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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-09-07 · Heft 36 (7.9.1894) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 36 (7.9.1894)
Date
1894-09-07
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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Schulkinder je 700 Gulden. Weiter verfügte die Erblasserin, daß ihr werthvoller Brillantschmuck veräußert und das Erträgniß an besonders Bedürftige vertheilt werden möge. b. Bielitz, 3. September. Das Haus unseres verehrten Gemeindemitgliedes, des durch seine Gelehrsamkeit und seine Schriften berühmten S. I. Halb er st am, ist von einem tief empfindlichen Verluste betroffen worden. Am 20. v. Mts. starb die einzige Tochter, die Frau Rosa Fried, Gattin des Rabbiners Dr. Fried in Ulm, in der Nähe Wiens, wo sie nach einer längeren Krankheit, die sie überstanden, stch zu erholen hoffte. Fromm und züchtig, bescheiden und liebevoll, ausgezeichnet in moderner Bildung, wußte sie in allen Kreisen, sowohl in der Heimath wie in der Gemeinde ihres Gatten, Liebe und Verehrung sich zu erwerben. Ihr Andenken wird stets zum Segen gereichen. Amerika. n. New Aork, 28. August. Rabbiner Dr. I. Kraus köpf von Philadelphia, der doch bekanntlich im Interesse seiner armen Glaubensgenossen in Rußland die Reise nach dem russischen Reich angetreten hcch hat nun trotz der allgemeinen Annahme, daß die Reise zwecklos sei, einen merkwürdigen, die Hoffnungen und Erwartungen Aller übertreffenden Erfolg zu verzeichnen. Sein Brief an seinen Lehrer, Dr. I. M. Wise in Cincinnati, ist wohl lesenswerth. Er schreibt von St. Petersburg: „Ich bin nun länger als eine Woche hier Ich habe seit meiner Ankunft der unbeschränktesten Freiheit mich erfreut und bin mit vielen einflußreichen Persönlichkeiten in Berührung gekommen. Diesen Morgen erhielt ich durch die amerikanische Gesandtschaft ein Schreiben von dem General-Prokurator Pobiedonoszeff, worin er mir höchst zuvorkommend eine Audienz bewilligt, sobald er von Moskau zurück sein wird. Da ich nicht so lange warten kann, so hatten Gesandter White und ich eine Besprechung mit dem Finanzminister, einer sehr einflußreichen Persönlichkeit. Nachdem derselbe sehr aufmerksam meinen Ausführungen zugehört hatte und anscheinend meinen Plan billigte, forderte er mich auf, meinen Antrag schriftlich vorzulegen, damit derselbe vom Gesammt-Ministerium erwogen werden kann. Dies wird auch durch den amerikanischen Gesandten, nebst dessen Empfehlung, geschehen. Hervorragende Glaubensgenossen in St. Petersburg sind über meinen bisherigen Erfolg sehr befriedigt und geben stch den besten Hoffnungen hin. Sie sind sehr aufmerksam gegen mich und sind mir, soweit es ihnen möglich, sehr behilflich. Sie sind Alle gegen die Auswanderung der russischen Juden nach fremden Ländern und sind gleich mir der Ueberzeugung, daß Rußland die wahre Heimath und die Zukunft der russischen Juden sei. Ich gehe morgen von hier fort, um die 39 jüdischen Kolonien in Süd-Rußland zu besichtigen, welche trotz aller Beschränkungen und ungünstiger Verhältnisse gut vorwärts kommen. Sie sind ausschließlich im Süden angesiedelt Das Komitee der St. Petersburg Kolonisations-Gesellschaft sagt mir, daß tausende und abertausende von Petitionen einlaufen von Juden, welche auf eine Chance warten, Land im Innern Rußlands zur Bebauung zu erhalten. Landwirlhschaft für die eingeborenen Juden ist die einzige Lösung der schwierigen Frage. Auf meinem Wege nach den Kolonien werde ich eine Besprechung mit Tolstoi haben, dessen Feder und Einfluß ich zu gewinnen suchen werde. Auf meiner Reise ins Innere Rußlands werde ich von einem Mitglied der Kolonisations-Gesellschaft begleitet sein. . . Von Nah und Fern. ----- Die Kosten des Judenflinten-Prozesses betrugen nach einer Mittheilung der „Antis Korr." an 14,000 Mark. Da Ahlwardt kostenpflichtig verurtheilt ist, hat er sie zu bezahlen. Nun, der arme Mann, der Hunderte verdient, bezahlt monatlich 3 Mark ab. Er muß also 389 Jahre leben, um die Summe zu tilgen. Ein hübsches Alter! — Die „Frankfurter Ztg." behauptet, der Justiz-Minister habe noch in diesem Jahre einem jüdischen älteren Assessor, der ihn fragte, ob seine Religion seine Anstellung als Richter hindere, erklärt: „Die jüdische Religion ist kein absolutes Hinderniß für die Anstellung, aber Sie müssen warlln " — Die alte Synagoge in Glogau auf der Bailstraße ist für 23,000 Mark an den Prediger der Wesleyanischen Methodistenkirche, Herrn E. Glotz hier, verkauft worden. — Wie die.. „Deutsch-soziale