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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-12-14 · Heft 50 (14.12.1894) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 50 (14.12.1894)
Date
1894-12-14
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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4 Judengemeinden 1000 fl. auf gesellschaftlichem Wege beschaffen werde. Diese Erklärung wurde sehr beifällig angenommen. Der Verein zählt gegenwärtig 800 Mitglieder und verfügt über ein Vermögen von 15,167 fl. Nnßlnnd. St. Petersburg, 9. Dezember. Die russische Regierung hat in Ausführung des Artikels 12 des deutsch-russischen Handelsvertrages in den Bestimmungen für ausländische Handlungsreisende, die nach Rußland kommen. Folgendes verordnet: „Die zur Reise nach Rußland ausgefertigten Pässe ausländischer Juden, welche als Handlungsreisende protokollarisch verzeichneter uud überhaupt in Gemäßheit der Landesgesetze registrirter Handelsfirmen fungiren, werden Seitens der kaiserlich russischen Konsulate visirt, nachdem die Kommis eine bezügliche Bescheinigung ihrer Firmen eingereicht haben; hierbei wird auf dem Passe vermerkt, daß der Inhaber desselben 0omnii8-vo^aAenr ist, ferner die Nummer seiner Legitimationskarte und der Ort, wo dieselbe ausgefertigt worden ist. Ein ausländischer Jude darf während der Frist, auf welche der Paß visirt worden ist, und bei einem fristlosen Passe im Laufe von sechs Monaten unter Beobachtung der für Ausländer zur Reise nach Rußland bestehenden allgemeinen Vorschriften die Grenze mehrfach passiren." Lulgariru. it Sofia, 8. Dezember. In der heutigen Sitzung der Sobranje wurde aus nichtigen Gründen die Wahl des Abgeordneten des Kreises Baltschik, Gabe, eines früheren russischen Unterthanen, des einzigen Juden in der Sobranje, für ungiltig erklärt. Die Konservativen und die Russenfreunde stirnmten mit 77 Stimmen geschlossen für die Kassirung der Wahl. Mehrere Redner entwickelten dieselben Theorien wie bei der neulichen Annullirung des Mandates des früheren Oesterreichers Tabornow- und sagten, daß Bulgarien viel zu leicht seine Pforten Ausländern geöffnet habe, die dieser Ehre unwürdig sind. Der Abgeordnete für Baltschik, Gabe, legte in längerer Rede dar, daß er vor den russischen Bedrückungen in ein freies Land geflüchtet sei, wo er in schwerer Arbeit als Landwirth Freunde gefunden habe. Er wisse, daß man seine Wahl kassiren werde, aber sein Sohn werde einst von derselben Tribüne sprechen und die Freiheit vertheidigen. Für die Anerkennung der Wahl sprachen nur Liberale und Unabhängige. Amerika. n New-Uork, 28. November. Die hiesige Presse giebt ihrer Verwunderung Ausdruck darob, daß bei den ausgebrochenen Streiks sich zahlreich Juden betheiligen. Es sei charakteristisch für dieselben, so schreibt die Zeitschrift „Sun", daß diese Juden beim Anbruch des Sabbaths sich von den übrigen streikenden Massen zurückziehen, um den Sabbath zu heiligen. Man sollte nicht glauben, daß solche Leute sich von den anarchistischen Agitatoren verleiten lassen könnten. Auch dürfe man keineswegs annehmen, daß sie selbst Anarchisten seien, da der Anarchismus und seine Anhänger keine Spur eines religiösen Gefühls kennen. — Nach den statistischen Feststellungen sind in diesem Jahre von Anfang Januar bis Ende September 59,000 Emigranten über England nach Amerika ausgewandert. In denselben neun Monaten des vergangenen Jahres war die Zahl der Emigranten auf 106,000 konstatirt. Es sind also in diesem Jahre — im Zeichen des Verkehrs — 47,000 Emigranten weniger zu verzeichnen. Non Nah und Fern. — Die Generalversammlung der „Hilfska sse kür Jsr. Kultusbeamte, deren Wittwen und Waisen in Deutschland" findet am 26. Dezember a. c. 10 Uhr Vormittags, hier, Burgstr. 16, in Kassel's Hotel statt und ist namentlich das Erscheinen auswärtiger Mitglieder sehr erwünscht, da Vorstandswahl stattfindet. — Herr Stöcker sprach am 30. November in einer Versammlung der christlichsozialen Partei über das Thema: „Konservativ oder antisemitisch?" Er unterschied zwischen „guten" Antisemiten, mit denen die Konservativen nahe verwandt seien und in Frieden leben könnten, und „wilden" Antisemiten, welche Demagogie trieben. Zu dieser Kategorie rechnet er insbesondere Ahlwardt und Böckel. Bon Ahlwardt erzählt Herr Stöcker, er habe über ihn aus- ' gestreut, daß er mehrere Millionen hätte. Das habe für ihn sehr bedenkliche Folgen gehabt. Nicht nur daß er mit Briefen um Darlehen überhäuft werde, um 10,000, 20,000 Mk., und dann, wenn er nicht Jedem borge, was er wünscht, schlecht gemacht werde; sondern man setzte ihn auch herab, weil er trotz feines angeblichen Reichthums nichts für die Arbeiter thue. Ferner erfahren wir, daß Herr Stöcker jetzt von den Antisemiten Schmähbriefe bekommt, „genau von derselben Nummer wie früher von den Juden!" — Bon den 16,500 Mark, welche für das Rechnungsjahr 1894/95 durch den Provinzialausschuß der Provinz Hannover für das jüdische Schul- und Synagogenwesen ausgeworfen wurden, haben das Lehrerseminar zu Hannover 7600 Mark, die einzelnen Synag.