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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-04-01 · Heft 14 (1.4.1904) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 14 (1.4.1904)
Date
1904-04-01
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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tenchel ein Festgottesdienst statt. Oberkantor Singer trug einige^ Psalmen von Salomon Sulzer unter Mitwirkung des wohlgeschulten/ verstärkten Tempelchores vor, welchen Professor Josef Sulzer, eiu^ Sohn des verstorbenen Komponisten, persönlich dirigierte; Ober- ' rabbiner Dr. Güdemann hielt die Festrede, in welcher er mit schwungvollen, begeisterten Worten die Verdienste des Meisters des Gesanges feierte. Der Redner hob hervor, wie bahnbrechend die von Salomon . Sulzer geschaffene Liturgie wirkte, was uns schon sein in aller Welt bekanntes Werk „Schir Zion" beweise; daß er der erste in seinem Fache war, welcher sich und seinem Chore Regeln der Aussprache schuf, Akzente, Tonsall und vor allem die Phrasierung sestlegte und musikalische Mißbräuche, wie Wiederholung einzelner Worte oder' Silben um der Arie willen, oder Zerstückelung von Phrasen, ganz: besonders die von polnischen Vorbetern eingeführte Einschaltung von Zwischentönen in der Mitte von Worten, sowie die überflüssigen Koloraturen und Triller, verbannte; daß er aber keineswegs seine Ausgabe als eine rein musikalische erfaßte, sondern sich stets klar war, daß die gottesdienstliche Musik nur Mittel zum Zweck sei, um dadurch das Gebet zu höherer Andacht und Innigkeit zu erheben. Am Montag war Festsitzung des Kantorenvereins im Sitzungssäle der Kultusgemeinde: Oberkantor Singer hielt die Festrede, woraus die Enthüllung eines von der Malerirr Manzi Kestel-Bauer ausgeführteu Sulzerbildes stattsand. — Die neueste Tat des Herrn Dr. Lueger ist eine bemerkenswerte Ergänzung der antisemitischen Moral. Herr Lueger sagte öffentlich: „Es wird in Flugblättern darauf hingewiesen, daß Gemeinderat Hallmann an Juden sein Geschäft verkauft habe. Das antisemitische Programm lautet: Kauft nur bei Christen, oder mit anderen Worten: Kauft nicht bei Juden; aber nie hat es gelautet: Verkauft nicht an Juden. Freilich gibt es merkwürdige Christen, die das Gegenteil tun. Wenn einer beim Juden kaufen will, braucht er keine christlichen Zwischenhändler. Das einzig richtige Programm ist, daß der Christ seinen Mitbruder in jeder Beziehung unterstützen soll, daß er nicht beim Juden kauft." Das ist allerdings nicht „Tarnopoler Moral", aber es ist Wiener Antisemitenmoral. — Am 14. d. M. wurde hier eine P a l ä st i n a - Au »stellun g eröffnet. Ihr Zweck ist, der großen Oeffentlichkeit die landwirtschaftlichen und gewerblichen Erzeugnisse der seit etwa 25 Jahren bestehenden 35 jüdischen Kolonien und Besitzungen in Palästina vorzuführen. In diesen Kolonien wurden im letzten Jahre 60 000 Hektoliter Wein produziert. Bei der nächsten Orangenernte werden gegen 100 000 Kisten erwartet. Frankreich. — Paris, 27. März. Am 17. d: M. ist hier der Divisionsgeneral Leopold See im Alter von 81 Jahren gestorben. Derselbe wurde 1822 in Bergheim bei Colmar im Elsaß geboren, besuchte die Militärschule in St. Chr und trat 1842 als Sekondeleutnant in das 3. Infanterieregiment ein. 1850 wurde er Hauptrnann. Im folgenden Jahre trat er in das 4. Zuavenregiment unter Bourbaki, nahm Teil an der Expedition nach Algier und an dem Krimkrieg. In den Schlachten bei Sebastopol, Jnkermann, Alma und Traktir bewährte; er seine Tapferkeit. Er wurde zweimal verwundet. Nach Schluß des Krieges erhielt er den Orden der Ehrenlegion und wurde Bataillonschef des 96. Infanterieregiments. Auch den Feldzug in' Italien und die Schlacht bei Magenta 1858 hat See mitgemacht/ 1863 wurde er Oberstleutnant und 1869 Oberst im 65. Infanterieregiment. Mit diesem Regiment ging er in den Krieg von 1870 und sein Heldenmut wurde auch in den Schlachten bei Gravelotte und St. Privat anerkannt. Auch hier wurde er schwer verwundet und mußte nach der Heimat zurücktransportiert werden. Zwei Monate später aber trat er als Brigadegeneral wieder vor die Front und verteidigte die Linie von Charenton. 