Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 2 (8.1.1904)
- Date
- 1904-01-08
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
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den Ministerialrat von Gietl, letzterer durch den Gesandtschaftssekretär Riepel vertreten ließ. Erwähnenswert ist noch, daß v. Wilmersdörffer vor ungefähr 30 Jahren auch die Bayerische Vereinsbank, ein mächtiges und segensreiches PfandLriesinstitut, mitbegründet hat und deren Aussichtsrat von ihrer Gründung bis zu seinem Tode gewesen ist. Oesterretch-Angarn. □ Wien, 4. Januar. Das Defizit scheint in unserer Kultusgemeinde eine ständige Einrichtung zu bleiben. Nach dem Bericht des Finanzausschusses betrugen die präliminierten Einnahmen 2098643,77 Kronen, die präliminierten Ansgaben 2207 536,01 Kronen, so daß sich für das Jahr 1904 ein unbedecktes Gebarnngsdefizit von 108892,24 Kronen ergibt. Das ist sehr traurig. Das Defizit soll nun gedeckt werden: ans dem Kassasaldo des lausenden Jahres, aus Ersparungen, eventuell Mehreingängen an Kultussteuern, und wenn dies nicht hinreicht, durch Aufnahme einer schwebenden Schuld. Allerdings wurden die präliminierten Eingänge an Kultussteuern von 1050000 Kronen im Vorjahre auf 1150000 Kronen pro 1904 eingesetzt; das ist eine Erhöhung der Einnahmen um 100000 Kronen, welche wohl durch die Eingänge im laufenden Jahre begründet i erscheint, aber immerhin eine nicht positiv sichere Ziffer, sondern vielj mehr Zukunftsmusik darstellt. — Das älteste jüdische Blatt in Oester-! reich, die „Neuzeit", ist mit Ende des Jahres eingegangen. Die > Zeitschrift wurde vor 40 Jahren von Simon Szanto begründet und! sehr geistvoll redigiert. Szanto war einer der kenntnisreichsten und j geistvollsten Journalisten. Nach dem Tode Szantos redigierte Adolf : Jellinet im Interesse der Hinterbliebenen das Blatt weiter. Sv bilden die alten Jahrgänge eine unerschöpfliche Fundgrube von - klassischen Aussätzen aus allen Gebieten jüdischen Wissens und Lebens. » - Auch bleibt es ein unvergängliches Verdienst, daß das Blatt jederzeit . für Fortschritt und Aufklärung im Judentum gekämpft hat. — Wie groß die Literaturkenntnis unserer Wiener Antisemiten ist, zeigt , folgende Tatsache. Das Judentum in der Literatur wird, nach j einem Gewährsmann des antisemitischen „Deutschen Volksblatt",! repräsentiert unter ariderem durch: Bierbaum, Hartleben, Panb'> Lindau, Johannes Schlaf, Arno Holz, Busse, Dehmel, Falke rc * Bekanntlich ist feiner der Genannten ein Jude! — Die Jüdenexzesse : in Zablotow sollten nach der Behauptung antisemitischer Blätter j „durch ben Wucher und die Anregung der Zablotower Juden provoj ziert worden sein." Das stände sogar wörtlich im amtlichen Protokoll 1 über die behördliche llrrtersuchung. Die kaiserliche königliche.'? Staatsanwaltschaft in Wieir sieht sich infolgedessen gerrötigt, einem antisemitischen Blatt, das jüngst diese Behauptung verbreitete, eine Berichtigung zuzuschicken, in der es zum Schluß nach Wiedergabe vollständig der betreffenden Zeitungsnotiz heißt: „Diese Nachricht ist nnrichig: die behördlichen und protokollarischenAnfnahmen enthalten hinsichtlich der Ursache der Exzesse keine derartige Feststellung." — Der langjährige Präsident der hiesigen israelitischen Kultusgemeinde, kaiserlicher Rat Heinrich Kling er, hat dieses Amt aus Gesundheits- ’ rückfichten niedergelegt. Diesmal dürfte es wohl leider definitiv sein. Von MH und Mn. — Die Akademie der Wissenschaften zu Paris hat den Physiker der hiesigen königlichen Sternwarte, Professor Dr. Eugen Goldstern, durch Zuerkennung eines Preises für seine physikalischen Entdeckungen geehrt. Goldstein beschäftigt sich seit einer längeren Reihe von Jahren mit der Erforschung der Kathodenstrahlen. — Zu Justizräten wurden ernannt die Rechtsanwälte Dr! Edwin Katz, Türk, Dr. Seegall, Dr. Calm, Dr. Sallh Friedlaender und Leopold Friedländer in Berlin. — Am 27. v. M. ist hier Herr Naumann Alexander im 71. Lebensjahre gestorben. Derselbe war Vorstandsmitglied des jüdischen Krankenhauses, Vorsteher der Synagoge Lützowstraße usw. Mit ihm ist ein edler und vortrefflicher Mann dahingeschieden, Ehre seinem Andenken! — Am selben Tage wurde der leitende Arzt der Unfallstation in der Eichendorffstraße, Dr. Georg Margoniner, nachdem er noch kurz zuvor einer Vernnglückten die erste Hilfe geleistet, vom Schlage gerührt und verstarb im 30. Lebensjahre