Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 44 (2.11.1894)
- Date
- 1894-11-02
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Berlin» 2. November 1894. 58. Jahrgang. Gin unparteiisches Organ für alles Wische Interesse. Begründet von Natibiner &?. LirLwig Phttippson-Son». Verlags-Expedition: Lerlin, Jernlalemerstr. 48/49 Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-PreiS: Durch Buchhandel, Postoder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen viertelfährl. 3 M. Redaeteur: Gustav Karpeles. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition find an die Adresse.- Verlag der .Allgem. Zeitung des Judenthums*. Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Moffe, Berlin. Leitartikel: Herbstaedanken. — Die Wocke. — Der Rechtsschutz der Juden. Von Dr. Maximiliait Parmod. —Die Anstellung von Wanderlehrern. Von Eduard Alexander. — Aus Ostpreußen. Von Moritz Schervel. — Die Einführung in das Studium der sozialen Hygiene. Von Dr. Bernhard Münz. — Das Kaddisch-Gebet. II. Von Dr. I. Kohn. — Feuilleton: Der Judenjunge. Eine Erzählung aus Ost-Galizien von Wilhelm Feldmann Forts.). — Eine Spazierfahrt. I. Von Nahida Remy. — Sprechsaal. Der Gemeindedote. Korrespondenzen nnd Rachrichte«: Berlin, Bromberg. Meschen.. Neiste. Hamburg, Aus Westfalen. Stuttgart, München. Wien, Budapest. Petersburg. Tanger. — Non Rah nnd Fern. — Miscellen. — Geschäftliche Notizen. Herbstgedanken. Berlin, 30. Oktober. ine Zeit ernster Prüfung ist für uns die Gegenwart. Seit vielen, vielen Jahren haben wir leinen so begründeten Anlaß zur Einkehr und Umschau gehabt, wie gerade in unfern Tagen. Schwer ist die Zeit und trüb sind ihre Zeichen. Wohin sich unser Blick richtet, sehen wir nichts als Klage und Sorge, als Zweifel und Furcht, als Unmuth uud Unzufriedenheit. Vor den Thoren steht der Feind, und im Innern herrschen Zwietracht, Mißverständnisse, Jndifferentismus und Verrath. In einer solchen Zeit muß der Ruf nach Einkehr vor Allem in den Kreisen, die es ernst meinen, immer wieder laut werden. Wie oft haben wir uns nicht, Jeder für sich allein und in seinem Herzenskämmerlein, die Fragen wiederholt: Was soll das werden? Und wie wird Israels Zukunft sein? Beide Fragen sind berechtigt. Gleichwohl, wenn wir uns ernsthaft prüfen, wenn wir Einkehr halten in uns selbst, wenn wir das religiöse Ideal der Thora mit der Weltanschauung des modernen Lebens vergleichen, wenn wir in unser Herz blicken, wenn wir unser Gewissen befragen — wir hören immer und immer wieder nur die eine laute und weithin vernehmliche Antwort: Ja, das Judenthum hat eine Zukunft! „Höre, Israel, der Ewige, unser Gott, ist ein einig — einziger Gott!" Das ist unser Aller Bekenntniß, vom Orinoko bis zum Weichselstrom, von den Schneeriesen des Himalaya bis zu den unwirthbaren Bergen des Kaukasus. Und so lange wir dieses Bekenntniß festhalten, so lange ist uns auch nicht bange um die Zukunft des Judenthums. Der Winter naht, uud die Natur selbst ruft uns zur Einkehr und Prüfung auf. In dieser Zeit mögen wohl jene Fragen nach der Zukunft öfter laut werden und, angesichts der dräuenden Gefahren, die uns umringen, die Sorge um die Zukunft häufiger im Herzen wecken. Gleichviel, wir scheuen die Fragen nicht, wenn wir ernsthaft Einkehr halten in unsere Herzen und Seelen, in unsere Häuser und Gemeinden. Ja, mein Bruder, es ist Herbst geworden und der Winter naht. Auch in Israel ist es Herbst geworden, und wie die welken Blätter von den Bäumen, so fallen die Sproffen von dem alten Jakobstamme ab, um fremdem Glück und fremden Ehren nachzujagen. Aber würdest du darum den Glauben aufgeben, daß auf Herbst und Winter im Naturleben nicht auch nach unwandelbaren Gesetzen wieder Frühling und Sommer kommen werden? Wolltest du daran verzweifeln. daß die entlaubten Bäume sich dermaleinst mit frischem Grün bedecken, daß die kahlen Fluren wieder in neuer Saatenfülle prangen werden? Und du wolltest nicht glauben, daß auch am Baume des Judenthums neue Blüthen hervorsprießen werden, frische Reiser, gepflanzt auf dem alte» Stamm, der nicht weicht und wankt, wie auch die Stürme der Zeit ihn umtosen mögen? Ja, gestehe es dir nur bei deiner Einkehr: das Judenthum hat eine Zukunft, wenn es eine haben will, und es muß sich Alles wenden, wenn wir alle Keime des Guten Pflegen und Jeder in seinein Kreise im Herbst die Saat für den kommenden Frühling bestellen werden. „Dann wird aufgehen dein Heil wie die Morgenröthe und deine Zukunft wird rasch erblühen!" f'v'.J1'1 : ' So spricht der Herbst zu dm Frommen und zu den Freien spricht er: Sieh, mein Bruder, wie sich die Zeit gestaltet, und urtheile dann selbst, ob du ein Recht hast, den Stab wegzuwerfen, auf den deine Ahnen sich Jahrtausende lang gestützt, oder gar deinen Kindern diese Stütze zu entziehen. Blick' in die Zeit lind du wirst gläubig werden. Denn wer vermag zu sagen, was aus den Wirren dieser Tage sich entwickeln werde, als einzig die Religion? Welche ungeheuren Masten sind in beständigem Fluß, wie viele dämonische Kräfte des Zerstörens in rasender Bewegung! Alle Bande frommer Scheu und innigen Familienlebens sind längst gelockert, alle Kräfte der Natur scheinen entfeffelt, alle großen Räthselfragen, die je aufgetaucht, erschrecken die Geister von Neuem und unaufhörlich. Der Windstille halbvergangener Tage ist eine ewige Unruhe gefolgt, das Klappern der Maschine, das Schnauben des Dampfes, das Zittern des elektrischen Drahts, der durch das Herz der Zeit zu gehen scheint — und wie eine grauenhafte Sphinx steht an der Eingangspforte der Zukunft das hohläugige Gespenst der sozialen Frage, drohend, mahnend und warnend. . . . Was will das werden? So fragen sich die Menschenkinder, erschreckt durch die verwirrenden Erscheinungen der Zeit und ängstlich nach einem ruhenden Pol suchend. Nun denn, mein Bruder, einen solchen ruhenden Pol weist dir die Religion Israels auf, die schon vor Jahrtausenden durch ihren Propheten das Zukunfisbild verkündet hat: „Und es wird sein in der Folge der Zeiten, da wird nur feststehen der Berg des Herrn, und zu ihm werden wallen alle Völker und werden