Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 38 (21.9.1894)
- Date
- 1894-09-21
- Page
- Seite 446 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228040-3228079--51123-3273970- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
>W«*«*PpWW^?SWP!FWWpp 44 ö schiedene Konsequenz, mit welcher Herr Dr. Vogelstein aus seinem Gebetbuche Al les ferngehalten hat, was den geläuterten Anschauungen unserer Zeit nicht mehr entspricht. In dieser Beziehung hat sein Buch unseres Erachtens sogar einen Vorzug vor dem Geiger'schen? das doch von den neueren Gebetbüchern die Grundsätze einer maßvollen, zielbewußten Reform am konsequentesten durchgeführt hat. Wir wollen nur zwei Momente hervorheben, die uns ausgefallen „ sind: Im dem Vorworte seines „Israelitischen Gebetbuches" stellte.. Geiger mit Recht den Grundsatz auf: „Die Aufzählung der verschiedenen Engelordnungen und die Ausmalung ihrer Thätigkeit darf keine Aufnahme finden." Und doch hat auch er diesen Grundsatz nicht mit unbedingter Konsequenz durchgeführt, wenngleich er in der,, folgerechten Vertretung dieser Anschauung am weitesten gegangen ist. — Mit besonderer Freude erfüllt es uns, daß Herr Dr. Vogel- . stein auch solche Gebetstücke entsprechend abgeändert hat, welche in den bekanntesten Gebetbüchern der neueren Zeit unverändert stehengeblieben sind, thatsächlich ober einen schroffen Gegensatz zu unfern Anschauungen bilden. Wir sind Herrn Dr. Vogelstein dankbar dafür, daß er hier eineAenderung eintreten ließ. Sodarfalles in allem genommen , das Vogelstein'sche Buch, soweit der hebräische Text dabei in Betracht kommt, als ein vortrefflich gelungenes Werk bezeichnet werden. Sein Verfasser hat mit viel Takt und Geschick es verstanden, den geläuterten Anschauungen unserer Zeit Rechnung zu tragen, ohne dabei d i e Pietät zu verletzen, die wir dem altehrwürdigen hebräischen Texte schulden. Man liest aus jeder Seite des neuen Gebetbuches' den Satz des Vorwortes heraus, in welchem der Verfaffer seinen Standpunkt dahin präzisirt: „Wir wollen wahrhaft sein in Allem,, was wir reden, und ganz besonders, wenn wir uns betend an den.' Gott der Wahrheit wenden." Was nun den deutschen Theil des Gebetbuches anlangt, so liegt ,- gerade in der Art und Weise seiner Bearbeitung der eigenartige,^ Vorzug des Werkes. Die Sprache ist edel und schön; der Sinn dex,,. hebräischen Gebetstücke wird trefflich wiedergegeben, und doch verräth kein deutscher Satz das Gepräge einer sklavischen Uebertragung. Jedes deutsche Gebiet bildet ein in sich abgeschloffenes Ganzes, nach Form-.,, und Inhalt gleich ansprechend; man fühlt aus jedem Satze heraus: das ist kein unglückseliges Hebräisch-deutsch, das ist der wahrhafte. Ausdruck eines in seiner Muttersprache zu seinem Gotte betenden Menschen. — Als ein weiterer Vorzug des Buches erscheint es uns, daß in die deutschen Gebete an besonders wichtigen Stellen hebräische Responsorien aufgenommen sind, welche die hervor-, ragendsten Lehren unserer Religion in der Ursprache zum Ausdruck bringen und dadurch den selbstständigen, von dem hebräischen Theile unabhängigen Charakter der deutschen Gebetstücke scharf ausprägen. Wir halten diese Einrichtung insoweit für bedeutsam, als durch sie auch dem des Hebräischen minder Kundigen Gelegenheit geboten wird, im formvollendeten deutschen Gebete gleichzeitig den hebräischen Wortlaut der Grundwahrheiten des Judenthums kennen zu lernen. Der Umstand, daß die deutschen Uebertragungen nicht, wie bei dem Joel'- schen, Geiger'schen und Berliner Gebetbuche, unter dem hebräischen Texte, sondern demselben seitenweise gegenüberstehen, trägt unseres Erachtens wesentlich zur bequemen Handhabung des Buches bei. Auch diejenigen deutschen Gebete, welche, für besondere Gelegenheiten bestimmt, keinem hebräischen Texte entsprechen, sind mit feinem,. Verständniß