1880 wurde See Divisionsgeneral und 1887 nahm er seinen Abschied. Alle, die ihn kannten, rühmen seinen militärischen Sinn, seinen vornehmen und edlen Charakter. Auch an jüdischen Angelegenheiten nahm er leb- 'lebhaften Anteil. Bis 1896 vertrat er die jüdische Gemeinde zu Paris im israelitischen Zentralkonsistorium. Die Trauerfeier fand mit allen militärischen Ehren am 21. d. M. auf dem Montmartre statt. Rabbiner Israel Lövi hielt die Grabrede, die in den Worten ansklang: „Seht, so lebte und starb ein jüdischer Soldat!" Von MH und Fern. ---- Vom Monte Telegrafo bei Capri ist der hiesige Arzt Dr. Heinrich Levy abgestürzt. Der Verunglückte, dessen Eltern in Friedenau wohnen, stand im 28. Lebensjahre und war als Assistenzarzt im städtischen Krankenhause am Urban in Berlin tätig. Er befand sich seit dem 1. März auf einer Urlaubsreise in Italien. — Unter den 15 Damen, die am 24. und 25. d. M. das Abiturientenexamen bestanden haben, befanden sich auch 4 Jüdinnen: die Tochter des kürzlich verstorbenen Immanuel Sachs , die Tochter des Schriftstellers Albert Katz, die Tochter des verstorbenen Mathematikers Professor Hamburger und die Tochter des Kantors Schönberger in Potsdam. — Rabb. Dr. Esch el b ach er und seine Gattin feierten am 26. d.M. unter allgemeiner herzlicher Teilnahme weiter Kreise ihre silberne Hochzeit. —- Anläßlich der stattgehabten Enthüllung des Kaiser Wilhelm-Denkmals irr Thorn, zu der der Kronprinz in Vertretung seines kaiserlichen Vaters erschienen war, hatte auch Rabbiner Dr. Rose über g eine Einladung erhalten. Auch zu den Dejeuners zu Ehren des Kronprinzen nach der Enthüllung wurde Dr. Rosenberg mit einer Einladung beehrt.—Der „Bütower Anzeiger", eines der ordinärsten antisemitischen Hetzblätter, hat die Schamlosigkeit, zur „Erinnerung an den 11. März 1900", den Todestag des Ernst Winter in Könitz, das bekannte, die Ermordung eines christlichen Knaben durch eine Jüdin behandelnde Gedicht Theodor Fontanes abzudrucken, das dieser selbst später als eine dichterische Verirrung airerkannt und aus seiner Gedichtsammlung herausgenommen hat. — Der Senat der Universität Jena hat auf Grund der Universitütsstatuten ein Verbot rein konfessioneller sarbentragender Verbindungen erlassen. — Bei der Reichstagsstichwahl inr 20. sächsischen Wahlkreise Zschopau-Marienberg am 25. d. Al. wurde, der Antisemit Oswald Ziminermann mit 11 956 Stimnien gewählt gegen Pinkau (Soz.), der 10 982 Stimmen erhielt. — Die israelitische Kultusgemeinde Obrigheim (Pfalz) hat sich aufgelöst undwurde in die Kultusgemeinde Grünstadt ernverleibt. Der dortige Turnverein hat nun durch seinen 2. Vorstand die Synagoge mit Nebengebäuden um den Preis von 3500 Mark erwerben lassen. Der Turnverein benutzt den Ban als Tnrnhalle. — Rabbiner H. Me iß in Nizza ist zum Grand Nabbin in Marseille gewählt worden. — Mit der Ausweisung der Juden aus der 50 Werst breiten Zone längs der russischen Grenze lvird jetzt in verstärktem Maße vorgegangen. Die Vertreter der Kischinewer'Juden haben beim Gouverneur nachgesucht, diese Ausweisungen wenigstens bis über das Osterfest hinaus zu verschieben.— Die Herren Leon und Lazar Brodski in Kiew spendeten 30 000 Rubel für die Pflege der im Kriege Verwundeten. — Der Hetzkaplan Kr ick in Limerick, der durch seine antisemitischen Kanzelreden Ausschreitungen gegen die Juden hervorgerufen hatte,, hat dieser Tage Limerick verlassen. — Die abfälligen Urteile der anständigen russischen Blätter, über die Nichtzulassung jüdischer Aerzte zum Dienste im Noten Kreuz haben die Hauptverwaltung des Roten Kreuzes veranläßt/ durch ein Zirkular seine Vertreter anzuweisen, bei der Aufnahme von Aerzten nach der Religion nicht zu fragen. —; Die Tabakpflanzer von Jalta haben das Finanzministerium angesucht, den Juden den unbehinderten Aufenthalt in Jalta in den Monaten März, April, September und Oktober zu gestatten, weil die Tabakfabrikanten in der Krim die Abwesenheit der jüdischen Konkurrenz dazu benützen, um die Preise auf unbearbeiteten Tabak von 25 Rubeln per Pud aus 12 Rubel herabzudrücken. Die Assisenverwaltung hat sich hierauf an die Landwirte, Weinzüchter und Gärtner des Bezirkes um ihre Gutachten darüber gewendet; alle erklärten sich für Zulassung von Juden. — Unter den Gelehrten, die sich zum „Internationalen Kongresse der Künstler und Gelehrten" begeben, der in St. Louis während der Ausstellungszeit tagen wird, befinden sich folgende Juden: M. B'ergson, Mitglied des Instituts in Paris, der das Referat über „Philosophie" halten wird, Professor Levi vom „College de France", der über die „Geschichte der Sprachforschung", Professor Gvldzieher-Budapest, der über „Geschichte und Religion" vortragen soll. Ferner Professor Lev h von der „Ecole libre’des Sciences politiques“ in Paris über „Oekonomie", Professor Jellineck ans Heidelberg über „Rechtswissenschaft". Die englische Negierung /betraute Mr. Isidor Spielman mit der Leitung der britischen Kunftabteilung an der Ausstellung in St. Louis.

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