Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 15 (8.4.1904)
- Date
- 1904-04-08
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
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Entgegenkommen, das der Gemeindevorstand und speziell die Krankenhausverwaltung den Bestrebungen des Vereins entgegengebracht haben; in letzter Zeit haben mehrere auswärtige Gemeinden und die Großloge für Deutschland U. O. B. B. der Ausbildung jüdischer Krankenpflegerinnen ihre ganz besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Bereits zwei Jahre nach Gründung des Vereins konnte durch eine hochherzige Schenkung des Louis Sachs'schen Ehepaares den Schwestern in der Auguststraße 17 ein eigenes Heim überwiesen werden, und unter der umsichtigen Leitung und der hingebenden Fürsorge der Vorgesetzten Oberin Frl. Rose Blau ist eine Schwesternschaft herangebildet, welche in voller Würdigung ihrer Leistungen des Vertrauens und des Wohlwollens aller Glaubensgenossen sicher sein kann. Im verflossenen zehnten Jahre wurden 153 vollbezahlte, 74 ermäßigte nnd 100 unentgeltliche Pflegen ausgeübt. Auf Wunsch der betreffenden Verwaltungen wurden zwei Schwestern dem Israelitischen Kurhospital in Kolberg, sowie dem jüdischen Genesungsheim in Lehnitz nnd eine der israelitischen Kinderheilstätte in Jastrzemb für die daselbst untergebrachten Pfleglinge überwiesen. Außerdem waren noch zehn Schwestern tätig, darunter eine als Operationsschwester im Krankenhause, fünf als Stationsschwestern ebendaselbst, eine als Oberin in Hamburg, je eine als Oberschwester in München und Nürnberg. Die Zahl der Anmeldungen von Schülerinnen stellte sich im letzten Jahre auf 77, von welchen am Ende des Berichtsjahres noch 35 unerledigt waren. Aus dem Einnahmeüberschuß gegenüber den Ausgaben konnten 15182 Mark dem „Eisernen Fonds" zugeführt werden, der allerdings noch erheblich gekräftigt werden muß, um den Verpflichtungen gerecht zu werden, welche das im Jahre 1900 beschlossene Pensionsreglement seststellte, nämlich den dienstunfähig gewordenen Schwestern nach zehnjähriger Dienstzeit ein jährliches Ruhegehalt von 800 Mark zu gewähren. Der Schwesternpensionsfonds hat bisher erst die Höhe von circa 186000 Mark erreicht. — In der heutigen Generalversammlung gab der Vorsitzende des Vereins, Herr Louis Sachs, einen Ueberblick über die erfolgreiche Wirksamkeit desselben im verflossenen Jahrzehnt. Dem Vereine gehören nunmehr 54 Schwestern und 14 Schülerinnen an, welche im Krankenhause der jüdischen Gemeinde, in der Privatpslege und in auswärtigen Töchteranstalten wirken. Infolge der einstimmigen Wiederwahl der ausscheidenden Mitglieder ist die Zusammensetzung des Vereinsvorstandes unverändert geblieben. Zu Kassenrevisoren wurden die Herren Hugo Heilmann, Moritz Manheimer und Norbert Lachmann I gewählt. In Anerkennung der großen Verdienste um die Ausbildung der jüdischen Schwestern wurden aus Antrag des Vorstandes die dirigierenden Aerzte des hiesigen Krankenhauses Prof. Dr. Israel und Prof. Dr. Lazarus zu Ehrenmitgliedern des Vereins einstimmig ernannt. — Die Oberin des Schwesternheims Frl. Blau ist gern bereit, Anmeldungen neuer Schülerinnen entgegenzunehmen, sowie jede Auskunft zu erteilen. Berlin, 5. April. In dieser Woche wurde hier der 13. deutsche Turntag abgehalten, dem 700 Turnvereine mit mehr als 700 000 Mitglieder angehören. Der wichtigste Gegenstand der Beratung ist die über den sogenannten Arierparagraphen, den der österreichische Turnkreis vor drei Jahren in seine Satzungen ausgenommen hat, wonach nur Deutsche arischer Abstammung Mitglieder der dem Verbände ungehörigen Turnvereine werden dürfen. Daraufhin ist eine Anzahl von Turnvereinen aus dem Verbände ausgetreten und hat sich zu dem „Verbände der deutschfreiheitlichen Turnvereine in Oesterreich" zusammengeschlossen, der zur Zeit 50 Vereine mit etwa 7000 Mitgliedern zählt. Dieser Verband hat, unterstützt von zahlreichen Turnvereinen Deutschlands, nun den Antrag gestellt, daß ihm die Rechte und Pflichten eines besonderen Kreises zuerkannt werden. Die Debatte über denselben war eine sehr lebhafte in der heutigen Sitzung. Der Vorsitzende, Dr. F. G ö tz aus Leipzig, hatte den Antrag befürwortet und dabei erklärt: „Das Beste wäre ja, wenn unsere österreichischen Freunde ihren Arierparagraphen einfach aufheben würden. Es geht doch überall im Deutschen Reiche, warum nicht in Oesterreich! Die Deutschen dort haben doch ganz andere Feinde als die paar Juden, die in österreichischen Turmvereinen sind. Aber diesen Weg wollen die Herren nicht gehen und