Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 21 (20.5.1904)
- Date
- 1904-05-20
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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i^WWMWWM —.— 4 - erwähnt leider dasjenige, was das richterliche Verfahren veranlaßt haben dürfte, in den Reden des Staatsanwaltes und Verteidigers, sowie in den Urteilsgründen nicht, daß nämlich nach dem Texte des Prospektes die Gemälde den Nitualmord Nachweisen. In- ^dieser Beziehung kommt in Betracht und wäre interessant zu hören, wie sich die Gründe der Entscheidung mit der reichsgerichtlichen Entscheidung in Band 48 Seite 403 der Sammlung abfinden, in welcher der Vorwurf des Ritualmordes als zur Anwendung des Z 166 des Reichsstrasgesetzbuches über die Gotteslästerung hinreichend erklärt worden ist. L. Stuttgart, 4. Mai. Württembergische Blätter berichten aus Rexingen, OA. Horb: „Eine größere Abschiedsfeier veranstalteten die Gemeindekollegien ihrem seit 1878 ununterbrochen dem Gemeinderat ungehörigen Mitglied Adolf Zürndorfer, gewesener Tranbenwirt hier, aus Anlaß der Verlegung seines Wohnsitzes nach Stuttgart im Gasthaus zur Traube. Verschiedene Teilnehmer'feierten den Scheidenden als einen tatkräftigen, charaktervollen, unparteiischen Mann und als Muster eines Gemeinderats. Auch seiner Verdienste um Einführung des Telephons und der Feuerwehr wurde rühmend Erwähnung getan, nicht minder seiner Bemühungen um die israelitische Gemeinde, seines Wohltätigkeitssinnes und seines stets hilfsbereiten Entgegenkommens gegen jedermann. Die bürgerlichen Kollegien verliehen, laut Horber Chronik, Herrn Zürndvrfer in Anerkennung seiner vielseitigen Verdienste um die Gemeinde das Ehrenbürgerrecht." GesterretchMngarn. □ Wien, 10. Mai. Eine Gerichtsverhandlung, die vor einigen Tagen unter Vorsitz des Gerichtssekretärs Dr. Drawe .stattfand, ist recht bezeichnend für die hiesigen desolaten Zustände: Ein antisemitischer Magistratsbeamter beschimpfte in der Spiritusausstellung einen jüdischen Kaufmann, und knüpfte daran auch wütende Schmähungen gegen die jüdischen Kaufleute im allgenreinen, die er alle insgesamt als Fälscher bezeichnet^ Als aber in der Gemeinderaissitzung vom 4. d. M. Herr Dr. Dorn irr einer Interpellation der unqualifizierbaren, beschimpfenden Aeußerungen erwähnte, welche der Magistratsbeamte Heinrich Demel am Eröffnungstage der Spiritus-' ausstellung mit lauter Stimme über die Juden getan, und den Bürgermeister fragte, was er in dieser Angelegenheit vorzukehren gedenke, erwiderte Dr. Lueger, er habe Herrn Demel zu sich berufen, und es sei, soviel ihm mitgeteilt wurde, das, was in den Blättern enthalten war, nichtrichtig. Er habe somit keine Veranlassung gehabt, weitere Verfügungen zu treffen. Die Verhandlung, welche infolge der gegen Herrn Demel erhobenen Ehrenbeleidigungsklage eines Zeugen wegemSchmähung stattfand, ergab jedoch, daß die Mitteilungen der Zeitungen über den Vorfall in der Spiritusausstellung vollkommen auf Wahrheit beruhten. Herr Demel, der es für angemessen gehalten hatte, sich in krassesten Beschimpfungen der gesamten jüdischen Bevölkerung zu ergehen, wurde wegen der Beleidigung des Klägers, des Kaufmans Matthias Löbl, zu 48 Stunden Arrest verurteilt, und der Richter beschloß, die Akten überdies zur Amtshandlung gegen den Verurteilten wegen der Aufreizung zu Feindseligkeiten gegen eine Religionsgenossenschaft der Staatsanwaltschaft abzutreten. — Täglich kommen jetzt neue Meldungen über hohe jüdische Offiziere in der österreichischen Armee. Außer den beiden neuernannten gab es auch schon bisher einen jüdischen General in Oesterreich, nämlich den Feldmarschall-Leutnant Heinrich Porges, der bis vor kurzem Konmrandant der Przemhsler Festung war. Ferner ist auch ein Ingenieur-Oberst in der Kriegsmarine in Pola, der Elektrotechniker Moses Bursthn im- Oberstrakrge. Seine Leistungen auf dem Gebiete der Nutzbarmachung der Elektrizität für das Schiffswesen haben ihm auch den Franz Joseph-Orden eingetragen. Oberst Burstyn ist ein treuer . Jude. — Am 10. d. M. fand hier die Generalversammlung der „Israelitischen Allianz" statt. Der soeben erschienene Jahresbericht pro 1903 ist besonders reichhaltig. Er enthält neben einer eingehenden Darstellung der Hilfsaktion für Kischenew und Homel, der Konferenz in Berlin, der Tätigkeit der Allianz für Rumänien, der