Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 45 (9.11.1894)
- Date
- 1894-11-09
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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« 58. Jahrgang. Nr. 45. SerUn, 9. Uovemker 1894. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-PreiS: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 M. Redacteur: Gustav K arpeles. Begründet von Uabbiner ®r- Ludwig Philippfon Sonn. Verlags-Drpedition: Gerlin, Äerusalemerlir. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition und an die Adresse.- Verlag der ,Allgem. Leitung des Judenthums", Berlin SW., Zeruialemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Moffe, Berlin. Inhalt. Leitartikel: Alexander III. - Nikolaus II. -DieWocke. - Das russische Hilfswerk. — Eine Ausgabe für den Verband der Litkeraturvereine. Von M. Friedeberg. — Wohlwollen. — Die Zuckerkrankheit (Diabetes mellitus) unter den Israeliten. Von Dr. S. Kraemer. — James Darmesteter. Von Dr. Grünwald. — Das Kaddisch-Gebet. III. Von Dr. I. Kohn. — Feuilleton: Der Judenjunge. Eine Erzählung aus Ost-Galizien von Wilhelm Feldmann. (Forts.). —Der Märtyrer. Von Gabriel Bach. — Literarische MittheUungen. — Sprechsaal. Der Gemeindebote. Korrespondenzen «nd Rachrichten: Berlin. Königsberg, Lissa. Thorn. Schneidemühl. Ans der Provinz Posen. Rvbnik. Köthen. Magdeburg. Hannover, Frankfurt a. M, Darmstadt. Wien, Budapest. Bern, St. Petersburg. - Von Rad und Kern. — Miseellen. — Bei der Redaktion eingegangene Bücher. — Geschäftliche Notizen. Alexander iir. — Nikolaus il. Berlin, 6. November. ^jlruf seinem Schlöffe zu Livadia ist nach kurzem, aber schwerem Leiden im blühendsten Mannesalter Kaiser Alexander III. <j von Rußland gestorben. Damit ist der Erdengaug eines Mannes abgeschloffen, dem das Schicksal Gewalt gab über Wohl und Wehe von vielen Millionen und das stille Glück vorenthiclt, das vielleicht dem letzten seiner Unterthanen beschieden ist. Das allgemeine Mitgefühl der ganzen Welt, die dem verstorbenen Zaren nachrllhmt, daß er ein Fürst des Friedens gewesen, daß er nur das Wohl seines Volkes im Auge gehabt, daß er treu und unermüdlich für dasselbe gekämpft, folgte der Todesbotschaft aus Livadia auf den« Fuße. Die Geschichte wird dieses Urtheil unterschreiben können. Sie wird vielleicht auch die Regierung Alexanders III. anders beurtheilen als wir, die wir als Zeitgenossen dieselbe miterlebt haben. Gerade in Rußland, wo der Wille des Zaren allein maßgebend und mächtig genug ist, um einer Regierung den Stempel seiner eignen Persönlichkeit aufzuprägen, muß das ganze System auch nach dieser eigenen Persönlichkeit benrtheilt werden. Es scheint ein historisches Gesetz zu sein, durch das die Natur gewiffermaßen die Härten des absolutistischen Gedankens korrigirt, daß der Nachfolger in der Herrschaft sich jedesmal von dem Vorgänger in der Richtung erheblich unterscheidet. Auf dem Schreibtisch Alexanders II. fand man, als er von ruchloser Mörderhand getödtet worden war, den Entwurf einer Konstitution für Rußland, in welcher, auch die Gleichberechtigung der Juden ausgesprochen war. Alexander III. ging andre Weg«; sein Motto war: „Rußland für die Russen"; er verschärfte den Panslavismus zu einem Panrussizjsmus. er haßte den „faulen Westen" und nur in Rußland sah er das Bild des Staates, wie er nach den Gesetzen der Natur und nach dem Willen Gottes sein sollte. Eine Religion und ein Volk sollten in diesem Reiche leben, das war sein Wunsch und sein Wille. Schwer lastete die Hand dieses Zaren auf Deutschen, Polen und Juden, auf deutschen Protestanten, polnischen Katholiken und vor Allem auf den unglücklichen russischen Juden. Tausende und abertausende von Existenzen wurden vernichtet, Tausende »nd Abertausende wurden aus ihrer Heimath vertrieben. Deutsche Pastoren und polnische Geistliche büßen noch' heute in Sibirien das Verbrechen, daß sie ihrer Religion treu geblieben, und in New-Aork leben an 60,000 russische Juden, die von Haus und Hof vertrieben, doch noch immer mit Wehmuth an das Vaterland zurückvenken. Alle Härten dieses Systems entsprangen, wie gesagt, nur aus dem einen Gedanken, daß in Rußland nur die orthodoxe Kirche herrschen und nur das russische Volk leben dürfe. Es ist heute nicht an der Zeit, dieses System im Einzelnen historisch zu beleuchten, aber es wäre pure Heuchelei, wollte man bei dem Rückblick auf die Regierungszeit des Zaren jene peinlichen Erinnerungen verschweigen oder gar vertuschen. In den Tagen der Noth, in den Stunden, wo ein ganzes Volk um das Leben seines Fürsten betete, da hat auch Israel das höchste Gebot seiner Ethik getreu erfüllt. Alle jene Erinnerungen waren aus seiner Seele entschwunden und nur der eine Gedanke, der eine Wunsch beherrschte Alle, daß das Leben des Fürsten gerettet werden möge, der dreizehn Jahre de» Frieden einer Welt erhalten hat. Nun, da durch den unerforschlichen Willen der Vorsehung dieses Leben doch frühzeig und unerwartet seinen Abschluß gefunden, ist es nicht an uns. zu urtheilen und zu richten. Die Weltgeschichte ist das Weltgericht, mid ihr allein steht es zu, über Menschen, Werke und Thaten zu Gericht zu sitzen. Von dem todten Zaren wendet sich die Betrachtung einer Welt dem lebenden zu, auf deffen junge Schultern eine schwere Last gefallen ist. Viele preisen und hoffen auf den neuen Herrscher, viele Wünsche werden ihm entgegengebracht. Erfüllt sich jenes historische Gesetz, von dem wir oben gesprochen, so wird für die unter dem früheren Regime in Rußland verfolgten Glaubens- . bekenntniffe und Volksstämme nunmehr eine neue Zeit anbrecheu. Aber mit Recht sagte Heinrich v. Treitschke in dem neuesten Band seiner Deutschen Geschichte, daß die Zeitgenossen über nichts in der Welt so schlecht unterrichtet zu sein pflegen, wie über die Persönlichkeit de.r Thronfolger Mächtiger Reiche. Auch über den neuen Zaren sind schon vor seiner Thronbesteigung die widersprechendsten Urtheile laut geworden. Die Phrase von dem „unbeschriebenen Blatt" wälzte sich durch alle Zeitungen. Allgemein aber wurde dem neuen Zaren nachgefagt, daß er der westlichen Kultur mehr geneigt sei als sein Vorgänger, daß er die Ansichten desselben in vielen Beziehungen nicht theile. Man erzählte von ihm, daß er sich gegen die russischen Judenverfolgungen aufgelehnl habe. Man berichtete ferner von ihm, daß er einst seinem Oheim, dem jetzigen Herzog Alfred von Koburg, als er mit ihm über die Glaubensvrrfolgungen sprach, deren