Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 20 (13.5.1904)
- Date
- 1904-05-13
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Lin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. 68. Jahrgang. No. 20. Berlin, 13. Mai 1904. Begründet von Rabbiner D"- Ludwig Philixxson. Verlszs-LlpeMoii: Berlin, Isreesleweretr. 4K/4S. . Alle Zusendungen für Reduktion und Expedition sind an die Adresse. Verlag der „AUgem. Zeitung des Judentums", Berlin 8^., Jerusalemer Straße $6/49, zu richten. Verlag von Rudolf rNosse, Berlin. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnenients-Preis: Durch Buchhandel, Post oder d rekt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljShrl. 3 M. Redakteur: Gustav rlarpeles. Fragen und Sorgen. Berlin, 8. Mai. aum vierzehn Tage besteht der „Verband der deutschen Juden" und schon fangt die leider nun einmal unvermeidliche Periode der Fragen und Sorgen an, deren Eintreffen man übrigens mit mathematischer Sicherheit bei jedem neuen Werke in unseren Kreisen genau Vorhersagen kann. Was wird der Verband tun? Und was kann er tun? Wird er etwas leisten? Und wozu der Lärm? Eine Antwort auf diese Fragen heute schon zu geben, ist ebenso unmöglich, wie am Tage der Konstituierung. Vielleicht wird man nach Jahresfrist anfangen können, die ungestümen Fragesteller einigermaßen zu informieren. Hat sich doch, wie wir hören, der Verband erst in dieser Woche konstituiert, und zwar in vier Abteilungen, von denen die eine die politischen, die ändere den Rechtsschutz, die dritte die inneren und die vierte mit den apologetischen Fragen und Angelegenheiten sich zu befassen haben wird. Es wird nun Sache der Leitung sein, das Gebiet jeder einzelnen Abteilung zu umschreiben, und erst dann, wenn die geeigneten Männer zur Führung der Arbeit gewonnen sein werden,, wird man daran gehen können, diese Arbeit selbst in Angriff zu nehmen. Selbstverständlich wird der Verband aber, wenn sich schon vorher die Notwendigkeit Herausstellen sollte, alsbald seine Arbeit aufnehmen. Im übrigen haben wir das Gefühl, daß hinter den meisten Fragen eigentlich wenig Wohlwollen steckt. Schon die Form und der Ton dieser Fragen deuten darauf hin, daß der Fragesteller selbst nicht viel von der Sache hält und am liebsten auch vom Befragten eine ablehnende Antwort hören möchte. Ganz anders liegt die Sache allerdings,. wenn einsichtige und ernste Männer, denen das Wohl der deutschen Judenheit am Herzen liegt und die ein tiefes Verständnis haben für unsere Kämpfe und Leiden, wenn solche Männer, von Sorgen und Bedenken erfüllt, diesen Ausdruck geben wollen, um dadurch der Sache selbst nützen zu können. Zu diesen Männern zählen wir'den Vertreter der Gemeinde Dortmund auf dem Verbandstage, dessen Rede in dem Bericht über die Generaldebatte nicht erwähnt worden war, der aber doch gehört zu werden verdient, da er manche Bedenken freimütig aussprach, die sicher von anderen geteilt wurden, die aber erwähnt und, so gut es geht, auch beantwortet werden müssen. Herr S. Flörsheim-Dortmund hat uns den Inhalt seiner Rede in kurzen Zügen selbst übermittelt und wir lassen sein Expose hier wörtlich folgen : Veranlaßt durch den wiederholt laut gewordenen Hinweis auf die Zurückhaltung Westfalens, habe ich erklärt, daß ich zwar nur Dortmund vertrete, also nicht ermächtigt sei, im Namen der übrigen westfälischen Gemeinden zu sprechen, aber dennoch versuchen wolle, die dort neben den Zweifeln in die Statthaftigkeit des Anschlusses von Gemeinden an einem politischen Verein bestehende übliche Auffassung zu veranschaulichen. Gerade in Westfalen habe, man die zielbewußte, maßvolle und erfolgreiche Tätigkeit des Zentralvereins immer mit so lebhafter Anerkennung verfolgt, daß es wenig bessergestellte Familien dort geben werde, die nicht Mitglied bei ihm geworden wären, und nirgends habe also der Gedanke, dem Zentralverein eine noch breitere, ja die breiteste Grundlage zu geben, um den Vorwänden seiner Legitimationsbedürftigkeit ein Ende zu machen, besseren Boden finden können. Allein aus den in letzter Minute verteilten Drucksachen gehe hervor, daß der Zentralverein nicht in den neuen Verband aufgehen, sondern neben ihm weiterbestehen solle und obendrein beide am selben Platze, sozusagen sogar im selben Hause und unter einer Leitung. Da habe sich denn die Meinung verbreiten müssen, daß die eigentliche Tagesarbeit nach wie vor dem Zentralverein Vorbehalten sein solle und sichs bei der geplanten Neubildung nur um den früher abgelehnten „Judentag" in etwas anderer Form und unter verändertem Namen handle. Zweierlei erscheine mir daher nötig seitens des Gründungsausschusses: 1. zu sägen, wie er sich die Arbeitsteilung der beiden Vereine denke und 2. zu erklären, daß es bei dem Verbände um eine von dem abgelehnten Judentag grundverschiedene Einrichtung drehe. Wenn das geschehe, so könne ich den Beitritt Dortmunds befürworten und auch den anderer westfälischer Gemeinden in Aussicht stellen; den Männern, die in der Sache vorangegangen sind, könne ich dann jetzt schon den Dank vieler aussprechen. Die mir sonst so sympathischen Ausführungen des Herrn Rechtsanwalt Cohn-Dessau möchte ich aber in einem Punkte unter keinen Umständen durchgehen, lassen, darin, daher gesagt habe: „Wir wollen ein Schwert schleifen, scharf zum Angriffe — scharf zur Abwehr". Ein Angriff stehe uns Juden nicht zu; nur die Abwehr von Angriffen und die Verteidigung unserer Ehre und unsere Rechte dürfe Zweck einer jüdischen Vereinigung sein. * Sicher wird niemand diesen Ausführungen seine Sympathie versagen können. Aber es scheint uns doch, daß die Bedenken, die der Vertreter Dortmunds ausgesprochen, unbegründet seien. Niemand wird die Bedeutung und Tätigkeit des Zentralvereins verkleinern wollen. Aber es ist und bleibt doch immer nur ein Verein, auch wenn er noch so groß werden sollte, was wir von Herzen wünschen, und ein solcher kann niemals die Aufgaben lösen, die der Verband zu lösen berufen ist. Andererseits ist die Frage nach dem Zusammenwirken beider Institutionen dahin sicher befriedigendzu beantworten, daß dem Zentralverein die Leitung der zweiten Abteilung des Verbandes, die dem Rechtsschutz sich widmen soll, ja doch ausschließlich zusallen wird.