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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-12-28 · Heft 52 (28.12.1894) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 52 (28.12.1894)
Date
1894-12-28
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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4 geführt werden, haben auch das Mißfallen des Kaisers erregt^ uüd als der Reichsrathsabgeordnete Freiherr v. Moscon vom Kaiser fit Audienz empfangen wurde, besprach der Monarch mit Demselben die Thätigkeit des Reichsrathes und äußerte bei diesem Anlasse sein Bedauern über die jüngsten Vorfälle im Abgeordnetenhause. Wer die Vorgänge in den vorwöchentlichen Sitzungen verfolgt hat, wird sich darüber nicht verwundern können. — Bezüglich der Sonntags- und Sabbatsruhe hob der Abgeordnete Byk in der letzten Reichsrathssitzung hervor, daß die jüdische Bevölkerung Galiziens die Sabbathruhe vollständig einhalty und demnach durch das vorliegende Gesetz zu einer 5 4 st ü n d i g e n Arbeitseinstellung gezwungen werden würde. Redner besprach die in dieser Frage eingeleitete Aktion, dankte dem Polenklub für die ihm hierbei gewährte Unterstützung und stellte schließlich den Antrag, folgende Bestimmnng einzuschieben: „Die politischen Landesbehörden sind ermächtigt, für ihr Verwaltungsgebiet oder Theile desselben die Arbeit in Produktionsgewerben am Sonntag unter der Voraussetzung zu gestatten, daß die betreffenden Gewerbsinhaber und deren sämmtliche Hilfsarbeiter Unt Berücksichtigung ihrer Konfession an einem andern Tage der Woche regelmäßig eine vierundzwanzigstündige Arbeitsruhe einhalten und diese Arbeiten nicht öffentlich vornehmen. Gewerbetreibende, welche Hilfsarbeiter an Sonntagen zu solchen Arbeiten verwenden, sind verpflichtet, das im Artikel IV erwähnte Verzeichniß zu führen und dasselbe auf Verlangen der Gewerbebehörde, sowie dem Gewerbeinspektor vorzulegen." Für den Fall der Ablehnung dieses Antrags schlägt Redner einen Eventualantrag vor, demzufolge die vorgeschlagene Bestimmung nur für Galizien Anwendung finden soll(Beifall). Handelsminister Graf Wurmbrand erklärte, daß er flch der Begründung der Anträge Byk und Rott nicht verschließen könne. Unzweifelhaft wäre es für die Israeliten in Galizien und der Bukowina eine empfindliche volkswirthschaftliche Schädigung, wenn ihnen die Arbeit am Sonntag unter keiner Bedingung gestattet wäre, und die Regierung habe nicht die Absicht, mit dem Gesetze über die Sonntagsruhe irgend welche Härten einzusühren. Abg. Schneider spricht gegen jede Ausnahmsstellung für Galizien und die Bukowina. Abg. Dr. Rapoport befürwortet den Antrag Byk mit Rücksicht auf die besonderen Verhältnisse in Galizien. Referent Dr. Eben hoch erklärte, vom Standpunkte der Freiheit der religiösen Ueberzeugung empfehle er die Annahme des Eventualantrages Byk-Rott. Bei der Abstimmung wurde dieser Eventualantrag mit dem vom Abgeordneten Rott beantragten Zusatze mit 95 gegen 34 Stimmen angenommen. Auch im Herrenhause ist am Freitag dieser Antrag mit großer Majorität durchgegangen. Großbritannien. er London, 15. Dez. Die Mitglieder der Großen Synagoge (Oreat Synagogue) hielten kürzlich eine General-Versammlung ab. Auf der Tagesordnung stand ein Antrag des Schulvorstehers, die Scheidewand, die die männlichen Betenden von den weiblichen trenne, zu entfernen. Der Antrag wurde mit einer Mehreinnahme, die ein durch Entfernung der Scheidewand gesteigerter Zuspruch von Frauen herbeiführen werde, motivirt. Das Vorstandsmitglied Herr Franclin protestirte aus ästhetischen Gründen gegen diesen Antrag, Andere mehr aus religiösen. Alle jedoch stimmten darin überein, daß durch Entfernung dieser Wand auch der schöne Bau des Tempels erheblich einbüßen würde. Schließlich wurde^der Antrag mit 'großer Majorität abgelehnt. Wie „Jew.Chronicle" meldet, fand sich unter den diesen Antrag befürwortenden Stimmen auch die der Frau Ober-Rabbiner Dr. Adler. — In der letzten Sitzung des Wohlthätigkeits-Vereins „Board of gord“ in London theilte der Vorsitzende mit, daß das zum Bau eines Vereinshauses, welches den bekannten Zwecken des Vereins dienen soll, erforderliche Kapital bereits vorhanden sei. Die Kosten für das Gebäude sind auf 140,000 Schilling festgesetzt. Von bekannten Wohlthätern sind zu diesem Zwecke größere Summen gespendet worden. So gab Herr Raphael 30,000 Schilling, Makotto 10,000, Lord Rothschild 5000 u. fi w. — Wie man aus Algier meldet, starb dortselbst ein sehr,angesehenes^Mitglied der jüdischen Gemeinde, Herr Salomon Kaspi, der, wie die ihm den Nachruf spendenden „Arch. Jsr.".schreiben, durch und durch Franzose, dennoch