Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 44 (28.10.1904)
- Date
- 1904-10-28
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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Gesterrejch-Ansarn. ' □ Wien, 24. Oktober. Mit einem kleinen antisemitischen Scherz hat "sich der niederösterreichische Landtag seine Zeit, vertrieben. Er hat nach einer von liberaler Seite mit Entschiedenheit geführten Debatte den Antrag, des . „Gewerbebeförderungsausschusses" angenommen, zwei Landesstipendien zu je 600 Kronen der Expovtakademie znzuwenden, jedoch mit der Bestimmung, daß diese Stipendien nur christlichen Bewerbern zugeteilt werden dürfen. Dem Abgeordneten Sturm schien, die Christlichkeit des Bewerbers noch, keine genügende Garantie für die parteigemäße Vergebung des Stipendiums, und so wurden auf seinen Antrag statt der Worte „christlicher' Religion" die präziseren „arischer Rasse" gesetzt. Die Liberalen Strobel, Bloch und v. Lindheim klagten über die Ungerechtigkeit. eines solchen Antrages, es wurde die allgemeine Menschenliebe und das Staatsgrundgefetz angerufen, alles vergeblich. Die Majorität war es -ihrer Parteitreue schuldig, daß sie den Antrag in seiner schärfsten Form annahm, nachdem, zuvor noch der Referent, Ritualmordspezialist Schneider, an schiesgetretenen Damenschuhen den Nachweis geführt habe, wie die jüdischen Exporteure das österreichische Renommee im Auslande untergraben. Etwas weniger Pathos und etwas? mehr Humor wäre vielleicht die richtige Waffe im Kampfe' gegen diese christlichen Gewerberetter gewesen, denen es sich doch ausschließlich' •um eine kleine Demonstration für ihre Gallerte gehandelt hat. Denn faktisch ist der. Antrag ganz bedeutungslos. Die Stipendien werden vom antisemitischen Landesausschuß verteilt, der ohnehin keinem auch nur entfernt jüdischer Abstammung verdächtigen Bewerber seine. Gunst zuwenden würde und ernstlich angewendet könnteder Arierparagraph auch zu recht kuriosen Ergebnissen führen. — In O.derberg wurde Herr Vikto r Lustig mit neun Stimmen, während der Gegenkandidat, . der Christlichsoziale /Josef v.. Portenschläg, acht Stimmen erhielt, zum Bürgermeister gewählt. — Der ordentliche Professor für Dermatologie und Syphilis , an der Prager deutschen Universität, Dr. Philipp Joseph Pick, feierte am 14. cr. seinen 70. Geburtstag. — In der Sitzung des galizischen Landtages begründete Abgeordneter P. I. StojMoüiZky "seinen Antrag, die Juden zu selbständigen Richtern picht 'zu .ernennen und dahin zu . wirken, daß jüdische Richter v'on Ehristen den. Erd nicht abnehmen. Der Antrag sollte demRechtsaüsfchuß 'zugewiesen werden, wurde aber mit sämtlichen gegen 11 Stimmen a limine abgelehnt. Derselbe Abgeordnete forderte ferner in - einem Antrag die Einführung der vierten Wagenklasse, beziehungsweise besonderer Waggons für jüdische Passagiere. Unglaublich! i. Budapest, 20. Oktober. Der am 16.- d. M. kinderlos verstorbene hiesige Großunternehmer Edmund Neuschloß, bestimmte 300000 Kronen' zur Schaffung eines Sanatoriums für tuberkulöse Arbeiter und 50 000 Kronen verschiedenen interkonfessionellen^ jüdischen und christlichen Instituten und Vereinen: — Sie brachten kürzlichr die Nachricht, daß der einzige namhafte Philosoph. Ungarns, Dr. Bernhard Alexander, zum Christentum übergetreten sei. Demgegenüber'kann ich konstatieren : Prof. Alexander ist nicht getauft, er ist entrüstet, daß man derartiges auch nur vermuten konnte; ich eile deshalb, die Mitteilung zu dementieren. — Am 3. d. M. starb hier im Alter von 83 Jahren Philipp Holitscher. Derselbe' war Kaufmann und Gutsbesitzer, zog sich dann ins- Privatleben zurück und beschäftigte sich literarisch.. Er schrieb? ausschließlich in' deutscher Sprache Erzählungen und Romane, Lyrisches und Dramas tisches. Eine Reihe von Jahren gehörte er.dem Vorstände der hiesigen Gemeinde an. ' Amerika. H. Newyork, im Oktober. Am 27. September fandin dem nahegelegenen Paterson, New-Jersey, die Ei n we khung eines' Schulgebäudes statt, welches Nathan Barnert der jüdischen Gemeinde zum Geschenk machte. Dasselbe enthielt äußer Schulräumen, in welche die Kinder von Einwanderern für die öffentliche Schule/ vorbereitet werden, einen Turnsaal, Bäder, Räume ftrr Handfertigüngsunterricht und Versammlungsräume für Klubs und Vereine. Das Gebäude führt den Namen Miriam Barnert Memorial zu Ehren der Gattin des Stifters. Herr Barnert,. der schon