Korrespondenz" berichtet, ist der Hauptkehrer Priebe in Argenau im Interesse des Dienstes an die Dorfschule von Schönlanke versetzt worden, weil er im Wahlkreise Jnowrazlaw-Strelnow- Mogilno Seitens der deutsch-sozialen Partei zweimal als Reichstags- Kandidat aufgestellt war, am 15. Juni v. Js. 1124 Stimmen und in diesem Jahre bei der Ersatzwahl 1794 Stimmen erhielt. Blos deshalb? — Ahlwardt hat in Colberg einen Vortrag gehalten, in dem er erklärte, daß er im Reichstag bei 'einem Wiederzusammentritt den Antrag stellen würde, daß jüdische Forderungen nicht mehr einklagbar seien, worauf ein herzliches Gelächter entstand. — Am 24. August a. c. verschied nach längerem Leiden zu Punitz Frau Cäeilie Landsberger, geb. Zucker, eine der angesehensten und wohlthätigsten Frauen dieser Stadt Dies bewies die große Betheiligung aller Konfessionen bei der Beerdigung, welche zu Bojanowo stattfand. Am Grabe hielt Rabbiner Dr. Theodor eine tiefergreifende Rede. — Die Strafkammer zu Altona verurtheilte den wegen Wechselfälschung mit sechs Jahren Zuchthaus vorbestraften antisemitischen Agitator Kaufmann Benisch wegen zehnfacher Wechselfälschung zu vier Jahren Zuchthaus. — In H amm fand ein antisemitischer Parteitag für Westfalen statt, der über die Verschmelzung der antisemitischen Parteien berieth. Dr. König aus Witten brachte einen Entwurf für die Bereinigung zur Verlesung und bemerkte, daß auch Herr Ahlwardt sich anschließen werde, sich aber seine freie Bewegung Vorbehalte.— Der „Staatsanzeiger für Württemberg" meldet: „S. Kgl. Majestät haben am 12. August allergnädigst geruht, dem israelitischen Kirchenpfleger Hirsch Kahn in Baisingen die Verdienstmedaille des Friedrich- Ordens zu verleihen." Herr Kahn führt schon seit fünfzig Jahren ununterbrochen das Amt des Gemeinderechners. — In Zweibrücken ist Rechtsanwalt Dr. S tern, ein bekannter juristischer Schriftsteller, Vorstand des freisinnigen Vereins, 42 Jahre alt, gestorben. — Der Haßfurter „Deutsche Jugendbund" ist vom Königlichen Bezirksamt als politischer Verein erklärt und aufgelöst worden. Als Vergehen im Sinne des Vereinsgesetzes hat das Bezirksamt erachtet, daß der Jugendbund unter den Auspizien enragirtester dortiger Antisemiten gegründet wurde und mit dem antisemitischen Volksverein in engster Fühlung steht. — In der Linzer „Theolog. praktische Quartalschrift" 1894, 3. Heft, S. 686, kündigt Prof. Rohling ein Werk des „Hebräisten" Paulus Meyer an und bereitet die katholischen Theologen auf das Erscheinen desselben vor. Paulus Meyer muß also noch immer mit seinen dürftigen Kenntnissen diesen Herren aushelfen. — In Eg gen st ein ist der Führer der reinen Rassenantisemiten, Huber, wegen Sittlichkeitsverbrechen angeklagt worden. — Der Gründer und Herausgeber des antisemitischen Tageblattes „Kuryer Polski", Dr. Josef Orlowski in Krakau, ist von der Staatsanwaltschaft wegen mehrfacher Betrügereien und Veruntreuungen angeklagt worden. Die Strafverhandlung wird vor den Geschworenen stattfinden und ist auf 8 Tage anberaumt. Indessen verbleibt Dr. Orlowski im Untersuchungsgefängnisse. Die öffentliche Verhandlung wird gewiß so manche interessante Seite aus der Vergangenheit dieses Mannes, der ein abenteuerliches Leben hinter stch hat, enthüllen. Das Journal erscheint nicht mehr. — In Petersburg ist in diesen Tagen der bekannte Naturforscher Dr. S. M. Hereenstein im vierzigsten Lebensjahre gestorben. Der Verstorbene, dessen Arbeiten auf dem Gebiete der Ichthyologie allgemein geschätzt wurden, war Assistent am zoologischen Museum der k. Akademie der Wissenschaften. Auch den jüdischen Angelegenheiten wendete er viel Interesse zu als regelmäßiger Mitarbeiter des „Woschod". — Aus Wilna wird gemeldet: In der Ortschaft Boschewin wurde der reiche jüdische Pächter Schmul Bibrowitsch mit seiner Familie, im Ganzen acht Personen, des Nachts ermordet, das ganze Haus ausgeraubt und sodann in Brand gesteckt. Von den Raubmördern fehlt bis jetzt jede Spur. — In den jüdischen Gemeinden Widdin, Nicopol und Iamboli werden im Monat Ellul Synagogen eingeweiht werden; die Festrede bei der Synagoge in Widdin wird Herr Dr. M. Grünwald, Großrabbiner in Bulgarien, halten. Widdin ist eine der ältesten und größten Gemeinden des Landes. — In Paris ist am 23. v. Mts. A. M G ubbay, der Schwiegersohn des Baron Albert Saffoon, einer der ersten Direktoren der Bank von Bombay, im kräftigsten Mannesalter gestorben. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Mar Bauchwitz in Berlin. I

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