Subventionen verschiedener Gemeinden, Vereine und Anstalten im Jnlande re., noch drei besondere Beilagen unter dem Gesamttitel : Kischenew. — Recht interessante Daten konnte man in der letzten Vorstandssitzung unserer Kultusgemeinde hören aus dem Rechnungsbericht des Schatzmeisters. Danach fanden Austritte aus dem Judentume im Jahre 1902: 646, im Jahre 1903: 638 statt. ' Die Zahl der Widerrufe der Austritte, sowie Uebertritte und Rücktritte zum Judentum betrug im Jahre 1902 98, im Jahre 1903 105. Die Kultussteuer ergab ein Erträgnis von 1 154 458 Kronen, gegen das Vorjahr um 95 000 mehr und um ca. 100000 Kronen mehr als präliminiert. . - Von Sah und ssern. — In der vergangenen Woche wurden hier zwei Pückler- Versammlungen polizeilich aufgelöst, ehe die Verhandlungen begonnen hatten. — In Liegnitz ist das frühere langjährige Vorstandsmitglied der Gemeinde, Rentner Stahl, im Alter von 88 Jahren verstorben. 'Stahl, der noch bis in sein höchstes Alter sich geistiger und körperlicher Frische erfreute, gehörte zu den angesehensten und beliebtesten Mitgliedern der Gemeinde. Ehre seinem Andenken! — Auf dem II. internationalen philosophischen Kongreß, der im September 1904 in Genf stattfindet, wird Hamburg durch den philosophischen Forscher A. Levy vertreten sein. Der durch seine „Philosophie der Form" bekannte Hamburger Gelehrte wird über das Thema „Kant und die Gottesbeweise" sprechen. — In Wilhelmshaven wurde bei der kaiserlichen Werft zum ersten Male ein Jude, Herr Gottlieb Magnus aus Hannover, als technischer Zeichner angestellt. — Der Gesetzentwurf betreffend die Regelung der Verhältnisse der israelitischen Religionsgemeinden in Sachsen ist von der ersten sächsischen Kammer in der Sitzung vom 7. d. M., der auch der Kronprinz Friedrich August von Sachsen beiwohnte, mit einer ziemlich unwesentlichen Aenderung des Paragraphen 6 mit allen gegen eine Stimme zur Annahme gelangt. — Das Gesuch des israelittschen Mädchen- und Waisenheims in Ems, den die Volksschule besuchenden Zöglingen das Schulgeld zu erlassen, da nach einer Oberverwaltungsgerichtsentscheidung Waisenhanszöglinge schulgeldfrei seien, wurde von den städtischen Behörden abgelehnt, da die Negierung im Jahre 1901 die Konzessionierung der Anstalt von der Erhebung von Schulgeld seitens der Stadt abhängig gemacht habe. — Am 23. v. M. beging das Lehrer Rotschild'sche Ehepaar in Worms unter allgemeiner Beteiligung das Fest der silbernen Hochzeit. Große Ehrungen wurden bei dieser Gelegenheit dem äußerst beliebten Jubelpaare zu teil. — An der technischen Hochschule in München sind, nach einer Auskunft des Kultusministers im Finanzausschuß von 89 Lehrkräften 2 Israeliten, die beide Assistenten sind. Unter den Professoren befindet sich kein Jude. — Der jüdische Oberst Valabre gu e in Paris ist zum Kabinetschef des französischen Kriegsministers ernannt worden. — In der jüdischen Ackerbaukolonie bei Cherson starb unlängst der Rabbiner der Kolonie P. Mabelew, im Alter von 90 Jahren. Er bekleidete den Rabbinerposten in der Kolonie ein halbes Jahrhundert und arbeitete bis zu seinem Ableben als Ackerbauer auf seinen Feldern. — In dem blutarmen Podolien wurden bis jetzt 62 733 Rubel für den Krieg von den Juden gespendet. — Die „Nuss. Telegr.-Agentur" ist ermächtigt, die von mehreren ausländischen Zeitungen gebrachte Nachricht, daß in Bender (Bessarabien) kürzlich große gegen die Juden gerichtete Unruhen vorgekommen wären, nachdrücklich als jeder Begründung entbehrend zu bezeichnen. — In Konstantinopel feierte am 17. v. M. der Oberlehrer der deutsch-israelitischen Schule, Herr S. Springer, unter allgemeiner Teilnahme das 25jährige Amtsjubiläum seiner verdienstvollen Tätigkeit. — In, Konstantinopel ist Yossuf Essendi Krieger, Exzellenz, im 66. Lebensjahre gestorben. Er war früher Direktor der politischen Angelegenheiten des Vilajets von Salonichi; dann fiel er in Ungnade. Zuletzt war er in hoher Stellung im Ministerium des Innern. In derselben Stadt ist auch Mo'ise Avigdor, Mitglied des israelitischen Konsistoriums der Türkei, ein angesehener Mann, im 64. Lebensjahre gestorben. — Privat-Telegramme deutscher Blätter melden: Auf Anregung der Professoren Adler und Schechter beschloß eine ansehnliche Versammlung, in New York eine jüdische Universität zu begründen. Die Sache erscheint uns etwas unwahrscheinlich.