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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-08-31 · Heft 35 (31.8.1894) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 35 (31.8.1894)
Date
1894-08-31
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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4 und zwei Meter breit. Auf demselben ist dargestellt, wie mehrere Juden in jüdisch-polnischer Tracht, in Gebetmäntel gehüllt, ein Kind umstehen, dem sie Blut abzapfen; ihr Gesichtsausdruck und ihre Mienen entsprechen der Situation. Um gar keinem Zweifel Raum zu geben, befindet sich am Fuße des Bildes folgende Aufschrift in polnischer Sprache: „Das Martyrium des Kindes Simon, des Sohnes der Ehegatten Adam und Eva Studzinski, das im Alter von 3Va Jahren am Charfreitag von einem Juden geraubt und am Sonnabend nach Samstag zur Nachtzeit auf grausame Weise im Markus-Wirthshause bei Zytomir von Juden ermordet wurde. So geschehen am 26. Mai 1475. Henovatum A. D. 1870." Man kann sich leicht vorstellen, welchen Eindruck dieses Bild auf die für solche Darstellungen leicht empfänglichen Landleute ausübt. Der slavische Bauer ist gläubig, der Geistliche ist ihm eine Autorität und er hält die gemalte Lüge für wahr, da sie ihm im Raum einer Kirche entgegentritt. So wirkt das Bild ungemein aufreizend, und es ist erklärlich, daß der Aberglaube, die Juden brauchten Blut von Christenkindern, nicht auszurotten ist. Mehrere Päpste haben in besonderen Bullen ihren Abscheu gegen diese teuflische Beschuldigung ausgesprochen, sollte das den Herren vom Bernhardiner-Orden in Kalvarya nicht bekannt sein? Großbritannien. London, im August. Einige Zahlen aus dem am 1. Juni d. I. abgeschlossenen letzten Kassenbericht der Association sind geeignet, die Opferwilligkeit der englischen Juden in ein sehr günstiges Licht zu stellen. Auf der letzten Generalversammlung, der auch Baron Hirsch beiwohnte, hatte der Präsident Baron Julian Goldsmid, der sich mit 2000 Mark an die Spitze der Sammlung stellte, einen Appell an die Anwesenden gerichtet, der zu den ca. 80,000 Mark betragenden jährlichen Einnahmen aus den Mitglieder beitragen noch rund 800 Pfund Sterling d. h. 16,000 Mark hinzufügte. Unter den ständigen Mitgliedern befindet sich aus Deutschland nur eines, aus Berlin. Zu dem Unterrichtsfonds für die von der Gesellschaft unterstützten Schulen haben beigesteuert ein Herr B. Newgaß 24,000 Mark, Lord Rothschild und Baron Goldschmidt je 10,000 Mark, desgleichen die Erben des Baron von Stern, der verst. BaronBleichröder 4000 Mark, die beiden Barone Worms je 800 Mark, der aus seiner Studienzeit an der Berliner Hochschule für Wissenschaft des Judenthums bekannte Claude Montefiore 2000 Mark u. s. w. Diese Zahlen sprechen eine beredte Sprache, und es erfüllt mit besonderer Genugthuung, darauf Hinweisen zu können, daß vier Mitglieder des englischen Parlaments auch begeisterte thatkräftige Anhänger der „Association" sind. Asten. fg. Bombay, im August. Herr Haeem Samuel, Leiter der hiesigen israelitischen Schule, hat an die „Anglo Jewish Association" in London einen Bericht eingesandt, dem wir folgende interessante Mittheilung entnehmen-. „Zwei Zöglinge unserer israelitischen Schule sind in diesem Jahre an der Universität Bombay immatrikulirt worden, einer ist ein Mädchen, und ist es das erste Mal, daß ein Beni Israel-Mädchen^ die Universität besucht." Bisher stand gerade die weibliche Erziehung in der Beni Israel-Gemeinde auf keiner sehr hohen Stufe. Das wird jetzt dank den Bemühungen der oben genannten „Association" anders. Kürzlich wurde die Schule durch die Frau des Präsidenten der Bombayer Association, Frau Henry Salomon, in Begleitung einer Parsendame inspizirt Die Schule wird von 202 Knaben und 89 Mädchen besucht und erhält von London aus eine jährliche Unterstützung von 4000 Mk. In Folge eines vom staatlichen Schulinspektor Mr. E. Giles erstatteten Berichts hatte die Association einen Betrag von 10,000 Rupien für die Einrichtung eines geeigneten Schulhauses bewilligt, hinzu treten jetzt folgende Beiträge: Se. Exceüenz Lord Harris, Gouverneur von Bombay mit 250 Rupien, David Sassoon u. Co. in London 5000 Rupien, Herr Jakob Sassoon 1500 Rupien und Herr Silas E. Sassoon 1000 Rupien. Die jüdische Bevölkerung hier zählt 4500 Seelen, Araber 1500, Beni Israel 3000 Von Nah und Fern. — Dc. med. Arthur Würz bürg, Bibliothekar im kaiserlichen Gesundheitsamt in Berlin, und Dr. med. Samuel Birawer zu Berlin haben den Titel Sanitätsrath erhalten. Die Ernennung Würzburgs hängt damit zusammen, daß er seit Jahren im Dienste des Reichsgesund- . heitsamts steht und umfangreiche litterarische Leistungen