Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 28 (8.7.1904)
- Date
- 1904-07-08
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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e. Hoppstädten a. d. Nahe, 3. Juli. Am, 19. v. M. tagte Hierselbst der Vorstand des Armenkassenverbandes im Nahe- Bezirk unter dem Vorsitze des Herrn Eppstein-Hoppstädten. Dem Verbände gehören an die Gemeinden: Birkenfeld, Hoppstädten, Bosen, Sötern, St. Wendel, Oberstein, Kirn. Die Kasse hatte im abgelaufenen Geschäftsjahr eine Einnahme von 1142,42 Mark und eine Ausgabe an 483 Wanderbettler von 825,30 Mark. Der Vorsitzende hatte mitzuteilen, daß die Gemeinde St. Wendel vor Ablauf des Vereinsjahres aus dem Verbände ausgetreten sei, weil die Gemeinde, nach Angabe ihres Delegierten, den fälligen Beitrag nicht aufbringe. Die Versammlung fand es auffallend, daß die Gemeinde St. Wendel nicht wenigstens für das volle Jahr ihrer Verpflichtung nachgekommen sei. Die Gemeinde Kirn teilte brieflich durch ihren Vorstand und münd- ' lief) durch ihren Delegierten mit, daß sie nicht in der Lage wäre, die Zahlstelle für das neue Geschäftsjahr aufzunehmen. Der Vorstand, erklärt sich damit einverstanden, daß Kirn die Zahlstelle an einen benachbarten Ort verlege, und der Delegierte von Kirn erklärt sich bereit, seine Gemeinde zu einem dahingehenden Versuche zu bewegen. Sonderbar ist es allerdings, daß so manche Gemeinden den Anschluß an einen Verband scheuen, weil sie nicht willens sind, aus ein Jahr die Zahlstelle zu übernehmen. Sie bedenken nicht, daß der Zulaus der Wanderbettler ihnen ja doch nicht erspart bleibt, und daß sie durch ihre Zurückhaltung die volle segensreiche Wirksamkeit der Zentralisation hindern. Zum Vorsitzenden resp. Stellvertreter für das neue Geschäftsjahr wurden die Herren F. Eppstein-Hoppstädten und Gottschalk-Kirn gewählt. x. Mainz, 3. Juli. Gestern feierte hier sein fünszigjähriges Lehrerjubiläum Herr Simon Lehmann. Geboren im Jahre 1836 in Gittigheim (Baden), trat er im Juli 1854 in Dornheim bei Groß-Gerau seine erste Lehrerstelle an, woselbst er bis Juli 1863 verblieb. Dann siedelte er nach Bretzenheim bei Mainz über, bis er am 1. Juli 1870 als Lehrer und Kantor bei der Israelitischen Religionsgemeinde in Mainz angestellt wurde. In Mainz ist Herr Lehmann, der sich großer körperlicher und geistiger Frische erfreut, nun seit 34 Jahren erfolgreich tätig und wegen seines lauteren Charakters und persönlicher Liebenswürdigkeit in allen Kreisen der Stadt geachtet und beliebt. Dem Jubilar wurden große Ehrungen sowohl seitens der Gemeinde, verschiedener Vereine wie auch von Freunden und Verehrern zu teil. GesterretH-Angarn. □ Wien, 5. Juli. In dieser Woche ist hier einer der wenigen noch lebenden Legionäre aus dem Jahre 1848, Herr Leopold Sommer, im Alter von 73 Jahren gestorben. Sommer war in Boskowitz in Mäheen geboren worden. Er absolvierte zuerst das Gymnasium in Brünn und dann die dortige technische Hochschule und schloß sich im Jahre 1848 der in Brünn gebildeten akademischen Legion an, mit welcher er aus Tambour über Nikolsburg nach Wien zog. Hier nahm er an den Straßenkämpfen hervorragenden Anteil. Nach der Revolution trat Sommer in die Brauerei der Firma Kobler und Wohlgemut in Brünn ein, deren Direktor er später wurde. Im Jahre 1870 gründete er in Graz eine Spodiumfabrik. Als Grazer Industrieller wurde er zuerst Mitglied und dann Präsident des dortigen Gewerbevereins. — Der Minister für Kultus und Unterricht hat den Skriptor an der Wiener Universitätsbibliothek Dr. Salomon Frankfurter zum Kustos ernannt. Amerika. H. Newyork, 14. Juni. Am 7. d. M. feuerte Morris Finkel, Schauspieler am jüdischen Theater, vier Schüsse auf seine Frau und machte dann seinem Leben durch einen Revolverschuß ein Ende. Die Frau wurde tödlich verwundet in das Hospital geschafft. Das Motiv der Tat ist Eifersucht. Die jüdische Bühne adaptiert nicht bloß den Othello für russisch-jüdisch-amerikanische Verhältnisse, sondern praktiziert ihn auch. Es mag bei dieser Gelegenheit interessant sein, mitzuteilen, daß es in Newyork vier jüdische Theater gibt, die täglich vor vollem Hause Vorstellungen geben. Die Stücke sind meistens für die Bühne geschrieben und bringen dem Autor ein Honorar von 600 Dollars durchschnittlich. Von