glaubenstreuer Jude gewesen. Er habe keine Gelegenheit vorübergehen lassen, ohne seine Anhänglichkeit an das Judenthum zu beweisen. Er erfreute sich er großen Beliebtheit unter allen seinen Bekannten. Von Nah und Fern. --- Die israelitische Synagogengemeinde Ad a ß Jisroel kann am 29. d. M. auf ein 25jähriges Bestehen zurckblicken; fie wird diesen festlichen Tag in ihrer Synagoge (Gipsstraße 12a) durch einen Festgottesdienst begehen. — Der Abg. Ahlwardt hat unmittelbar nach seiner Entlassung aus Plötzensee eine Rede gehalten, in der er als Resultat seiner im Gefängniß gemachten Studien erklärte, „daß die Juden nur eine Mittelgattung zwischen Menschen und Thieren seien". Alles Uebrige aus dieser famosen Rede ist den Lesern aus den Tageszeitungen bekannt. — Ueber die „Nächstenliebe im alten Testament" hat Frau Nahida Remy am 17. d. im Verein für Krankenpflege in Inowrazlaw einen sehr interessanten Vortrag gehalten, der den allgemeinen Beifall der sehr zahlreich erschienenen Zuhörer gefunden hat. — Der Kantor und Lehrer M. Slodki ist von Landsberg a. W. nach Kolmberg in Bayern versetzt worden. — Nach dem neuen Schematismus der Diözese Münster giebt es im Umfang derselben 7621 (1892: 7760) Juden. Während die Zahl der Katholiken und rund 29,000, die der Protestanten um 33,000 zugenommen, hat die der Juden um 139 abgenommen. — Vom Schwurgericht in Würz bürg wurde, wie wir seinerzeit berichtet, der antisemitische Agitator, Landesproduktenhändler Karl Zöllner, wegen betrügerischen Bankerotts zu zweieinhalb Jahren Zuchthaus und fünf Jahren Ehrverlust verurtheilt. Das Plaidoyer des Staatsanwalts, welcher vier Jahre Zuchthaus beantragt hatte, enthält folgende Stelle: „Unter dem Schutze des Schildes reinen Deutschthums und der Devise der Bekämpfung der Korruption wurden von dem Angeklagten Schurkereien verübt, wie sie ähnlich groß mir in meiner Praxis noch nicht vorgekommen sind." — Der Großherzogliche Rabbiner Dr. S. Salfe ld in Mainz begeht am 18. Januar 1895 sein 25jähr. Amtsjubiläum verbunden mit der Silberhochzeit. — Die Verjudung schreitet immer weiter. Wie die „Deutsche Reform" am 16. Dez. schreibt, decken ein österreichischer Erzherzog und ein Erzbischof ihren Bedarf an Fleischwaaren bei einem „Judenschlächter", und der Kaiser hat sich bei einem Juden photographiren lassen! Das Ende der Welt ist jetzt da. — Der bekannte Rabbiner der Schönlaterngasse in Wien M. L. Kohn ist gestorben und wurde nach St. Georgen überführt. — In dem Berichte, welchen der ungarische Kultusminister über den Stand des Unterrichtswesens während des Schuljahres 1893/94 dem Reichstage vorgelegt hat, findet sich auf Seite 16 folgender Passus: „Der Pariser Einwohner Baron Moritz Hirsch hat für kulturelle Zwecke Ungarns, für dessen Arme und für die durch Elementarschäden betroffenen Einwohner im Wege der Frau David Bischitz den Betrag von 1,500,000 fl. verwendet." — Am23. l. M. hat Herr Großrabbiner Dr. Grünwald die neuerbaute Synagoge von Nicopol (Wohnort des Rabbi Josef Karo) in Bulgarien eingeweiht. In Varna wurde Fräulein Dr. Elise Pastermath als Stadtarzt angestellt. Dieselbe ist in Odessa geboren. — Aus Rußland kommen immer bessere Nachrichten. Der Zar verfügte der „Pol. Corr." zufolge, daß die Durchführung aller neuerdings verfügten Ausweisungen von Juden zu unterbleiben habe. Das Gesetz, wonach nur 5 pCt. jüdischer Studenten an den Hochschulen Rußlands immatrikulirt werden dürfen, beabsichtigt der Zar aufzuheben. — Bezeichnend für die Betheiligung der Juden an der Landwirthschaft in Amerika ist die folgende, der New-Iorker Staatszeitung entnommene Notiz: „Die verschiedenen Landwirthe in der Nachbarschaft von Chesterfield, Conn., haben eine Jüdische Landwirthe-Gesellschaft gebildet." — Der soeben in New-Jork zur Ausgabe gelangte Bericht der United Hebrew Charities („Vereinigten Wohlthätigkeitsvereine") legt ein ehrendes Zeugniß für den Opfersinn der Juden ab. Laut dem in der Jahresversammlung vom 29. Oktober verlesenen Berichte hat die Gesellschaft in runder Summe 225,000 Dollars verausgabt. — Die Union Amerikanisch-Jüdischer Gemeinden hielt ihre zweijährliche Generalversammlung in New-Orleans ab, und die der Union angehörigen Gemeinden waren zahlreich durch ihre Delegaten vertreten. Bericht folgt. — In Tanger ist am 17. d. M. Moses Pariente, der Vorsteher der jüdischen Gemeinde und einer der angesehensten Männer der Stadt, im Alter von 80 Jahren gestorben und unter allgemeiner Theilnahme der Bevölkerung beerdigt worden. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion? Max Bauchwitz in Berlin.

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