bald darauf im Indischen Krankenhause. — Dem Oberlehrer Siegfried Borchardt von Dorotheenstädtischen Realgymnasium ist der Charakter als Professor beigelegt worden. — Zum Rabbiner in Frankfurt a. O. wurde Rabbiner Dr. I. Bergmann ans Karlsruhe gewählt. — In der am 12. d. M. in Könitz beginnenden Schwurgerichtsperiode kommt u. a. auch der Totschlag in Siegers zur Verhandlung. Bekanntlich würbe in Siegers der jüdische Schriftsetzer Levi von Antisemiten zu Tode geprügelt. — Der Mittelschnllehrer Uhlfelder in Hamburg ist zum Inspektor der israelitischen Waisenknabennnstalt in Posen gewählt worden. — Nach der bisherigen Schlachthosordnung war im städtischen Schlachthofe zu Schwerin a. W. das Schächten verboten. Nunmehr hat die Polizeiverwaltung eine dahingehende Bestimmung erlassen, daß bei dem nach jüdischem Ritus zu schlachtenden Vieh die Betäubung unterbleiben darf. — In Breslau ist am 24. v. M. der Oberkantor A. B. Spiro im 70. Lebensjahre gestorben. — Der ehemalige Stadtrat Glaser in Blankenburg a. Harz ist trotz starker antisemitischer Gegenagitation mit großer Majorität zum Abgeordneten, des Braunschweigischen Landtages gewühlt worden. Glaser ist der erste jüdische Abgeordnete des Herzogtums. — In Hannover ist am 2. d. M. der frühere Lehrer und Prediger in Bielefeld, Salomon Bluumenau, im 79. Lebensjahre gestorben. Derselbe hat eine Anthologie „Gott und der Mensch", ein Schauspiel „Aben Esra" und verschiedene pädagogische Schriften verfaßt. Er war auch ein treuer Mitarbeiter dieses Blattes. Ehre seinem Andenken! — Die israelitische Gemeinde zu Ladenburg in Baden hatte vom Jahre 1800 bis heute nur drei Lehret und Vorsänger, und zwar 1800 bis 1828 Ar.Weisel, 1828 'bis 1868 C. Ladenbnrger, 1868, den 28. Dezember bis heute . D. Freitag. Letzterer war 1. April d. I. 40 Jahre im Dienst. — In Nürnberg wurde am 1. d. M. unter äußerst zahlreicher Beteiligung auf dem israelitischen Friedhof der Kaufmann und Handelsrichter Martin Fechheimer beerdigt. Der Landgerichtspräsident legte einen Kranz im Namen der Richter und des Landgerichts am Grabe nieder. — Der in seiner Mehrheit sozialistische Gemeiuderat zu Mülhausen i. E. hatte bekanntlich den katholischen, protestantischen Geistlichen und dem Rabbiner die städtische Gehaltszulage gestrichen. Das Ministerium hat jedoch entschieden, daß diese Zulagen als Pslichtausgaben der Stadt Mülhausen zu betrachten und in den Haushaltsetat einzustellen sind.. Die sozialistischen Gemeinderäte Mülhausens haben aber Protest gegen dre Verfügung der Regierung eingelegt, da die Verfügung im Widerspruch mit der Gemeindeordnung stünde. — Professor Jacques Hadamard in Paris hat von der Akademie der Wissenschaften den Ornoy-Preis im Betrage von 10 000 Franks erhalten. — Der Brigadegeneral Naquet-Laroque, .Konimandant der Artillerie des dritten Armeekorps, ist zum Divisionsgeneral ernannt worden. Er ist gegenwärtig der einzige aktive jüdische General der sr an zösisch en Armee, da die drei anderen — See, Hinstin undBrisae—in der Reserve sind. Seit Bestehen derRepublik haben sieben Juden den Generälsräng erhalten. — In. London ist am 29. v. M. der bekannte hebräische Schriftsteller, Rabbiner Joseph Kohn Zedek, im 76. Lebensjahre gestorben. — Wie die „Petersburgskija Wjedomosti" melden, haben in letzter Zeit die Accisenverwältungen in Rußland alle Gesuche von Juden um Erlaubnis zur Eröffnung von Bierhallen und Weinhandlungen zurückgewiesen und die Erneuerung der bereits erteilten Bewilligung verweigert. Motiviert wurde die Maßnahme damit, daß in nächster Zeit den Juden der Handel mit Bier und Wein überhaupt verboten werden soll. — Der russische Rabbiner-Kongreß, welcher ans Initiative, des Rabbiners aus Poltava in Grodno hätte stattsinden sollen, wurde im letzten Augenblick behördlich untersagt. Der Gouverneur von Grodno hat dies dem Rabbiner von Grodno, Halperu, mündlich mitgeteilt.— Der „Nuss. Telegr.-Ag." wird aus Urmia (Persien) telegraphiert: Die persische Bevölkerung plante eine Judenhetze, aber infolge energischen Einschreitens des russisch eil Vizekonsuls wurde Unglück verhütet und die Rädelsführer wurden verhaftet. '— Den in Port Arthur ansässigen Juden wurde durch einen Erlaß des Gouverneurs Alexejew der fernere Aufenthalt in Port Arthur verboten. Dieselben sandten Delegierte nach Warschau, um die Gestattung ihrer Uebersiodelung nach 33^1(4)011 oder Lodz zu erwirken.