Aah und Fern. — Der Privatdozent Professor Dr. Alfre d W ohl von der Berliner Universität ist zum etatsmäßigen Professur au der Technischen Hochschule in Danzig ernannt worden. — Der preußische Konsul in Bogota, Bankdirektor Salomon Koppel, hat den Roten Adlerorden IV. Klasse erhalten. — Professor Dr. Wassermann hat das Ritterkreuz I. Klasse des japanischen Ordens des heiligen Schatzes erhalten. — Ein neues israelitisches Waisenhaus soll in Königsberg auf dem Lindenmarkt neben der Synagoge erbaut werden. Das Gebäude, das im Stil der Synagoge erbaut werden soll,-erhält eine Straßenfront von 30 in. — In Posen feierte der Kommerzienrat Adolf Kantorowicz, Chef der bekannten Eisenwarengroßhandlung Adolf Kantorowicz, am 1. d. M. sein fünfzigjähriges Geschäftsjubiläum. Der .Jubilar ist seit einer Reihe von Jahren Stadtrat und Mitglied des Provinzialausschusses und hat sich in diesen Aemtern große Verdienste um Stadt und Provinz Posen erworben. — In Sorau entschied sich die Stadtverorünetenversammlung für vorläufige Ablehnung des Antrages auf Einführung eines Schacht- Verbotes. — Am 27. v. M. beging Herr Dr. Wolffberg in Stolp das 50 jährige Doktorjubiläum. Die philosophische Fakultät der Universität Gießen, bei welcher der Jubilar einst auf Grund seiner Inauguraldissertation „de poetica Hehraeorum“ den Doktorgrad erworben, hat ihm das betreffende Diplom durch ein prachtvoll ausgestattetes Ehrendiplom erneut und auf demselben den Inhalt seines vergangenen Lebens in ehrenvoller Anerkennung wiedergegeben. — Dem Vorsitzenden des Synagogenvorstandes in Pr.-Stargard, Herrn Fabrikbesitzer Goldfarb, ist der Titel Kommerzienrat verliehen worden. — In Hameln wurde am 26. v. M. unter Beteiligung der städtischen Behörden die Feier des 25jührigen Bestehens der Synagoge begangen. Morgens wurde ein Gottesdienst abgehalten und nachmittags fand auf Drehers Berggarten ein Festessen statt. Nach Begrüßung der Gäste durch den ersten Vorsteher der Gemeinde, Herrn Michaelis, der schon vor 25 Jahren in gleichet Eigenschaft tätig war, folgte der durch Herrn Lehrer Bachrach ausgebrachte und begeistert aufgenommene Kaisertoast. Aus der sich hieranschließenden Rede des Herrn Stadtsyndikus Sestürner sei der Teil besonders erwähnt, in der er die Versicherung abgab, daß die städtischen Behörden auch fernerhin darauf bedacht sein würden, den konfessionellen Frieden zu wahren. — Die Jacht „Susanne", die bei dem Handicap in Kiel den von König Eduard gestifteten goldenen Becher gewonnen, gehört dem Berliner Industriellen Oscar Huldschinsky.— In Mailand ist Fräulein Andreina Costa, die Tochter des sozialistischen Abgeordneten Andrea Costa und der Frauenrechtlerin Anna Kulischow, vom jüdischen zum katholischen Glauben übergetreten und Kardinalerzbischof Ferrari gab ihr nach der Taufe auch das Sakrament der Firmung und der Kommunion. Die Tochter des italienischen Sozialistenführers heiratet demnächst den bekannten Mailänder Großindustriellen Gavazzi, der ein Neffe des streng monarchisch gesinnten Abgeordneten gleichen Namens ist. — Die Zahl der jüdischen Aerzte, welche nach dem russischen Kriegsschauplätze geschicktwerden, vermehrt sich täglich in auffallender Weise. In Kiew wurden neuerdings 30 Aerzte zur aktiven Armee beordert, darunter 26 Juden. Aus Kowno reisten anfangs Juni noch 3, aus Riga noch 11, aus Wilna noch 2, aus Elisabethgrad noch 5. aus Minsk noch 4, aus Stolbzy noch 3 jüdische Aerzte nach der Mandschurei ab. — Die Stadt Wilkomir im Gouvernement Kowno ist kürzlich durch eine Feuersbrunst fast vollständig zerstört worden. Mehr als 2000 jüdische Familien sind obdachnnd brotlos. Mit Ausnahme der Hauptsynagoge wurden alle Bethäuser mit ihrem gesamten Inhalt ein" Raub der Flammen. Das Elend unter unseren Glaubensgenossen ist unbeschreiblich und schleunige Hilfe tut dringend not. — Aus Lemberg wird gemeldet: Nach zwanzigtägiger Dauer wurde der Prozeß wegen der Ausschreitungen gegen die Juden in Uhnow beendet und das Urteil gefällt. 50 Angeklagte wurden schuldig gesprochen und zu Arreststrasen in der Dauer von ein bis fünf Monaten, beziehungsweise noch kleineren Freiheitsstrafen verurteilt. — WilliamBlumenthal in Newyork ist zum Legationssekretür bei der Gesandtschaft der Vereinigten Staaten in Portugal ernannt worden.