der Prozeß der Heiratsvermittlerin Hartert grade gezeigt, daß es nicht die Schlechtesten sind, -die dabei eine peinliche Rolle spielten und die nun auch die Worte des Tadels und der Zurückweisung herausgefordert und verdient haben, abgesehen davon, daß grade an dieser Stelle diese lächerliche Eitelkeit der Parvenüs gegeißelt werden muß, weil unsere lieben Gegner noch immer bisher von dem vereinzelten Falle aus die Allgemeinheit geschlossen haben. Die Allgemeinheit - aber hat mit diesen unglückseligen Verhältnissen nicht , nur nichts zu tun, sie verurteilt sie sogar auf das entschiedenste und ist gerecht genug, den jüdischen Eltern und den. jüdischen Mädchen, fast noch größere Vorwürfe zu machen als den Offizieren. Es liegt jetzt in der Zeit, überall Schäden aufzuspüren und in breitester, verletzender Oeffentlichkeit möglichst schmutzige Wäsche noch schmutziger zu — waschen. Besonders das deutsche Offizierkorps hat in der letzten Zeit mehr zu hören bekommen, als ihm lieb gewesen und auch als — wahr ist! Auch der Prozeß Hartert hat verschiedenen linksliberalen Zeitungen Gelegenheit gegeben, auf die adligen Offiziere loszuschlagen und ihnen alle moralischen Qualitäten abzusprechen, soweit sie der Schulden halber reiche Mädchen heiraten. Schön ist es ja auch gewiß nicht, aber .man muß andererseits doch auch gerecht genug sein zu überlegen, daß der Offizier, der nicht mehr ein noch aus weiß vor Schulden, mit einem Schlage einem sorglosen, üppigen Leben entgegensieht, eine tadellos erzogene, oft schöne und elegante, oft kluge und geistvolle Frau bekommt, die meist in drei oder vier Sprachen plaudern kann, die allen erdenklichen Sport treibt und die nur den einen kleinen „Fehler" hat, daß sie Jüdin ist oder — war. Und die sich auch die größte Mühe nicht zuviel werden läßt, den jungen Offizier in ihre Bande zu schlagen. Da ist es denn menschlich begreiflich und sogar entschuldbar, wenn er schließlich „ja" sägt. Er verliert nichts an seiner gesellschaftlichen Stellung; daß seine Frau nicht für voll angesehen wird, berührt ihn vielleicht kaum im Anfang peinlich; er hat dadurch, daß er ihr seinen Namen gab, den Gegenwert für das abgeschlossene Geschäft geleistet — zu mehr ist er nicht verpflichtet. Trauriger liegt es aber ohne jeden Zweifel auf dem jüdischen Seite und wir stehen nicht an, dies offen auszusprechen, selbst auf die Gefahr hin, daß die Antisemiten dies als-Zeugnis gegen uns benutzen sollten, was sie aber aus leicht erklärlichen Gründen wohlweislich unterlassen werden. Ungeachtet aller schlechten Erfahrungen, an denen gerade gewisse Kreise der Berliner jüdischen Gesellschaft überreich sind, haben in diesen Kreisen bis auf den heutigen Tag noch nicht die lächerlich traurigen Bemühungen aufgehört, einen „möglichst germanischen Schwiegersohn, mit adligem Namen" zu ergattern. Dieser Fluch der Lächerlichkeit wird da wohl nicht empfunden; kleinlichste Eitelkeit setzt sich über alle Bedenken hinweg, die verletzende, höhnische Nichtachtung wird schweigend getragen. Der verbummelte Offizier, der mit der Mitgift Spielschulden' oder gar ändere aus der tollen Leutnantszeit zahlt und der flott drauf los neue Schuldem macht, wird mit Freuden, ja mit Stolz ausgenommen. Das Vermögen, das durch Menschenalter emsigen Fleißes und eiserner Tatkraft erworben, wird leichtsinnig geopfert, das jüdische Mädchen aber, die junge Gräfin oder Baronin, unglücklich gemacht. Die Religion der Väter spielt natürlich in diesen Kreisen überhaupt keine Rolle mehr. So sieht die jüdisch-adlige Ehe in den meisten Fällen aus. 4 1

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