Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 4 (22.1.1904)
- Date
- 1904-01-22
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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■ ^--gr*-; * »yy»«*j'"JIF - »'/#> 4 Es sei deshalb eine wichtige Aufgabe der jüdischen Turnvereine, die körperliche und geistige Ausbildung bei den Juden in ein harmonisches Gleichgewicht zu bringen. Vor dem Bestehen des jüdischen Turnvereins hätten diele seiner Mitglieder nicht daran gedacht, das. Turnen zu pflegen, das sie jetzt so eifrig übten. — Die Uebungen wurden exakt ausgesührt. Die turnerischen Leistungen fanden allseitigen Beifall, der sich auch darin zeigte, daß der Verein diele neue Mitglieder gewann. An das Turnen schlossen sich humoristische und gesangliche Borträge sowie ein Tänzchen. — Am 2. d. M. starb in Köln die älteste Einwohnerin dieser Stadt, die Witwe Kaufmann, im Alter von 1033/4 Jahren. Sie erfreute sich bis zuletzt einer seltenen geistigen Frische. Ihre Kinder, Enkel, Urenkel und Urnrenkel, eine stattliche Schar, betrauern den Heimgang der ehrwürdigen Greisin. — Aus der Stich w a h l eines stellvertretenden Repräsentanten, ebenfalls in Köln, ging der liberale Kandidat als gewählt hervor. — Michelstadt, im Januar. Am 26. v. M. starb plötzlich infolge eines Herzschlages der pensionierte Lehrer Jacob Gottschall im Alter von 78 Jahren. Er fungierte als Neligionslehrer und Kantor in Schornsheim (Rheinhessen), Viernheim und Michelstadt i. O., in letzterer Gerneiude ca. 25 Jahre. Hier wurde er cutcfi aneder großherzgl. Realschule sofort als israelitischer Neligionslehrer angestellt. Die verschiedenen Dirigenten der Schule schätzten ihn hoch und anerkannten seine unterrichtlichen Erfolge. Vor ca. 2 Jahren, als er in Pension trat, legte er auch dieses Amt krankheitshalber nieder. Seine musikalische Befähigung wurde in Michelstadt bald bekannt, und der Gesangverein „Liederkranz", dem die besseren Elemente der Stadt angehören, wählte ihn zu seinen! Dirigenten. Er wurde mit der Zeit Freund und Berater und Helfer vieler Familien der Stadt: er diente Arm wie Reich in gleicher Liebe und Hingebung. So kam es, daß er von allen wiedergeliebt wurde, was sich deutlich bei seinem Leichenbegängnisse zeigte. Am Grabe entwarf Rabbiner Dr. Marx- Darmstadt ein getreues Lebensbild des verdienten Lehrers, des sorgenden Gatten und Vaters, des treuen Freundes und Kollegen, das Herzen rührte und vielen Tränen in die Augen lockte. Darnach ergriff Lehrer Wertheiiner-Heldenbergen als Vorsitzender des israelitischen Lehrervereins im Großherzogtum Hessen das Wort, um dem Heimgegangenen, der seit Gründung des Vereins eines seiner eifrigsten Mitglieder war, warme Worte des Nachrufes zu widmen. Er betonte, daß er der Stolz des Vereins war, zu dem alle Mitglieder mit Hochachtung und Verehrung aufblickten. Er blieb bis zum Ende der treue, aufopfernde Lehrer. Nebst verschiedenen Remunerationen seitens der großherzoglicheu Staatsregierung verlieh ihm der Großherzog das silberne Kreuz des Verdienstordens Philipps des Großmütigen. Oesterreich-Ungarn. □ Wien, 18. Januar. Am 15. d. M. fuhr der Kaiser in der Magdalenenstraße beim Atelier des Malers Leopold Horowitz vor und verweilte längere Zeit bei dem Künstler, der ein neues Porträt des Kaisers verfertigt, es ist dies bereits die zweite Sitzung, die der Kaiser dem genialen Künstler gewährt. — Der neue Papst weiß gar nicht, daß ihn eigentlich die Juden auf den Stuhl Petri gesetzt haben — allein unser antisemitischer Mechanikns Schneider weißes: Es hat nämlich der päpstliche Stuhl die christlichsoziale Partei in Wien in offizieller Weise davon verständigt, sie möge die Frage des Vetorechts nicht zmn Gegenstand parlamentarischer Diskussion in der Delegation machen, bevor eine authentische Kundgebung der Kurie selbst erfolgt ist. Der Abgeordnete Schneider erklärte jedoch in einer Wählerversammlung im 14. Bezirke, es gehe trotzdem nicht an, hierüber hinwegzugehen. In dieser Angelegenheit handle es sich nicht um den Kardinal Sarto oder um den Kardinal Rampolla, sondern um den jüdischen Einfluß, welcher den Einspruch Oesterreichs bei der letzten Papstwahl veranlaßt habe. Eine solche Einmischung der Juden, der die österreichische Diplomatie unterlegen ist, dürfe inan sich nicht ruhig gefallen lassen. „Rampolla mußte fallen, weil es die polnischen Inden nicht erlaubten, daß er Papst werde!" — Wie ich eben erfahre, ist der zum Oberlandesgerichtsrat beförderte Dr. Robert Epstein in Brüx getauft. — Der