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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-09-16 · Heft 38 (16.9.1904) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 38 (16.9.1904)
Date
1904-09-16
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Lin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. 68. Jahrgang. No. 38. Berlin, 16. September 1904. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements.Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 M. Hibatituv: Gustav Narpele». Begründet von Rabbiner D»« Ludwig Philipps»«. VeilM-LpMtiM: Berlin, Jerosalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße $6/4:9, zu richten. Verlag von Rudolf Messe, Berlin. Lum Verlühmmgstagr. Berlin, 14. September, itten im Stimmengewirr des flirtenden Lebens sind es besonders feierliche Laute, die in diesen Tagen unsere Bekennerschar vernimmt, Töne, die in die schrille Dissonanz von Waffengeklirr und Kampfgeschrei eine gewisse Harmonie bringen wollen. Draußen tobt der völkermordende Kampf ruhig weiter und schärfen die Klassen und Rassen der menschlichen Gesellschaft ungehindert ihre Klingen — drinnen in ihren Gotteshäusern scharen sich Judas Söhne und Töchter im sehnsüchtigen Verlangen nach Frieden und Versöhnung um das Banner ihres Glaubens und lassen den Ruf auf ihr Herz einwirken, den der Prophet als ewige Losung verkündet: „Friede, Friede dem Fernen und dem Nahen!" Kann es eine schönere Parole geben? Ist ihre Erfüllung nicht das heiße Sehnen der Edlen und Großen, aller Zeiten und aller Geschlechter? Welche Tragik ist es aber, daß gerade der Fürst, der vor wenigen Jahren in die Friedensposaune gestoßen und das Nahen einer verheißungsreichen neuen Aera erhoffen ließ, jetzt dem Frieden ein trauriges Ende bereitet hat! So waren es doch nur Ideen, Gedanken, die sich in unsere Zeit noch nicht einpassen lassen! Das ist aber der große Unterschied zwischen den alten Propheten und denen unserer Tage. Dort deckten sich Lehre und Leben, hier widerstreitet das Leben meist der Theorie. Soll der Frieden mit der Außenwelt erhalten bleiben, so muß er erst in den engeren Grenzen des eigenen Reiches erblühen; dort, wo Religion und Glauben zum Deckmantel düsterster Engherzigkeit und fanatischer Verfolgungssucht herabgewürdigt werden, da wahrlich gedeiht die Palme des Friedens nicht. D.aß aber die weite Welt in ihren edelsten und besten Vertretern sich nach Frieden sehnt, bedeutet immerhin einen Triumph jener jesajanischen Verkündigung, die immer weitere Kreise um sich zieht, bis schließlich der große Versöhnungstag der Menschheit anbricht.. .. Noch viele Hindernisse sind allerdings zu beseitigen, noch viele Scheidewände fortzuränmen, noch viel Schutt und Geröll abzutragen, ehe das Friedenszelt über die ganze Menschheit wird aufgerichtet werden können. Noch ist ja das Gesetz der Gleichheit aller Menschen nicht ' allgemein anerkannt, noch werden die Ideale der Menschen: Gott und Glauben, Staat und Volkstum nicht überall in ihrer versittlichenden Kraft verwertet, sondern als Mittel zur Trennung und Abschließung mißbraucht, noch ist die Macht des Gottesgedankens durchaus nicht so wirksam, daß aus ihm Wahrheit, Gerechtigkeit und Menschenliebe als Stützen der sittlichen Weltordnung hervorblühen. Darf Israel aber verzweifeln? Nimmermehr! Es müßte die. Wirkung des Versöhnungstages nicht an sich erfahren, wie er allen Haß und Hader aus seinen Reihen bannt, jeden Streit tilgt und alle Geister Werken der Liebe und Gerechtigkeit zugänglich macht. Es müßte unsere Bekennerschar nicht vom festen Glauben an die siegreiche Kraft seiner Ideen durchdrungen sein, und nicht in ihrem Bestände den Sieg des Guten über das Böse erfahren haben. Wir müßten denn den Glauben an die Menschheit und ihre Ideale verloren haben und selbst von den leitenden Gedanken des Versöhnungstages nichts wissen, nicht überzeugt sein, daß, wie der einzelne trotz des wogenden Kampfes in seinem Herzen über den bösen Trieb Herr werden kann, so auch schließlich der böse Geist einst völlig überwunden sein wird. Darum lauschen wir am Versöhnungstage freudig und zuversichtlich jenem Friedensrufe, der unserem bekümmerten . Herzen wahres Labsal und echte Kräftigung ist, uns aber auch spornt, einen Stein mit einzusügen in diesen Friedensbau der Zukunft. Mögen die anderen uns bei jedweder Gelegenheit ausschließen und von sich stoßen, mag unsere religiöse Minderheit nirgends irgendwie in Anschlag gebracht werden, mag selbst dort, wo der Ruf nach Eintracht und Frieden der Konfessionen erklingt, in unserem Vaterlande immer nur von „den beiden" die Rede sein, — trotzdem lassen wir uns nicht zurückdrängen, im Bunde mit den „Frommen aller Völker" Arbeit der Versöhnung, Werke des Friedens zu leisten. Auf wessen Kraft kann denn in unseren Tagen Verzicht geleistet werden! Große Ziele sind doch anzustreben, Versöhnung, Ausgleich der Gegensätze, Beseitigung aller Unebenheiten, das muß doch in unseren Tagen angebahnt werden, soll sich der Riß nicht noch mehr weiten und zu einem schier unheilbaren werden, der durch unsere Zeit unverkennbar geht. Selbst sich Beschränkungen auferlegen, um anderen das Leben erträglich zu machen, die dunklen Triebe aus seinem Herzen reißen, um nicht durch sie zu Gewaltakten gegen andere sich verleiten zu lassen, auf seinen freien Standpunkt, frei von der engenden Fessel des Erdenkampfes sich stellen, um auch für alle eine solche Lebensführung zu erwirken, — das ist die Frucht des Versöhnungstages, und das ist das Mittel, durch welches wir die verschiedenen Gesellschaftsklassen mit einander zu versöhnen vermögen. Kein umfassenderes sozialethisches Programm ist jemals aufgestellt worden, seit Jesaja das seinige ausgesprochen, zu dem sich Israel an jedem Versöhnungstage feierlich bekennt: „Ist nicht dies ein Fasten, das ich verlange? Zu öffnen die Schlingen des Frevels, zu lösen die Bande des Joches, frei zu entlassen Unterdrückte und jegliche Bürde abzureißen; und nicht auch das? Dem Hungrigen dein Brod zu reichen, umherirrende Arme in dein Haus

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