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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-05-27 · Heft 22 (27.5.1904) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 22 (27.5.1904)
Date
1904-05-27
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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68. Jahrgang. No. Berlin, 27. Mai 1904. Ern unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Begründet von Rabbiner 9* Ludwig Philixxson. Verlags-Expedition: Berlin, Jerasalemerstr. 46/49. Jüdische MWerr Diese Zeitung, erscheint wöchentlich. A bon ne nr e n ts. p reis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter "Streifband bezogen vierteljährl. 3 M. Nedaktenr: Gustav Rarpeles. Alle Zusendungen für Redakti n und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Iudentums", Berlin SW., Ierusalemer Straße 46/49,3U richten. Verla« von Rudolf rNsffe, Berlin. Berlin, 23. mal s ist wahrlich gerade jetzt nicht leicht, einen Grund zu finden für die hartnäckige Weigerung der Militärverwaltung, Inden zu Offizieren zu ernennen, einen Grund zu finden dafür, daß sie sich mit der Verfassung, mit dem gefunden Menschenverstand, mit der Praxis und nrit den Erfahrungen aller anderen Kulturländer, die gerade in diesem Moment so vernehmlich sprechen, ja mit den früheren eigenen Erfahrungen in Widerspruch fetzt. Fast alles, was von den Antisemiten gegen die Ernennung jüdischer Offiziere an Gründen vorgebracht wird, ist nicht nur nach geringem Nachdenken schon zu widerlegen, sondern spricht auch gegen die Einreihung jüdischer Soldaten überhaupt. Dennoch verschmäht man es sicher nicht, alljährlich jüdische Rekruten einzustellen, sie die gesetzliche Zeit bei der Fahne zu behalten und im Kriege gegen den Feind zu schicken. Die etwaige Besorgnis, daß wie im Anwaltstande, bei den Aerzten, in den höheren Schulen — obwohl aus ganz natürlichen und zum Teil den Juden zu besonderer Ehre gereichenden Gründen — die Zahl der Juden unter den Offizieren eine unverhältnismäßig große sein würde, ist am wenigsten stichhaltig, da ja die Aufnahme jedes einzigen Offiziers nicht nach mechanisch wirkenden gesetzlichen Bestimmungen erfolgen, sondern nach wie vor von der Abstimmung des betreffenden Offizierkorps abhängig sein würde, das sich gegen die Aufnahme zu vieler Juden schon zu wehren wissen würde, wie es sich bei verschiedenen Regimentern gegen die Aufnahme zu vieler Bürgerlicher, ja Bürgerlicher überhaupt wehrt. Also viel eher als der Stand der Richter, die Lehrkörper, die Verwaltung, das diplomatische Korps könnte sich das Offizierkorps mit der größten Leichtigkeit vor zu vielen jüdischen Karneraden, oder um uns eines häufig gebrauchten Schlagwortes zu bedienen, vor „Verjudung" zu schützen. . Warum also werden trotzdenr Inden nicht zu Offizieren befördert? Man hat das Offizierkorps das letzte judenreine Bollwerk genannt und auf eine ältere Kabinetsorder hingewiesen, nach welcher auf die „christliche" Gesinnung der Offiziere Gewicht gelegt werden soll. Abgesehen nun davon, daß nach der Verfassung kein Unterschied zwischen den Konfessionen gemacht. werden soll, ist ein Korps von Kriegern selten eine Mustersammlung guter Christen gewesen und ist es heutzutage wohl weniger als je. Weder in der Theorie noch in der Praxis stellt man sich gerade Offiziere als gute Christen vor, selbst wenn man die Vorgänge der letzten Zeit lediglich als Auswüchse betrachtet. . Nimmt man aber das Wort „christlich" -in der betreffenden Kabinetsorder nicht in der hergebrachten kirchlichen, sondern in der übertragenen und allgemeineren Bedeutung, in der es ja sicher auch gemeint ist, dann sind modern gebildete Juden, wie sie in Deutschland für das Offizierkorps ja nur allein in Betracht kommen würden, mindestens ebenso gute religiöse Menschen, wie neunundneunzig Prozent der christlichen Offiziere, geschweige denn der exotischen, die ja auch im deutschen Heere bisweilen kommandieren. Nun verhehlt sich aber niemand, daß, wenn man in maßgebenden militärischen Kreisen zu der Einsicht gelangte, daß es länger nicht gut angeht, Juden vom Offizierkorps auszuschließen, das jetzt als Schild vorgehaltene Selbstbestimmungsrecht der Offizierkorps kein Hindernis mehr bieten würde. Ein einziger Wink und die unberechtigte, so oft und noch neuerdings im Reichstage gerügte Entrechtung der Juden hört auf. Warum wird dieser Wink nicht erteilt, da man in höheren Kreisen doch sehr wohl weiß, daß an den Faseleien von der militärischen Untauglichkeit der Juden kein wahres Wort ist und sein kann ebenso wie an allen übrigen Angriffen? Wir hatten erst geglaubt, für ein so gänzlich unerklärliches Verhalten gar keinen Grund finden zu können. In der Tat, wir hatten das Suchen nach einer Erklärung bereits^ aufgegeben. Da ist uns doch die Erleuchtung gekommen/ und wir glauben einen einigermaßen plausiblen, wenn auch, wie wir gleich hinzufügen wollen, unzureichenden Grund entdeckt zu haben. Nicht aus Mißtrauen gegen die jüdischen Osfiziersafpiranten, nicht aus Geringschätzung derselben, sondern aus einem ganz anderen Grunde hält die Militärverwaltung die Scheidewand aufrecht. Sie fürchtet vielleicht, daß, wenn Juden als Offiziere zugelaffen werden, es zwischen ihnen und ihren christlichen Kameraden häufig zu Reibungen und Streitigkeiten kommen würde; nur daß es nicht wie bei anderen bei Schimpfereien und Prügeleien bleiben würde, sondern häufig zu Duellen kommen müßte, was man vermeiden möchte. Daß leider eine solche Besorgnis, zumal heutzutage, nicht ganz unbegründet ist, wird jeder zugeben, der die Milieus kennt, aus welchen die Offiziere meist genommen werden, die als Offiziere, zumal in jüngeren Jahren, von ihren mitgebrachten Anschauungen und Gewohnheiten nicht so bald sich emanzipieren können. Allein schon um in dieser Beziehung das Ansehen unseres Offizierkorps zu wahren und gleichzeitig den Juden gerecht und 8ie allerlei begründeten Vorwürfe los zu werden, sollte man trachten, einen Ausweg zu suchen, und der . ist auch nicht so gär schwer zu finden. Wir haben Regimenter und. Regimenter. Wir haben Regimenter, in denen nur adelige Offiziere, andere, in denen sie sich in weit überwiegender Mehrzahl, noch andere,

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