früher eine Synagoge für die Gemeinde erbaut hat, war zweimal Mayor von Paterson und nimmt im öffentlichen Leben eine hervorragende Stelle ein. — Rabbi David' Ri dv ers, der Herausgeber des „Jeruschalmi", der aus Sluzk- . als Oberrabbiner der vereinigten polnischen und russischen Gemeinden näch Chikago beritfen worden war, aber wegen Zwistigkeiten seine dortige Stelle aufgebeN mußte, kam nach Newyork, wohin er von der- Gemeinde Kehillat Jeschurun eingeladen worden war, um durch - seine'Anwesenheit in der Synagoge an den hohen Feiertagen den Prediger der Gemeinde, Herrn Kaplan, und damit dem Jewislr Theological-Seminar, dessen Schüler Herr Kaplan ist, :das Jmprirnat-ur: de? russisch-orthodoxen Judentums ' zu verleihen. ' Zur allgemeinen Ueberraschung erklärte er aber am Jom Kippur, daß in seiner Gegentvart nicht in englischer Sprache gepredigt werden dürfe- und -daß' alle akademisch gebildeten Rabbiner Ketzer seien. Herr Kaplan-durste auch tatsächlich nicht predigen. ' - - '- > " Von Sah und ssern. ---Herr Martin Simon, der Schatzmeister des Berliner Komitees für die Ferienkolonien, hat' den Kronenorden IV. Klasse erhalten. — Der bisherige Direktorialassistent bei den Königlichen Museen in' Berlin, Dr. M a x Fr i e dl ä n d e r, ist nicht zum zweiten Direktor des Kaiser Friedrich-Museums, sondern zum zweiten Direktor der Gemäldegalerie und der Sammlung von Bildwerken und-Abgüssen des' christlichen Zeitalters ernannt worden. — Anläßlich des Geburtstages öer Kaiserin haben Frau Johanna Abraham und Frau Luis e Stern in Berlin sowie der Bankdirektor N. Hamburger in Posen die Rote Kreuzmedaille III. Klasse erhalten. — Der Handelsrichter, Needereidirektor und Stadtverordnete David- Mug dan in Bres lau hat den Roten Adlerorden IV. Klasse erhalten. — Der Privatdozent , für Mathematik an der Universität Breslau seit 1899, Professor Dr. Franz London, ein geb. Liegnitzer, ist als Professor extr. an die Universität Bonn berufen worden. — Dieser Tage sind sechs jüdische Leute von Memel zum Militär ausgehoben worden, nachdem sie für tauglich dazu befunden wurden-. Dieselben sind als Söhne ausländischer Juden geboren, die nun durch die Ableistung der Militärpflichtihre Naturalisation erlangen. Dieses Entgegenkommen der Negierung ist erst neueren Datums und die Beteiligten machen davon gern Gebrauch. — Die goldene Hochzeit feierte am 18. d. M. däs Rentner Albert Elkan'sche Ehepaar in Parchim in voller körperlicher und geistiger Frische. Der Großherzog hat aus diesem Anlasse dem Jubelpaar ein Glückwunschschreiben und sein Bild übersandt. Der Oberrat der israelitischen Gemeinde in Mecklenburg, dessen lebenslängliches Mitglied der Jubilar ist, sandte ein Schreiben, in' welchem die.Verdienste desselben hervorgehoben wurden. Die' hiesige israelitische Gemeinde, deren Vorstand Herr Elkan schon seit 45 Jahren angehört, schenkte dem Jubilar zwei Armleuchter. - Das Bürgermusikkorps brachte ein Morgenständchen. Ueberaus zahlreiche Blumenspenden, Glückwünsche und Telegramme zeigten, welcher Liebe und Achtung sich das Jubelpaar in weitesten Kreisen der Bevölkerung erfreut und hoffentlich noch recht lange erfreuen möge! — Der : Fabrikant M. Levi in Stadtoldendorf ist zum Stadtrat gewählt worden. — Am . 10. dieses Monats feierte der Kaufmann L. Wittgenstein in Marburg in geistiger und körperlicher Frische seinen 70. Geburtstag. Herr Wittgenstein ist seit 36 Jahren ohne Unterbrechung Mitglied des Vorstandes der hiesigen Shnagogengemeinde und seit 1884 mit kurzer Unterbrechung Vorsitzender des Vorstandes. — Der Kreisturntag in Düsseldorf faßte . in seiner letzten Sitzung folgte Resolution: Der Kreisturntag verurteilt entschieden das Auftreten der Agitatoren der jüdischen Turnvereine, weil in den deutschen Turnvereinen den jüdischen Mitgliedern dasselbe'Maß von Vertrauen und Achtung wie den Angehörigen der anderen Konfessionen entgegengebracht wird. — Professor Dr. Alfred. PHilippson in Bonn ist als ordentlicher Professor für Geographie nach Bern berufen worden. — Der außerordentliche Professor der Mathematik in Heidelberg, Dr. Georg Landsberg, .ist nach Bweslau berufen worden. — Die Akademie von Lund (Schwedens' hat den Lindermann'schen Preis für Berechnung von Kometen unter anderen auch dem Astronomen Dr. B. Cohn in Straßbürg im Elsaß verliehen. — Der berüchtigte Antrag des Ge- Mdiudebevollmächtigten Herrmann in München wegen Verbots