-Gemeinden 6277.50 Mark und die im Amte befindlichen Lehrer 2722.50 Mark Unterstützungen resp Dienstalterszulagen erhalten. — In Erfurt hat sich unter der Firma „Verein zur Bekämpfung der Unsittlichkeit" ein antisemitischer Verein gebildet. Wer lacht da? — Durch eine große Anzahl deutscher Blätter wurde kürzlich die Mittheilung verbreitet, in Jena habe sich der 55 Jahre alte Oberrabbiner Benjamin Kotkind mittelst Karbolsäure vergiftet. Die von dem „C^ntral-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" eingezogenen Erkundigungen ergaben, daß es in Jena weder einen Rabbiner oder Oberrabbiner, noch irgend einen Mann gegeben hat, dessen Name Benjamin Kotkind war oder ähnlich lautete. Die Nachricht von diesem Selbstmord ist vollständig erfunden. — Aus Velbert wird berichtet: Ein nicht stark genug zu rügendes Vorkommniß, welches in diesen Tagen von einer Anzahl halbwüchsiger Burschen bei Gelegenheit der Beerdigung der Wittwe I. Isaak auf dem israelitischen Friedhofe verübt worden ist, haben wir leider heut zu verzeichnen Als sich der Leichenkondukt dem Friedhof näherte, wurden von den erwähnten Burschen mehrfach höhnende Zurufe, wie „Jud, hep, hep!" ausgestoßen. Einer der Burschen, auf einem Baum sitzend, that sich besonders hervor, indem er den amtirenden Rabbiner bei der Grabrede öfters durch Zurufe unterbrach und auch auf einer Mundharmonika spielte. Die Ermahnungen Erwachsener, sich ruhig zu verhalten, fruchteten nichts. Die Entrüstung über dieses Borkommniß ist unter der Bürgerschaft allgemein. Die Namen einiger der Hauptübelthäter sind bereits ermittelt, die Sache auch zur Anzeige gebracht, und werden die rüden Burschen wohl mit einer exemplarischen Strafe belegt werden. — In einem Rundschreiben an die Landesämter hat die Regierung zu Wiesbaden mitgetheilt, daß sie zur Beseitigung der Beschwerde israelitischer Lehrer wegen verweigerter oder ungenügender Gehaltsauszahlung beim Ausscheiden aus einer Stelle künftig nur solche Verträge mit Lehrern genehmigen werde, welche die ausdrückliche Bestimmung enthalten, daß das Gehalt in halb- oder vierteljährlichen Raten vorausbezahlt wird. — Die königl. naturwissenschaftliche Gesellschaft in Budapest widmete ihre jüngste Sitzung dem Andenken des Forschungsreisenden S a muelFenich e l, der im Aufträge des Nationalmuseums eine aus 10,000 Stücken bestehende Sammlung von ethnographischen und naturgeschichtlichen Gegenständen in Neu-Guinea zusammenstellte.' — Dr. Oskar Willner, Kultusgemeindevorsteher in Teplitz, hat im Namen der Teplitzer Kultusgemeinde-Repräsentanz ein Rundschreiben an die 90 größeren Kultusgemeinden in Böhmen behufs Gründung eines Gemeindeverbandes gerichtet. — Unter lebhafter Theilnahme der Bevölkerung wurde in Leipnik in Mähren am 29. November der im 76. Lebensjahre verstorbene Herr Joseph Münz, ein ungewöhnlich philanthropischer und feingebildeter, um Schule und Armenwesen hochverdienter Mann, zu Grabe getragen. Er war die harmonische Verkörperung des Imperativs: Edel sei der Mensch, hilfreich und gut. Mit glänzendem Erfolge rang er' unentwegt darnach, den Inhalt seines Lebens dem biblischen Gebote: „Heilig sollt ihr sein, denn heilig bin ich, der Herr, eue< Gott", anzupassen. — Die Akademie der Wissenschaften in Paris hat für den Victor Cousin-Preis pro 1895 folgendes Thema gestellt: „Expedition et examen de Philon le juif et de l’Ecole juive d’Alexandria“. -- In Florenz ist am 22. v. M.der Senator Sansone d'Aneona gestorben. Derselbe gehörte seit 1862 dem Senat an und war wohl das erste jüdische Mitglied desselben. Der Verstorbene war wegen seiner Wohlthätigkeit und Menschenliebe allgemein geschätzt. Der König von Italien hat an die Familie ein sehr theilnahmvolles Kondolenzschreiben gerichtet. — Dem Rabbiner Dr. G. Klein in Stockholm ist vom König von Schweden der Wasa-Orden verliehen worden. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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