Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 24 (10.6.1904)
- Date
- 1904-06-10
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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3 Lebensabend verbrachte, in tief empfundenen Worten dem Schmerze der Familie Ausdruck. Von seinen Mitarbeitern an der Kreselder Schule widmete ihm Lehrer Buxbaum einige Worte des Abschiedes. i. Ems, 6. Juni. Der 16. Bericht der „Emser Heilquelle" (Uazne hajeschuoh), Unterstützungs verein für. arme jüdische Kurbedürftige, für das Jahr 1903 beginnt mit derselben Klage, die in diesem Jahre fast in sämtlichen Berichten der jüdischen Wohltätigkeitsvereine wiederkehrt: Die Zahl der Gönner hat von Jahr zu Jahr abgenommen, während die Zahl der armen Kurbedürftigen immer mehr gewachsen ist. Der Verein mußte sich einen erheblichen Pflegezuschuß zahlen lassen, um den Anforderungen nur teilweise gerecht werden zu können und die ganz armen Patienten, die nichts zu zahlen imstande waren, abweisen, wenn es auch noch so sehr schmerzte. Möge doch der im Herzen unserer Glaubensbrüder und -schwestern schlummernde Wohltätigkeitssinn zu neuem Leben erwachen, mögen Herz und Hand der wohlhabenden Kurgäste sich öffnen, um allen zu helfen, welche arm und krank sind! Der Verein möchte alle Aufnahmegesuche berücksichtigen, soweit sie die Berücksichtigung verdienen, aber er kann es nur dann, wenn er die nötige Unterstützung von ' seiten unserer begüterten Glaubensgenossen findet. In diesem Jahre wurden im ganzen 24 Kurbedürstige unterstützt. Die Einnahrnen betrugen 1263,72 Mark und deckten sich fast mit den Ausgaben. Das Vermögen des Vereins beträgt 7844,67 Mark. Der Vorstand besteht aus den Herren: Bezirksrabbiner Dr. Weingarten, Dr. med. Aronsohn, I. Thalheimer, H. Löwenstein und I. A. Ettlinger-Halpern, Frankfurt a. M. o. Nürnberg, 1. Juni. Der 1. Jahresbericht des Vereins „Israelitisches Mädchenstist", das sein Bestehen der Hochherzigkeit des verstorbenen Herrn Max Heim und dessen noch lebender Gemahlin Frau Elise Heim in Frankfurt a. M. verdankt, ist eben ausgegeben worden. Die Anstalt verfolgt den Zweck, herangewachsenen und einer geeigneten Häuslichkeit entbehrenden israelitischen Mädchen, welche in Nürnberg oder in näherer Umgebung dieser Stadt sich einem ehrenhaften Berns widmen, den Schutz eines gesitteten und geordneten Hauswesens zu gewähren, sowie auch, falls die Mittel dazu ausreichen, die Gelegenheit zur Fortbildung zu verschaffen. Am 1. Juli 1908 wurde der. Haushalt mit 5 Pfleglingen eröffnet, woraus am 6. September, die feierliche Einweihung stattsand. Die Verwaltung, bestehend aus 5 Damen und 10 Herren, hielt seit Konstituierung des Vereins 10 ordentliche Sitzungen ab. nicht angerechnet die zahlreichen Besprechungen, die notwendig waren, um einzelne Fragen zu regeln und verschiedene Maßnahmen zu. treffen. Von den seinerzeit aufgenommenen 9 Pfleglingen — ein Mädchen tritt am 1. April ein, 3 weitere sind vorgemerkt, ein Mädchen ist wegen Abreise ausgetreten — sind 6 in Bayern, 4 außerhalb Bayerns beheimatet; es sind meistens Lehrmädchen, Verkäuferinnen, ein Mädchen ist Korrespondentin. Die Vorstandschaft setzt sich folgendermaßen zusammen: I. Vorsitzender: Schuldirektor M. Gombrich, II. Vorsitzender: Kaufmann Heinr. Jung,I. Schriftführer: Kaufmann Dav. Oberndorfer, II. Schriftführer: Kaufmann Heinr. Weil, Kassierer: Privatier Ferd. Wendriner, Frau Ludwig - Erlanger, Frau Albert Fechheimer, Dr. med. Alex. Frankenburger, praktischer Arzt, Frau Direktor Gombrich, Kaufmann Theodor Greif, Kaufmann Adolf Hecht, Frau Direktor Kugler, Frau Konsul Lang, Kaufmann. Jakob Lehmann, Bankier Moritz Neuburger. Leiterin des Mädchenstists ist Fräulein Amalie Mandelbaum. h. Ingolstadt, 2. Juni. Eine interessante Beleidigungsklage kam in der letzten Sitzung der Eichstätter Strafkammer zur Verhandlung. In einem Zivilprozeß vor dem Amtsgericht Ingolstadt, welchen der Spediteur Hopp in Germersheim gegen den Rittmeister Röder in Landshut angestrengt hatte, vertrat Rechtsanwalt Rudolf Freiherr Schenk v. Gehern den Beklagten und verlor. Das Urteil hatte der israelitische Amtsrichter Lang gefällt. Der Anwalt schrieb mit bezug darauf an seinen Mandanten u. a.: „Der erstrichterliche Entscheid scheint überhudelt zu sein, der Scharfsinn Jerusalems würde bei einem hebräischen Dackel kritischer sein; es scheint, daß man-in Ingolstadt das blaue Tuch nicht gern sehe, gegen Sympathie' und Antipathie läßt sich nicht streiten." Dieser