Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 5 (29.1.1904)
- Date
- 1904-01-29
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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4 bestehendes Kuratorium für Jüdische Krankenpflegerinneil in Dortmund gebildet und bei der Behörde angemeldet hat, das die Leitung des Pslegedienstes und der einschlägigen Geschäfte besorgt. Die nicht unerheblichen circa 2000 Mark p. a. betragenden Kosten, die die Anstellung der Schwester'verursacht werden, zum Teil von der Loge, zum Teil von beit Chewras und Frauenvereilten und zum Teil durch freiwillige Beiträge von Gemeindemitgliedern Dortmunds und einigen Nachbargemeinden aufgebracht. Die Pflegsätze konnten deshalb hier recht bescheiden normiert werden, und es ist außerdem durch diese geschickte Organisation möglich, Unbemittelten ltirentgeltliche Pflege durch lmsere Schwester zu teil werden zu lassen.. — Wie früher so hat auch in diesem Jahre unsere Gemeindevertretung dein Organisten in der Synagoge Herrn Musikdirektor H oltschneider die Erlaubnis erteilt, drei Konzerte in der Synagoge veranstalten zu dürfen. Das erste fand kürzlich statt; die Leistrmgen sind aus früheren Berichten bekannt. Das Gotteshaus war wieder gefüllt bis zum letzten Platz. Die Spitzen der städtischem Verwaltungen, Damen und Herren aus den ersten Gesellschaftskreisen Dortmunds, Bekenner der beiden christi licheu Religionen sahen wir im Gotteshause andachtsvollst den Tönen des herrlichen Orgelwerks, des Orchesters und Chores lauschen. j Ein wehmütig und doch Hoffnung erweckendes Gefühl beschlich sich unsere; Wehmütig bei den Gedanken, daß diese große Konzertgemeinde, die! jetzt so friedlich beisannnen sich befindet, hinter der Türe des Gottesi Hauses sich wieder trennen wird, mn uns iln gesellschaftlichen Leben! zu lueiden imb zu befehden, wie wenn wir aus andereln Holze; geschnitzt wären wie unsere christlichen Mitbürger; hoffnungsvoll aber blickten wir auf zu dem Satze des Propheten Maleachi, der in der Kuppel der Synagoge glänzt: Haben wir nicht alte einen Vater, hat' nicht ein Gott uns erschaffen, warum sollten wir Bruder gegen' i Bruder treulos-handeln? Auch Jesajas Wort (50, 7) winkt ans der! Ferne uns weitere Hoffnung zu. „Ich will sie auf meinen heiligen; Berg bringen und sie erfreuen in meinem Bethause. Denn mein Haus soll das Haus der Andacht aller Völker genannt werden."; — Jena, 22. Januar. Am 5. April, dein 100. Geburtstag j von Matthias Jakob Schleiden, soll zur Erinnerung an den ( Reformator der Botanik in Jena, der Stätte seiner langjährigem Wirksamkeit, ein Denkmal in Gestalt einer Büste errichtet werden. > Ein Aufruf, den Gelehrte aus der ganzen Welt unterzeichnet' haben,. j erbittet die Zusendung von Beiträgen für das Denkmal spätestens'! bis zum 1. Februar an den Verlagsbuchhändler Gustav Fischer in! Jena. Wir brauchen zur Empfehlung kein Wort für unsere Leser j hinzüzufügen. Jeder weiß, wie Schleiden in der trübsten anti-! semitischen Hetzperiode energisch für Inden und Judentum ein- - getreten ist.; A Nürnberg, 22. Januar. In der heutigen Magistrats-! sitzung wurde die Wahrheitsliebe unserer Gegner in das richtige! Licht gestellt. Nachdem nämlich die auch von den „M. N. N." gej brachte Nachricht, daß seitens der Leitung des Instituts der Eng-! lischen Fräulein ein vom Magistrat aufgestellter israelitischer Schulj arzt als nicht genehm bezeichnet worden war, großes Aufsehen hier-! selbst erregt hatte, hatte man von gegnerischer Seite mehrere Zeitungsartikel losgelassen, in denen der Tatbestand zwar nicht abgeleugnet werden konnte, jedoch durch allerlei Verdrehungen und Windungen die Sache etwas anders darzustellen versucht wurde. In der heutigen Magistratssitzung wurde nun offiziell dargelegt, daß die von der ultramontanen Seite aufgestellten Behauptungen unwahr seien und somit der israelitische Schularzt ohne sein Zutun vom Magistrat ansgestellt wurde, während von der gegnerischen Seite behauptet werden wollte, der Magistrat habe erst eine andere Besetzung im Auge gehabt und erst auf Zutun des betreffenden Arztes wäre eine Aenderung eingetreten. Oefterreich-Ansarn. O Wien, 25. Januar. Der bekannte österreichische Antisemitenführer und erste Bürgermeister von Wien Dr. Lueger soll nach einer, dem „Kleinen Journal" in Berlin zugehenden Mitteilung amtsmüde sein und dem politischen Leben entsagen