abgefaßt und znsammengestellt. Gleich am Eingänge des Buches finden wir eine Anzahl von Kindergebeten, in welchen der kindliche Ton sehr gut getroffen ist. Unmittelbar daran reihen sich die zehn Gebote in hebräischer und deutscher Sprache. — Besonders gefallen hat uns unter Anderem die Betrqchtung bei der Seelenfeier (Seit- 438 des Buches), aus welcher warmes Gefühl, und tiefes Empfinden spreche». Auch der deutsche Theil des Morgengebetes für 382 nj?OTl ist unseres Erachtens sehr gut gelungen. In pietätvollen Worten gedenkt er Zions als des Ortes, von welchem die Lehre ausging in einer Zeit, als „die ganze übrige Welt noch von dem Irrwahn des Götzendienstes gefangen gehalten war"; in edler, gehobener Sprache weiht er ein Blatt wehmüthiger Erinnerung dem Heiligthum der Gottesstadt; aber ebenso entschieden betont er auch, daß der neunte Ab einen nationalen Charakter nicht haben könne. „Wir trage» ein anderes, ein höheres Ideal in der Brust, den Sieg der erhabenen Lehren lauterer Gottesfurcht lind reinen Menschenthums, die auf Zion von Propheten, Psalmensängcrn und Gesetzeslehrern sind verkündet worden" (Seite 507). — Alis demübrigen reichen Inhalt des Buches heben wir noch hervor die Sabbath- und Predigtlieder, sowie die in einem besondern Anhänge beigegebenen Gebete für die Privatandacht, welche so ausgewählt sind, daß sie auch Kindern unbedenklich in die Hand gegeben werden können. Daß Herr Dr. Bogelstein in das Buch auch manches Gute aus andern Gebetbüchern übernommen hat (siehe Vorrede), ist in Rücksicht auf Zweck und Bestimmung des Buches nur selbstverständlich. Um auch der Aeußerlichkeiten nicht zu vergessen, wollen wir schließlich noch bemerken, daß Druckfehler uns nicht aufgefallen sind. Das Einzige, was wir in dieser Hinsicht zu monireu hätten, ist das Wort „Halbkaddisch", Seite 182, an dessen Stelle „Gaiizkaddisch" zu setzen ist. Im gegenüberstehenden deutschen Texte ist der Fehler nicht vorhanden; auch ist im Hebräischen sowohl als im Deutschen thatsächlich das ganze Kaddischgebet abgedruckt. — Um das lästige Nachschlagen während des Betens zu vermeiden, hat Herr Dr. Vogelstein diejenigen Gebetstücke, welche bei den verschiedenen Gebetabschnitten wiederkehren, wie .ipiip rc., jedesmal wiederholt. Druck, Papier und ällßere Ausstattung des Buches sind vorzüglich und entsprechen den weitgehendsten Anforderungen. Unabhängig von dem Gebetbuche siild in einen« besonderen Bändchen die Thoravorlesungen für die drei Feste, Halbfeste und Fasttage mit deutscher Uebersetzung erschienen; dasselbe entspricht „in Drrick und Format völlig dem Gebetbuche und ist gegen eine geringe Nachzahlung vom Verbände zu beziehen". (Vorlvort.) Eine besondere Agende für Kultusbeamte, „die Haftaroth, die Gebete bei Trauungen, beim ersten Synagogenbesuche von Neuvermählten und Wöchnerinnen rc. enthaltend", wird demnächst erscheinen. — Der Gesammteindruck des Werkes ist ein derartiger, daß es in jeder Beziehung als ein gelungenes bezeichnet werden muß. Wir wiffen ihm keine bessere Empfehlung zu geben, als indem wir den Wunsch aussprechen, Herr Dr. Vogelstein möge recht bald den in Aussicht gestellten zweiten Theil folgen lasten. Air Moche. Berlin, 18. September. fie Antisemiten wollen sich angeblich vertragen. Sogar Herr Ahlwardt soll in den schönen Bund aufgenommen werden. Einzelne Spielarten dieser Gattung wollen indeffen nicht auf ihre Eigenart verzichten. Die deutsch-liberalen Antisemiten, zu denen der Reichstagsabgeordnete Dr. Förster gehört, haben eine Kommission zur Ausarbeitung eines besonderen Programms gewählt rmd ihr folgende Richtschnur auf den Weg gegeben: „Großdeutsche Politik, Zusammenschluß aller deutschen und ehemals deutschen Länder zu einem Groß-Deutschland mit Wahl-Kaiserthum aus den deutschen Bundesfürsten (Bolkswahl), Zusammensetzung der