deshalb müssen wir hier ein Notgesetz schaffen." Schließlich wurde der Antrag mit großer Majorität (mit 300 gegen 37 Stimmen) angenommen. s. Staefiit* 3. April. Nachdem, wie in diesen Blättern mitgeteilt wurde, dasAndeickeu des unvergeßlichen Salvmon Sulz er, des genialen Pfadfinders auf dem Gebiete des Synagogengesanges, in Wien durch eine solenne Veranstaltung in großartigem Stil gefeiert wurde, rüsten sich auch die Kantoren Deutschlands, den Manen des verewigten Meisters die gebührende Huldigung darzubringen. So hat die „Hilsskasse für israelitische Kultusbeamte, deren Witwen und Waisen in Deutschland" beschlossen, am 24. d. M. in der hiesigen Lützowstraßen-Synagoge ein Konzert zu geben, in welchem vorzugsweise Sulzersche Synagogenkompositionen zum Bortrage gelangen sollen, und zwar Chor-und Solopiecen. Der materielle Ertrag des Konzerts ist sür die Witwen und Waisen verstorbener Kultusbeamten bestimmt. Schon mit Rücksicht aus diesen humanitären Zweck ist ein reges Interesse von seiten des verehrlichen Publikums wünschenswert. s. Berlin, 3. April. Der Israelitische Frauen - Unterstützungs-Verein, die größte Vereinigung sür diesen Zweck in unserer Gemeinde, versendet seinen Jahresbericht pro 1903. Die Einnahmen betrugeil 12 060,42 Mark, die Ausgaben 9 559,75 Mark, der Reservefonds 18 000 Mark. Auch in diesem Jahre hat der Verein Spenden im Betrage von 994 Mark und zur Erwerbung der immerwährenden Mitgliedschaft 800 Mark erhalten. Dies alles reicht jedoch noch lange nicht aus, um die großen Anforderungen, die gerade an diesen Verein von hilfsbedürftigen Frauen gestellt werden, vollauf zn erfüllen. Es ist deshalb dringend zu wünschen, daß die allgemeine Teilnahme unserer Gemeindemitglieder sich diesem so überaus wohltätigen Verein dauernd zuwende. Der Vorstand besteht aus folgenden Damen und Herren: Frau Fanny Arndt, stellv. Vors., Calvinstr. 2, Frau Sophie Grätz, stellv. Schriftf.; Frau Clara Jordan I, stellv. Rendantin; Frau Sophie Alterturn, Frau Flora Baumann^ Frau Dr. Blumenthal, Frau Valesca Bodländer, Frau Dr. Brasch, Frau Dr. Eschelbacher, Frau Henriette Feldmann, Frau Johanna Hirschlasf, Frau Clementine Kayser, Frau Dr. Anna Karpeles, Frau Henriette Lehfeldt, Frau Recha Levy, Frau Tony Lichtenstein, Frau Henriette May, Frau Henriette Mielziner, Frau Marta Neumann, Frau Hedwig Jordan II, Frau Professor Dr. Philippson, Frau Bianca Schätzer, Frau Bertha Strauß, Frau Dr. Elise Weiße, Frau Doris Wiener; I. Weinberg, Vorsitzender; Martin Fernbach, Schriftführer; Felix Frankfurther, Rendant, Meyerbeerstr. 2—4. Anmeldung zur Uebersendung von Sammelbüchsen für den Verein wolle man'gefälligst an Frau Henriette Lehseldt, Siegmundshof 2, richten. 8. Berlin, 25. März. Der Verein Israelitisches Lehrerinnenheim zu Berlin ist in das sechste Jahr seiner Tätigkeit nunmehr eingetreten und hat jetzt den üblichen Jahresbericht über das fünfte Vereinsjahr erstattet. Zu Beginn seines fünften Jahres konnte in Erfüllung seines sehnlichsten Wunsches die feierliche Einweihung eines eigenen Hauses in Groß-Lichterfelde stattfinden, das betreffs der Zweckmäßigkeit des Baues und der behaglichen Ausstattung seiner Räume allseitige lobende Anerkennung gefunden hat. Die eifrige Propaganda der hiesigen Bereinsmitglieder sowie der Ortsgruppen hat dem Verein wiederum neue Mitglieder zugeführt und den Vermögensstand in erfreulicher Weise gesteigert. Dem verdienstvollen Fräulein Münchhausen sowie dem verstorbenen Hern: Rosen stiel, welche beide zu den Gründern und steten Förderern der humanitären Institution gehörten, wurde der Dank des Vorstandes für ihr unablässiges Mühen um das Gedeihen des Vereins durch Ernennung zu Ehrenmitgliedern zum Ausdruck gebracht. Im Berichtsjahre wurden 12 Insassinnen, von denen nur 2 aus Berlin gebürtig sind, verpflegt; die Kosten hierfür beliefen sich pro Kopf und Tag auf 94 Pfenn-ig. Das Erholungsheim konnte dank der reichlichen Dotierung durch die Stifterin Frau Professor Philippson allen Aufnahmegesuchen genügen. Bei einer weiteren intensiven Agitation hält der Vereinsvorstand den Zeitpunkt nicht mehr fern, wo der Verein, gestützt auf einen ausreichenden eisernen Fonds, alle seine Räume zur dauernden Besetzung freizugeben vermag. Das Vereinsvermögen beträgt 258 357,94 Mark, hat sich also gegen das Vorjahr um 30 187,67 Mark vermehrt. Aus der Generalversammlung, welche nach form- und fristgerechter Einberufung in der vorigen Woche stattfand, ist nichts Wesentliches zu berichten; das Kuratorium ist durch Zuwahl einiger neuer Mitglieder ergänzt worden.