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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-09-02 · Heft 36 (2.9.1904) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 36 (2.9.1904)
Date
1904-09-02
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Ein unparteiisches Drgan für alles jüdische Interesse. ösrliil, 2. Lexteillbör 19V4. 68. Jahrgang, So. 36. Begründet von Rabbiner 9* Ludwig Philixxson. Verlags-Expedition: Berlin, Jerosalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/49, zu richten. Verlag non Rudolf Mosse, Berlin. r----—:- Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Lxxedition in Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!. 3 M. Redakteur: Gustav Rarxele». Dir Milchen Kamen. Berlin, 30. August, ie Namen der Inden machen der Negierung anscheinend viel Sorge. Wenigstens hört man immerzu von neuen Erlassen über die behördliche Behandlung der jüdischen Vornamen sowohl wie Stammnamen.. Es gibt bereits ganze Bündel solcher Erlasse. Nach dem neuesten ministeriellen Opus sollen selbst bei Uebertritten zum Christentum die jüdischen Vornamen nicht einmal ohne weiteres geändert werden dürfen. Indessen das ist Sache der Renegaten und geht uns nichts an. Natürlich dürfen Inden, die sich nicht einmal taufen lassen, erst recht nicht ihre Vornamen ohne weiteres ändern, und die Aenderung von Stammnamen gar ist schon fast eine Staatsaktion. Wir begreifen wohl, daß hinsichtlich der Namengebung eine gewisse Ordnung herrschen muß, und daß nicht jedem gestattet werden kann, seinen Namen abzulegen und einen beliebigen anderen anzunehmen. Was wir nicht einfehen, ist, daß die Juden deshalb besonders reglementiert zu werden brauchen. Wenn Juden bielleicht häufiger das Bedürfnis nach einer Namensänderung fühlen als andere, so hat das seine ganz besonderen Gründe und die Regierung Hütte sogar eine gewisse Verpflichtung, den Juden die Namensänderung eventuell zu erleichtern, da sie nicht ganz ohne Schuld ist, daß ein solches Bedürfnis vorhanden. Bleiben wir zunächst einmal bei den gänzlich harmlosen Vornamen. Woher kommt es, daß Juden in Deutschland altbiblische Vornamen jetzt möglichst vermeiden, während Engländer und Amerikaner nichts darin finden, auch oder gerade wenn sie fromme Christen sind, ihre Kinder Abraham, Isaak, Jakob, David, Benjamin usw. zu nennen? In Deutschland wird das Kind mit einem altbiblischen Vornamen schon in der Schule gehänselt und zwar keineswegs bloß immer nur von Schülern. Natürlich legt man sich dann gern baldmöglichst einen andern Rufnamen bei, vergißt ganz seinen angemeldeten Vornamen, bis man bei irgend einem offiziellen Akte an ihn erinnert wird. Nicht selten ändern die Lehrer sogar eigenmächtig die Vornamen der jüdischen Schüler ab. Die Vornamensgeschichte eines bekannten Schriftstellers beispielsweise ist lehrreich und nicht uninteressant. Der bei der Geburt erhaltene Name Jehuda mußte bei der polizeilichen Anmeldung auf Befehl oder Wunsch des Bürgermeisters „übersetzt" werden. Die deutsche Sprache war zumal in jenem Teile des preußischen Vaterlandes noch nicht so Gemeingut der Juden wie heute. Der Vater wußte nicht, wie er den Namen Jehuda „übersetzen" sollte, Da fiel ihm ein, daß Jehuda im Pentateuch mit einem „starken Löwen" verglichen wird. Er wollte ihn nun Löwe benamsen und nannte ihn Leib, das Jargon-Wort für Löwe. Als er in einer, anderen Stadt in die Schule kam, wußte der Lehrer nicht, was er mit dem sonderbaren Namen „Leib" anfangen sollte, und ernannte ihn Levin. Später kam er in eine andere Stadt aus die S,chule. . Dort paßte seinen Verwandten nicht der ihnen wieder nicht ganz geheure Vorname Levin und er erhielt den Namen Louis. Mit diesem schleppte er sich, bis er in die Quarta kam. Der Ordinarius hatte zufällig eine gesunde Abneigung gegen alle fremde Namen, und er nannte ihn Ludwig. Diesen ohne jedes Hinzutün seinerseits erhaltenen fünften Namen führt der Mann noch heute. Aber im Laufe von etwa fünsunddreißig Jahren ist er doch etwa dreinml erinnert worden, daß er in seiner frühesten Jugend Leib genannt wurde. Die jüngere Generation dürfte wohl durchweg landesübliche Namen führen; und das ist aus mehr als einem Grunde begreiflich, zweckmäßig und nach keiner Seite hin ein Unrecht. Ob es ein so großes Unglück ist, wenn ältere Juden ihre wirklich geführten Vornamen sich legalisieren lassen, möchten wir bezweifeln. Die preußische Regierung scheint es für ein Unglück zu halten, denn nur so läßt sich die Verfügung erklären, daß über Anträge auf Abänderung jüdischer Vornamen selbst erst dem Ministerium Bericht erstattet werden soll. Daß Juden es für zweckmäßig halten/ auf ihre, alttestamentlichen Namen zu verzichten, spricht viel, mehr gegen ihre christlichen Mitbürger als gegen sie selbst. Viel wichtiger ist natürlich die Frage der Aenderung jüdischer Familiennamen. Auch hier braucht man nur zu wissen, um zu verstehen. Es ist den Juden eines schönen Tages der Regierungsbefehl geworden, sich Familiennamen beizulegen. Das ist aber leichter'befohlen als getan. ^Selbst Dichter und erfahrene Schriftsteller finden nur schwer-Namen für die in ihren Stücken und Romanen auftretenden Personen; und nun sollten kleine, meist ungebildete, ja kaum der deutschen Sprache mächtige Leute sich Namen geben. Sie nannten sich meist nach den Vornamen ihrer Väter, also Abrahamsohn, Jsaaksohn, Jakobsohn, Davidsohn, Aronsohn re. Oder sie nannten sich nach den Herkunftsorten als Posener, Breslauer, Danziger, Hamburger re. Witzig sich dünkende Bürgermeister zwangen den Juden unästhetische, lächerliche, widerwärtige, ja selbst unanständige Namen auf. Brüder erhielten verschiedene Familiennamen. Ja wir wissen von einer jüdischen Familie, in welcher zwölf Brüder zwölf verschiedene Namen erhalten haben. Es geht daraus hervor, daß Juden öfter als ihre christlichen Mitbürger gute Gründe für eine Aenderung ihres Fannliennamen-s

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