Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 17 (22.4.1904)
- Date
- 1904-04-22
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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68. Jahrgang. No. 17. fl ft 4^ Berlin, 22. April 1904. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements.Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen oierteljährl. 3 M. Redakteur: Gustav Rarpeles. Begründet von Rabbiner 2>*. Ludwig Philippson. Verlags-Expedition: Berlin, Jernsalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adrefle: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/49, J« richten. Verlag von Rudolf rNosse, Berlin. Generslokrlsmmluns des Vereins Hur Abwehr des Antilemitismüs. Berlin, 18. April, er von den unvergeßlichen Heinrich Rickert und Rudolf Gneist irn Jahre 1890 begründete Verein zur Abwehr des Antisemitismus ist innerhalb dieser Zeit namentlich durch die Tätigkeit des Erstgenannten zu einer Institution geworden, die eine gedeihliche Wirksamkeit entwickelt und bedeutende Erfolge aufzuweisen hat. Die bisherige Tätigkeit des Vereins hat den Weg gezeigt, auf dem der Antisemitismus wirksam zu bekämpfen ist. Je mehr dieser Verein unterstützt wird, je mehr Mitglieder er gewinnt, um so erfolgreicher wird er der immer noch gefährlichen Agitation der Antisemiten entgegentreten können. Wir halten es daher für unsere Pflicht, die Aufmerksamkeit unserer Glaubensgenossen von neuem aus diesen Verein zu lenken, der vor 14 Jahren mit 12 Mitgliedern ins Leben gerufen wurde und heute über 20 000 Mitglieder aller Bekenntnisse aus allen liberalen Parteien umfaßt. lieber das Arbeitsgebiet des Vereins gibt uns der folgende Bericht über die letzte Generalversammlung desselben, die am 16. d. M. im Hotel Prinz Albrecht stattgefanden hat, den zuverlässigsten Ausschluß: Dr. Theodor Barth begrüßte als Vorsitzender des Vereins zunächst die Erschienenen, die sich in recht stattlicher Zahl eingefunden hotten. Wie er mitteilte, hat in den letzten zehn Jahren eine eigentliche Generalversammlung im Sinne der Statuten überhaupt nicht stottgefunden, da der Vorstand es bisher für zweckmäßig gehalten, nur immer eine kleinere Zahl von Mitgliedern, die sich besonders für die Geschäfte des Vereins interessierten, zusammenzuberufen. In Zukunft soll jedoch der Verein auf eine mehr demokratische Grundlage gestellt und alljährlich eine Generalversammlung berufen werden, um allen Vereinsmitgliedern Gelegenheit zu geben, sich unmittelbar an den Geschäften des Vereins zu beteiligen. Zum Geschäftsbericht übergehend, betonte er zuvörderst, daß der Verein durchaus keinen konfessionellen Charakter trage und mit der Absicht begründet sei, den Gedanken der konfessionellen Gleichberechtigung in den Mittelpunkt seiner Bestrebungen zu stellen. An diesem Grundsatz ist,- wie der Redner weiter ausführt, immer sestgehalten worden. Das Ziel der Bestrebungen ist ein sehr einfaches: den Antisemikismus in allen Formen zu bekämpfen. Um diese Bestrebungen zu unterstützen, handelt es sich vor allen Dingen darum, aufklärend zu wirken. Dieser Aufklärungsarbeit dienen in erster Linie die wöchentlich erscheinenden „Mitteilungen" des Vereins. Es ist ferner versucht worden, einen Einfluß auf diejenigen Kreise zu gewinnen, die ihre literarische Nahrung vorzugsweise in der Form der Volkskalender zu sich nehmen, die ja, wie allgemein bekannt, ein außerordentlich wichtiges Instrument der Volksbildung sind, und in denen leider