wollen. Eine anderweite Bestätigung der Meldung liegt nicht vor. Sollte die Mitteilung zutreffen, so würde die Wiener Antisemiten-Partei mit Lueger I ihren geistigen Führer verlieren, dem sie ihre bedauerlichen Erfolge in Wien vorzugsweise zu danken hat. —- Einer Meldung aus zuverlässiger Quelle zufolge, beabsichtigt bte „Jewish Golonisation Association“ dem galizischeu Landesausschuß 4 bis 10 Millionen Franks zur Industrialisierung Galiziens zur Verfügung zu stellen, falls Galizier: ein Drittel des von, der „Jca" zur Verfügung gestellten Betrages flüssig nracht und den Juden gewisse Vorrechte in der Verwaltung zusichert. Der Landesausschuß hat schon über diesen Antrag beraten, jedoch noch keinen Beschluß gefaßt. — Der Kaiser hat den Hof- und Gerichtsadvokaten Dr. Gustav Kohn zum Mtglied für den niederösterreichischen Landesschulrat für die Dauer bis znm Jahre. 1909 ernannt. Von Sah und jfern. — Geheimer Negierungsrat Professor Dr. Karl.Liebermann, der angesehene Lehrer der Chemie, feierte am 24. d. M das 25 jährige Jrrbilänur als außerorderrtlicher Professor an der Berliner Universität. — Dr. Adolph Frank, der Begründer der deutschen Kaliindustrie feierte am 20. d. M. den 70. Geburtstag. Er hat hervorragende Verdienste um die Entwicklüug der chemischen Industrie in Deutschland. Man darf ohne Uebertreibung behaupten — und das wird auch in einigen Lehrbüchern der technischen Chemie ohne Umschweife zugegeben —, daß man im wesentlichen seinen Arbeiten die Grundlagen für die jetzt so mächtige Staßfurter Kaliindustrie verdankt. — Dem Cellisten Heinrich Grünfeld wurde der Professortitel verliehen. Der Kaiser überreichte ihm selbst das Patent, gratulierte ihr: und dankte für das Vergnügen, das ihm während seiner Krankheit Grünfeld durch seine Kunst bereitet habe. —In Gr ätz wurde der Ziegeleibesitzer A. Herzfeld zunr 25. Male als Städtverordnetenvorsteher gewählt. In beit 25 Jahren ist Herr Herzfeld 21 mal einstimmig und viermal fast einstimmig zum Vorsitzenden gewählt worden. — In Schweidnitz ist am 28. d. M. nach langem Leiden der Rabbiner Abraham Blumenfeld im 79. Lebensjahre gestorben. — Kommerzienrat Ferdinand Manheim er hat zur Begründung einer Lungenheilstätte in Gommern, der Geburtsstätte seines Vaters, 100 000 Mark gependet. Landgerichtsrat Dr. Berwin in Breslau hat den Roten Adlerorden IV. Klasse erhalten. Ebenso ist Landgerichtsrat a. D. Lustig daselbst bei seinenrEintritt indenRnhestandmitdemselbenOrden dekoriert worden.—Jüdische Blätter brachten diese Woche die Notiz: derBundesrat hat zum Direktor des schweizerischen Landesmusenms den bisherigen Vizedirektor Dr. Lehmann gewählt. Herr Dr. Lehrnann ist kein Jude. — Die Diamantschleifer in Amsterdam beabsichtigen zu streiken. Neunzig Prozent derselben sind Juden. Sie betrachten das Diamantarbeiterfach traditionell als eine Art Eigentum. Tatsächlich werden in Amsterdam nur noch bei den Zigarrenmachern jüdische Arbeiter in größerer Zahl angetroffen. — Durch königliches Dekret ist A. A. Pinto in Haag zum Vizepräsidenten des höchsten Gerichtshofs ernannt worden. — Seit 25 Jahren besitzt Rußland in den aus Privatmitteln erhaltenen „Bestnshew'schen Cursen" eine richtige Frauenuniversität, in welcher, entsprechend dem liberalen Geiste, dem sie ihre Entstehung verdankt, bis zu ihrer 1889 durch die Regierung erfolgten Schließung auch jüdische Damen unbeschränkte Aufnahme fanden. Unter den 1089 Studentinnen, welche bis 1889 diese Universität besucht haben, waren 160 — 14, 7 Prozent Jüdinnen. — Das russische Ministerium des Innern hat 59 weitere Ortschaften innerhalb des Ansiedlungsrayons den Juden eröffnet. Eine rechte Heldentat! — Ein Spezial-Kabeltelegramm aus Chicago meldet: Fünfzehn Kirchen und eine Synagoge sind wegen ungenügender Feuersicherheit polizeilich geschlossen worden. — Die Universität Chicago ernannte, wie eben telegraphisch gemeldet wird, den Professor Ehrlich in Frankfurt a. M. zum Ehrendoktor der Rechte. — Herr Lewis Cohen wurde als Bürgermeister von Adelaide wiedergewählt. Derselbe vertritt auch die Stadt im südauftralischen Parlament. — In Johannesburg ist am 24. d. M. der Finanzmann Freemann Cohen plötzlich gestorben, der u. a. an der Bürgschaft für die erste Rate der transvaalschen Kriegskontributionsanleihe von 30 Millionen mit 250 000 Pfund Sterling beteiligt war, die gerade jetzt anfgeschoben worden ist. .