Brief kam zu den Akten und bei der Kostensestsetzung zu Händen des beleidigten Amtsrichters, welcher den Brief dem Landgerichtspräsidenten iu Eichstätt vorlegte. Es wurde Strafantrag gestellt und Rechtsanwalt v. Geyern hatte sich wegen Berufsbeleidigung zu verantworten. Der Staatsanwalt beantragte gegen den schon bestraften Angeklagten eine Gefängnisstrafe von 1 Monat, das Gericht erkannte auf 600 Mark. Wie der „Fränkische Kurier" mitteilt, stand der Rechtsanwalt Freiherr Schenk v. Gehern früher dahier als Leutnant im 14. Infanterieregiment. Er wurde s. Z. wegen Soldatenmißhandlung streng bestraft; der gegen ihn damals angestrengte Prozeß hatte auch für eine Anzahl seiner Vorgesetzten, da ihnen zur Last gelegt war, den Angeklagten nicht überwacht zu haben, die Versetzung in den Ruhestand zur Folge. ‘ - . Oesterretch-Ansam. □ Wien, 7. Juni. In den antisemitischen Zeitungen wird wieder einmal mächtig Lärm geschlagen. Man höre und staune: An der juridischen Fakultät wird ein Lehrstuhl frei. Die Fakultät tat sich zu einer Beratung zusammen und beschloß mit allen gegen vier Stimmen, den Straßburger Universitätsprofessor Lenel xrimo loco als Nachfolger in Vorschlag zu bringen. - Das Ereignis wird nun von unserer christlich-sozialen Presse", vom „Deutschen Volksblatt", von der „Reichspost" und der „Deutschen Zeitung" in Leitartikeln heftig beklagt, obwohl der in Frage stehende Kandidat — längst nicht mehr Jude ist! — Da ist es in Budapest doch anders. Dort hat das Munizipium die Jahressubvention der. israelitischen Religionsgemeinde von 40 OOO aus 60 0O0 Kronen erhöht. Der Minister des Innern hat diesen Beschluß der Generalversammlung genehmigt. — Dagegen wird aus Eisenstadt ein Exzeß, dessen Schauplatz die dortige Judengasse war, gemeldet. Rekruten, die von der Assentierung kämen, attackierten den Geschäftsmann Lazar Gabriel und raubten ihm Waren. Auf seine Hilferufe eilte das ganze Personal der Wolsschen Weinhandlung herbei, wurde aber mit einem Steinhagel empfangen. Fenster wurden zertrümmert und mehrere Arbeiter durch Steinwürfe .verletzt. Die Geschäftsleute mußten ihre Läden sperren. Als Gendarmen eintrasen, flüchteten die Rekruten, doch wurden mehrere verhaftet. — In Uhnow in Galizien begann am 4. d. M. der Prozeß gegen die Urheber und Teilnehmer an den Exzessen gegen die Juden, die im April v. I. in Uhnow stattfanden. Angeklagt sind 112 Personen, darunter alle Polizisten, Gerichtsdiener und Feuerwehrleute. Den Anlaß zu den Exzessen gaben mehrere Brände in Uhnow, indem das Gerücht verbreitet wurde, daß die Brände von den Inden angelegt seien. Der Pöbel drang dann in die Judenviertel ein und demolierte und plünderte zahlreiche Judenhäuser. Die Ruhe konnte erst durch requiriertes Militär yergestellt werden. Von den Angeklagten sind inzwischen zehn nach Amerika entwichen. G. S. Agram (Kroatien), im Juni. . Nach dem Muster der literarischen Vereine in Deutschland wurde auch hier, der größten, etwa 7OO Familien zählenden Gemeinde des Landes, ein „jüdischer Literaturverein" am Anfang des Jahres gegründet, welcher schon 150 Mitglieder zählt und sechs Vortragsabende veranstaltet hat. Vorträge haben gehalten: Professor Dr. G. Schwarz über „Die Entstehung der Bibel"; Oberrabbiner Dr. H, Jakobi über „Die Stellung des Judentums in der Geschichte der Menschheit"; Dr. I. Ernst,- Rabbiner (Varasdin) über „Agrippal."; Oberkantor Joseph Ren di über R. Wagners Pamphlet „Das Judentum in der Musik"; Alexander Licht, Jurist, über „Morris Rosenseld und seine Poesie". Der Verein besitzt eine Lesehalle, in der eine große Anzahl? jüdischer Blätter und Zeitschriften ausliegt, und welche einmal wöchentlich offen ist. Seine Wirksamkeit erstreckt sich ferner auf die Gründung einer jüdischen Bibliothek. Diese dreifache Tätigkeit hat schon in kurzer Zeit sehr viel beigetragen zur Weckung des jüdischen Geistes in der hiesigen Gemeinde. , Amerika. H. Newyork, im Mai. Simon A. Stern, ein sehr verdienter Musiker und Literat, starb am 2. v. M. in seiner Vaterstadt Philadelphia im 66. Lebensjahre. Stern war Kaufmann von Beruf, aber dabei ein anerkannter Vjolin-Virtuose und geschätzter Kunstkritiker. Ein Sohn deutscher Eltern, war er ein Bewunderer deutscher Literatur. Er übersetzte einzelnes ans Heines prosaischen Schriften unter dem Titel: Lcintillations from the Prose Worts of Heinrich Heine, 1878; Auerbachs Waldfried, 1873; Auf der Höhe, 1875. Im Jahre 1883 unternahm er eine Geschäftsreise nach China, über die