ungarische Großndnstrielle Peter Herzog de Csete wurde zum Baron ernannt. Von Sgh und jfrrn. — Bei Gelegenheit seines gewohnten Spazierganges im Tiergarten sprach der Kaiser am 18. d. M. früh bei Herrn James Simon in der Tiergartenstraße vor. Wie der „Konfektionair" erfährt, hat der Kaiser die von Herrn Simon für das Kaiser Friedrich- Museum bestimmten Kunstsammlungen besichtigt. — Anläßlich des Ordenssestes haben die Herren Kommerzienrat Ferdinand Manheimer, Handelsrichter H. Bamberg, die Landgerichtsräte Wollstein in Breslau und Dr. Borchert in Neisse den Roten Adlerorden vierter Klasse erhalten. — Am 14. d. M. verstarb hier die Witwe des früher» Gemeindevorstehers in Deutsch-Krone, Frau Rosa Halle im Alter von 74 Jahren, eine hochbegabte, vortreffliche Frau, von unübertrefflicher Wohltätigkeit, die alle Werke der Humanität in Stadt und Gemeinde in edelster Weise unterstützt hat. Ihr Andenken wird in Ehren bleiben. — Das Zentralkomitee der „Alliance israelite universelle“ hat nunmehr in Berlin ein Büreau errichtet, mit dessen Leitung Herr Dr. Moses Friedlaender betraut worden ist. — Am 15. d. M. ist hier der Oberpostsekretär a. D. Rechnungsrat Adolf Goldstein im 66. Lebensjahre verschieden. — In Samter verschied am 5. d. At. die Mutter des großherzoglichen Landesrabbiners Dr. Julius Lewit in Birkenfeld, Frau Pauline Lewit geb. Landeck im Alter von 78 Jahren. — In Freienwalde i. P. feierte am 12. d. M. der Rentier Markus Dobrin sein fünfzigjähriges Stadtverordnetenjubiläum. Der Jubilar wurde von Bürgermeister und Stadtverordnetenvorsteher zu einer Festsitzung nach dem Rathause abgeholt. Hier überreichte der Landrat iu feierlicher Anprache im Aufträge des Kaisers dem Jubilar den Kroneuorden vierter Klasse. Der Bürgermeister überreichte darauf dein Jubilar, der auch Vorsteher der jüdischen Gemeinde ist, den Ehrcnbürgerbrief der Stadt. — In W re scheu feierte am 9. d. M. der allgemein geschätzte Herr Hermann Ziegel mit seiner Gattin das Fest der silbernen Hochzeit unter allgemeiner Teilnahme der gesamten Bevölkerung. Der jüdische Krankenpslegevereiu, dessen Geschäfte Herr Ziegel seit 28 Jahren führt, gratulierte durch Herrn Siegm. Pollak. Für die Freiwillige Feuerwehr sprach Brandmeister Franz Kaezorowski, indem er einen silbernen Pokal mit Inschrift überreichte. Herr Z. gehörte eine Reihe von Jahren der Repräsentanten-Versammlung und dem Vorstände der Gemeinde an. Das Vertrauen seiner Mitbürger wurde ihm durch die Wahl ins Stadtverordnetenkollegium, denc er noch angehört, wie durch die Entsendung in den Vorstand verschiedener gemeinnütziger Verein reichlich zu teil. — Herr G e o r g Feige, Lehrer an der Israelitischen Erziehungsanstalt zu Ahlem, wurde als Inspektor des jüdischen Lehrlingsheims nach Köln berufen. — In Weimar ist anr 15. d. M. nach langem, schwerem Leiden der großherzoglich sächsische Generalmusikdirektor Dr. Eduard Lassen gestorben. Der Verewigte stammte von jüdischen Eltern; er lvurde am 18. April 1830 in Kopenhagen geboren und kam als Kind mit seinem Vater nach Brüssel. Aber er hat später das Judentum verlassen. Nichtsdestoweniger werden ihn wahrscheinlich dieselben Blätter, die in der vorigen Woche den christlichen llniversitätsprofessor Dr. Otto Hirfchseld feierten, in Wort und Bild verherrlichen. — Die Auswanderung der Juden aus Rumänien nimmt ihren ununterbrochenen Fortgang. Vom 24. Oktober bis 12. Dezember v. I. sind 1005 Personen durch Vermittlung der 1. 0. A. nach Amerika gegangen. Blau berechnet die Zahl der in den letzten Jahren aus Rumänien ausgewanderten Juden auf 40 000 Seelen. — In Basel findet in den Tagen vom 80. August bis 2. September 1904 ei n internationaler Kongreß für allgemeine Religionsgeschichte statt. In einer besonderen Sektion werden die Religionen der Semiten (Juden, Araber rc.) behandelt. Anmeldungen zur Teilnahme am Kongreß sind an Herrn Professor Bertholet daselbst zu richten; ebenso Anmeldungen zu Vorträgen für die Generalversammlungen und Sektionssitzungen. — „Figaro" erfährt, daß Oberst March and, der antisemitische Held von Faschoda, die Witwe Henriot, die viele Millionen reiche Mitbesitzerin des Louvre-Warenhauses, heiratet. Was sagen unsere deutschen Antisemiten dazu, die doch die Warenhäuser so angreifen? — Herr Levy Ulmann ist zum Professor für Zivilrecht an die Universität Lille berufen worden. — In Bahon n e ist Dr. C. Delvaille, einer der bedeutendsten und geachketsten Aerzte, Präsident des israelitischen Konsistoriums, Mitglied des Gemeinderats, gestorben.