aufzuweisen hat. — Dem Reichstagsabgeordneten Ahlwardt ist vor einigen Tagen die Aufforderung zum Antritt seiner dreimonatigen Gefängnißstrafe wegen Beleidigung des preußischen Beamtenthums, im Besonderen des Richterstandes, begangen durch eine in Essen gehaltene Rede, zugegangen. Ahlwardt hat sich bis zum 28. d. M. zum Antritt seiner Strafe im Gefängniß zu Plötzensee zu melden. — Der Kapelle des königlichen Kadettenkorps in Groß-Lichterfelde wurde verboten, auf dem dortigen antisemitischen Feste zu spielen. Auch den Kadetten ward das Betreten des Festlokals verboten. — Das neue Synagogengebäude in Oerlinghausen ist am 29. v. M. eingeweiht worden, wobei die Herren Lehrer Bellak aus Bielefeld und Vorsänger aus Neuenkirchen den Weiheakt vollzogen. In welchem guten Einvernehmen dort die Bürgerschaft lebt, geht daraus.hervor, daß auch Angehörige der christlichen Konfessionen an der erhebenden Feierlichkeit der jüdischen Gemeinde freundlichen Antheil nahmen. — Dem Fabrikanten I. Goldschmidt in Elberfeld ist vom König der Belgier die Rettungsmedaille verliehen worden, weil er in Ostende einen 15jährigen Knaben, der sich zu weit in die Fluthen wagte, mit eigener Lebensgefahr gerettet hat. — Das im Berlage von Heinrich Minden, Dresden und Leipzig, erschienene und bereits in vierter Auflage vorliegende reich illustrirte Werk: „Meier Ezofowicz, Erzählung aus dem Leben der Juden", von der berühmten polnischen Schriftstellerin Elisa Orzeszko, ist nach soeben eingetroffener Mittheilung auf der Weltausstellung in Chicago mit Preismedaille und Anerkennungsdiplom ausgezeichnet worden. — Anläßlich der Ausstellung in Chicago erhielten vom Kaiser von Oesterreich Ordensdekorationen: den Eisernen Kronenorden zweiter Klasse Max Mautner; das Ritterkreuz des Franz Jofef-Ordens der Großindustrielle Moriz Hirsch; das goldene Verdienstkreuz mit der Krone der Hof-Wäschefabrikant Eduard Budie, der Exporteur Henry Latzo, der Papierfabrikant Alois Pollak, der Kerzen-und Seifenfabrikant Alfred Taussig. Der Ausdruck Allerhöchster Anerkennung wurde zu Theil dem Architekten E. Breßler und dem Sekretär des ExportvereinsA. Schwarz. — Dr. Moses Rosenmann aus Zurawno in Galizien, Zögling des Hildesheimerschen Rabbiner-Seminars in Berlin, wurde am 19. August d. I. zum Rabbiner in Bisenz gewählt. — Am 18. d. M. ist in Prag Amalie Mauthner nach längerem Leiden im Alter von 78 Jahren gestorben. Die Dahingeschiedene war durch Herzensgüte und Wohlthätigkeit in weilen Kreisen bekannt. Sie hinterläßt eine Tochter und fünf Söhne, unter diesen den Direktor der österreichischen Kreditanstalt in Wien, Gustav Ritter von Mauthner und den bekannten Schriftsteller Fritz Mauthner in Berlin. — Die israelitische Bevölkerung im Orient vertheilt sich folgendermaßen: Aleppo 10,000 Seelen, Adrianopel 15,000, Bagdad 30,000, Beiruth 3000, Bottosani (Rumänien) 18,000, Brussa 3000, Caiffa 1000, Konstantinopel 40,000, Damaskus 10,000, Dardanellen 2730, Fez (Marokko) 8000, Jaffa 3000, Magnesia 2000, Mogador (Marokko) 8000, Philippopel (Bulgarien) 2600, Rustschuck (Bulgarien) 2500, Salonichi 40,000, Samacoff 1000, Schumla 1200, Smyrna 21,000, Sofia (Bulgarien) 5500, Susa 3500, Tanger (Marokko) 6000, Tatar-Basardschick (Bulgarien) 1700, Tetuan 6000. Tunis 40,000, Varna 600, Iamboli 900. — Jn°New-Iork haben jüdische Damen einen Arbeiterinnen-Klub für junge jüdische Arbeiterinnen gegründet. Beitrag 20 Cents pro Monat, wofür folgende Unterrichtszweige Abends gelehrt werden: Vortragskunst, physische Kultur, Litteratur, Kleidermachen; zwei Abende in der Woche sind der geselligen Unterhaltung gewidmet. Auch ist mit diesem Klub ein Kindergarten verbunden, in welchem 35 der Kleinsten bis zum sechsten Jahre Unterricht erhalten. — In Japan existirt nur eine jüdische Gemeinde in der Hafenstadt.Nagasaki, die aus englischen, amerikanischen, holländischen und deutschen Emigranten besieht und die auch eine Synagoge und einen Friedhof besitzt. Kleinere jüdische Ansiedelungen giebt es dann noch in den Hafenstädten Kobe und Iokahama und in der Residenzstadt Jeddo (Tokio). In der Hauptstadt Chinas, in Peking, befinden sich keine ausländischen Juden. Dagegen giebt es in Tien-tsin, der Hafenstadt Pekings, eine Kolonie ausländischer Juden. Dann sind in der Hafenstadt Schanghai und auf der zu England gehörenden Insel Hongkong kleine jüdische Gemeinden mit Gotteshäusern und Friedhöfen. In den chinesischen Hafenstädten Canton, Futschbu und Amoy giebt es gleichfalls kleinere jüdische Ansiedelungen. Im Königreiche Korea befinden sich keine Juden. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauch Witz in Berlin.

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