oft genug der Bevölkerung allerlei antisemitische Speise vorgesetzt wird. Der Verein hat es nun unternommen, nicht etwa philosemitische Artikel in diese Kalender hineinzubringen, sondern anstatt der antisemitischen vielmehr eine wirklich nahrhafte, dem Volke bekömmlichere, aus Toleranz und Gesittung begründete literarische Speise diesem zu geben. Es ist dies der Vereinsleitung in überraschendem Maße gelungen; im Laufe der Zeit ist etwa auf eine Million Kalender ein solcher purifizierender Einfluß ausgeübt worden. Eine derartige Tätigkeit ist, wie alle zugeben werden, eine sehr verdienstliche. Gelegentlich hat der Verein fernerhin in besonders antisemitisch verseuchten Gegenden der Presse, die sich zur Wehr setzte, hilfreich unter die Arme gegriffen. Einem Appell des Vereins an eine Anzahl wohlhabenderer Mitglieder ist in dieser Beziehung bereitwilligst entsprochen worden, so daß die Mittel des Vereins, die sich leider nur auf bescheidener Höhe halten, nicht angegriffen zu werden brauchten. Die Tätigkeit des Vereins ist auch durch Vorträge zum Ausdruck gebracht worden, und endlich hat der Verein, was im verflossenen Jahre von besonderer Bedeutung war, der Entwicklung der politischen Wahlen feine Aufmerksamkeit zugewendet, um nach Möglichkeit diejenigen Kandidaten zun: Siege mit zu führen, die den-antisemitischen Bestrebungen gegnerisch gegenüberstehen. Der Verein hat sich auch in einer besonderen Publikation betätigt, dem „Antisemitenspiegel", der zu dem Zwecke geschaffen ist, das gesamte Material in übersichtlicher Weise zusammenzufassen. Im vergangenen Jahre hat dieses Vereinsorgan einen Nachtrag erhalten, der noch zu den Reichstagswahlen recht gute Dienste leisten konnte. Unter lebhaftem Beifall schließt der Redner den Geschäftsbericht mit der Mitteilung, daß der Mitgliederbestand des Vereins sich in erfreulicher Weise gehoben hat. Widerspruchslos findet alsdann ein von dem in Frankfurt a. M. bestehenden Zweigverein gestellter Antrag Annahme, in einem Quartalsheft eine konzentrierte Form der „Mitteilungen" zu geben. Diese Quartalsnummer, deren Kosten auf etwa 1000 Mark jährlich veranschlagt werden, soll unentgeltlich an alle Mitglieder versandt werden. Der Verein erhofft dadurch eine Belebung des Interesses im Kreise per Mitglieder und eine Erweiterung des Bestandes derselben. Der Kassenführung des Vereins wird auf Grund des erstatteten Revisionsberichtes debattelos Decharge erteilt. Zum zweiten Punkte der Tagesordnung: „Die Stellung des Vereins zu den politischen Wahlen" hatte ebenfalls Herr Dr. Barth das Referat übernommen. Die Stellung des Vereins, so führte der Redner aus, bestimmt sich naturgemäß nach dem Zweck, der mit allen Vereinsbestrebnngen verfolgt wird. Der Verein ist, wie bereits erwähnt, nicht etwa ein philosemitischer im engeren Sinne des Wortes, sondern im Mittelpunkt seiner Bestrebungen steht die Erringung konfessioneller Gleichberechtigung. Diese gesetzlich verbürgte Gleichberechtigung steht aber bisher tatsächlich nur auf dem Papier; im Heer, in der Verwaltung, in der Universität, überall werden die Juden zurückgesetzt. Doch handelt es sich hierbei um einen so wichtigen Grundsatz des Staatslebens, daß es sich wohl der Mühe verlohnt, für diesen Grundsatz mit aller Entschiedenheit einzutreten, nicht aus Vorliebe für die Konfession, die gerade im Augenblick unterdrückt ist, sondern weil ein modernes, aus Toleranz, Gesittung und Freiheit zu begründendes Staatsleben nich