Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 49 (7.12.1894)
- Date
- 1894-12-07
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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£ erlitt, 7. Aezemker 1894. 58. Jahrgang. M. 49. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. I Begründet von Halt bitter ir< Cubniia Nktlippjou - Sonn. Verlags-Erpedrtlon: Gerün, Jerulaiemerftr. 48/49 Alle Zusendungen Mr Redattion und Expedition nnv an die Adresse.- Verlag der ,Allgem. Zeitung des Judenthums', Berlin SW.t Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Moffe» Berlin. 3ttl)<tlt. Leitartikelr Ein Stückchen amerikanischen Judenthuins. — Die Woche. — Jacob Reismann. Von AlbertKatz. — Verwabrloste jüdische Kinder. Aon Dr. M. Silber sie in. — Briefe aus England. Von Dr. Strauß. — Wucher bei Christen und Juden im 16. Jahrhundert. Von Dr. Ludwig Geiger. — Noch einmal Anton Rubinstein. Von William Wolf. — Hans Sachs und die Bibel. Von S. Andorn. — Die eckten hebräischen Melodien. III. Von Dr. Albert Frankel. — Feuilleton: Der Judenjunge. Eine Erzählung aus Ost-Galizien von Wilhelm Feldmann (Forts.). — Sprechsaal. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Rachrichtenr Berlin. Schneidemühl. Posen. Ans der Provinz Posen. Frankfurt a. O.. Hamburg. Hannover. Göppingen. Aus Bayern. Ingolstadt. Bradford. Konstantinopel. Sofia. — Bon Rah und Fern. — Geschäftliche Notizen. Gin Stückchen amerikanischen Iudenthums. t Berlin, 3. Dezember. or uns liegt ein Büchlein mit 29 Seiten in klein Oktav, das sechste Jahrbuch der Reformgemeinde Keiieseth Israel in Philadelphia, Pa. In sechs Zeilen wird uns hier das Programm der Gemeinde mitgetheilt. Es lautet: „Die Reformgeineinde Keiieseth Israel steht für die Grundwahrheiten der Religion ein, die Liebe zu Gott und die Liebe zum Guten. Sie hält an der geschriebenen und überlieferten Lehre Israels fest und fordert von ihren Mitgliedern kein dogmatisches Bekenntniß irgend welcher Art." Der Gottesdienst der Gemeinde findet am Vormittag des Sabbaths und Sonntags statt. Es wird hinzugefügt, daß der letztgenannte Gottesdienst auch den Zweck hat, Personen mit „nichtjüdischer Ueberzeugung" (Non-Jewish persuasion) mit den Werken und Lehren des „liberalen Judenthnms" bekannt zll machen. Mit Recht stellt das Jahrbuch die Werke voran, denn hierin, in Thoten aufopfernder Nächstenliebe, steht Keneseth Israel an der Spitze der jüdischen Gemeinden in Philadelphia, deren Wohlthätigkeitsinstitutionen allen Glaubensgetwfsen offen stehen. Die Religionsschule der Gemeinde hat 3 Abkheilnngen, eine Unterstufe für Kinder von 6—8 Jahren, eine Mittelstufe für Zöglinge von 8 bis 14 Jahren und die sogenannte „Konfirmativns-Abtheilung" für Zöglinge von 14—16 Jahren. Die beigefügte Kottfirmationsordnnng enthält die Themata einer Reihe von Vorträgen, welche Konfirmandinnen über die Geschichte des Judenthums gehalten haben; dieselben sind in symbolistischer Weise, wie folgt, bezeichnet: Morgen — das mosaische Zeitalter, Mittag — das prophetische Zeitalter, Abend — das rabbinische Zeitalter, Nacht — das kabbalistische Zeitalter; zum Schluß: die Mendelssohnsche Zeit und die Gegenwart. Ein junges Mädchen spricht über die Stelluitg des Judenthums zu andern Religionen, andere Konfirmanden und Konfirmandinnen halten im Anschluß an die Erläuterung des Dekalogs Vorträge über Keuschheit, Ehrlichkeit, Zufriedenheit und andere Moralthcmata. Die Gemeinde unterhält auch eine Fortbildungsschule, bei der in mehreren Klaffen weltlicher Unterricht für Zöglinge üher 16 Jahre ertheilt wird, die ihre Ausbildung,fortsetzen wollen! Die Gemeindebibliothek ist für Jedermann frei zur Benutzung. Der Gemeinde-Nähverein will auf praktische Weise die Segnungen der Religion in die Hütten der Armuth tragen. ES giebt in der Keneseth Israel Suppen« »stalten, Holz- und Kohleustationen, — ganz wie bei uns. Die auf Anregung des Rabbiners S. Levy. der dem Hauptrabbiner Dr. Krauskopf zur Seite steht, eingeführte Gemeindevereiiiigmig für Eis und sterilisirte Milch, welche zum Kostenpreise au die Armeil abgegeben werden, berührt uns Europäer zunächst fremdartig, sie mag ebenso wie die Institution der Gemeinde zrir Einrichtung von Mnsterwohnungen, die mit bedeutenden Mittel arbeitet, in amerikanischen Verhältnissen und dem praktischen Sinn unserer dortigen Glaubensge>,offen ihre Begründung finden. Eine einzige freiwillige Sammlung für die jüdischen WohlthätigkeitSanstaltcn brachte allein von Seiten der Mitglieder der Keneseth Israel die Summe von 167,200 Mk. im letzten Jahre ein. Alles Beisteuern zu religiöse» Zwecken seitens ver amerikanischen Juden geschieht freiwillig, und das ist es, was uns mit Bewunderung erfüllt, wenn wir auf dem Titelbilde des Jahrbuches die Abbildung des Tempels der Gemeinde erblicken, der sicher eines der schönsten Gebäude Philadelphias ist. Das ganze Büchlein macht einen erfreulichen, wohlthuenden Eindruck, wie fast Alles, was nach dieser Richtung in den letzten Jahren aus Amerika zu uns gekommen ist. Das amerikanische Judenthum ist aus dem Stadium der Jugendthorheiten in das reife Mannesalter eingetreten, und die Früchte seiner Thätigkeit sind gut und schmackhaft. Es liegt in Allein, was dort unternommen und ausgeführt wird, wie man auch im Einzelnen dazu stehen mag, eine solche zielbewnßte Energie, eilte so frische Thalkraft, daß man nur wünschen könnte, das Beispiel möchte anregend uild erfrischend auf das alte Europa zurückwirken. Auch die Reform hat in Amerika die Kinderschuhe bereits ausgezogeil. Es macht sich jetzt eine positive Strömung geltend, der gegenüber alle exentrischen Versuche in den Hintergrund treten werden und müssen. Männer wie Isaak H. Wise, der greise Begründer und Führer des amerikanischen Reformjllden» ttzunS, der noch mit ungebeugter Kraft an der Spitze deffelbeii steht, wie Köhler, Einil Hirsch, I. Krauskopf und »ist diesen eine Schaar wackerer Streiter verstehen cs, das amerikanische Jndeiithmn zu hohen Ehren zu bringen. Es gereicht uns zur aufrichtigen Freude, diese Fortschritte vou Zeit zu Zeit konstatiren zu können.