Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 34 (24.8.1894)
- Date
- 1894-08-24
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228040-3228075--51069-3273912- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
4 Technik von 1894 enteignen. Englisch ist für diese Mädchen weniger nöthig als für die Knaben, doch haben mehrere unserer Glaubensgenossen in Gibraltar bereits jenseits der Meerenge Ehebündnisse geschlossen. Tie L chulen in Tetuan bestehen seit 1862 und kosten etwa 15,000 Frs. jährlich. Die Leiterin der Mädchenschule ist Fräulein ben Simul, welche mit einer ihrer Lehrerinnen auf der Bischoffsheim'schen Schule in Paris ihre Ausbildung erhalten hat. — Noch sind unsere Glaubensgenossen auch in Tetuan im Ghetto und Tag und Nacht eingeschlossen in die vielgewölbigen Gassen des Mellah, — aber auch hier wird es einmal Tag werden und voraussichtlich recht bald Amerika. n. New-Aork, 28 Juli. Eine schwere Arbeit wurde glücklich und nach allen Seiten hin zufriedenstellend zu Ende geführt, und das reformirte Israel Amerikas wird in der Zukunft ein allen Reformgemeinden gemeinsames Gebetbuch im Gebrauch haben. Der Kämpf war ein erbitterter und hielt bereits mehr als 30 Jahre an; als der selige Dr. Einhorn Mitte der fünfziger Jahre nach Baltimore an die Gemeinde Haz Sinai berufen worden, fand er das alte Ritual vor mit all den veralteten Ideen und Glaubensformen, welche von der Reform perhorreszirt wurden, natürlich ausschließlich, in der hebräischen Sprache abgefaßt, welche doch bekanntlich hier zu Lande, wie in den alten Erdtheilen, nur von sehr Wenigen verstanden wurde. Vorher hatten Dr. Wise und der verstorbene Dr. Merzbacher einen Anlauf genommen, das bestehende Gebetbuch, das sogenannte Siddur, abzukürzen, verschiedene (Gebete auszumerzen, aber es war eben nur Stückwerk. Nun kam Dr. Einhorn, und er schuf ein Gebetbuch, welches den Anforderungen der Zeit vollständig entsprach. Die deutsche Sprache war darin vorherrschend, der Ausdruck der Gebete edel, ergreifend an den Tagen der religiösen Erhebung, wie am Neujahrs- und Versöhnungstag, begeisternd und glühend, durchweg getragen vom alten Prophetengeist, aber mit kühnem Griff und fester, von Energie geführter Hand einschneidend in die alten überlebten Formen. Freilich es war in deutscher Sprache abgefaßt, und die junge Welt verlangte wenige Jahre später nach einem englischen Reformgebetbuch. Auch war die Sprache etwas zu erhaben und nur dem gebildeten Deutschen mundgerecht. Es kamen dann noch eine Anzahl anderer Gebetbücher. Dr. Wise führte seinen „Minhag Amerika“ ein, Dr. Samuel Adler führte im Tempel Emanuel ein anderes ein, die Doktoren Hübsch, Szold und Jastrow in ihren Synagogen wieder je ein anderes, und so gab es und so giebt es in den amerikanischen Gemeinden ein wahres Assortiment von Gebetbüchern. Das seit Jahren mit Recht in den Gemeinden bestehende Verlangen nach einem einheitlichen Ritus scheiterte regelmäßig an der Eigenliebe der Gebetsverfasser für ihr Geisteskind. Endlich aber sind alle Schwierigkeiten beseitigt durch die Rabbinerkonferenz, welche vergangene Woche in Atlantic City tagte und ein allgemeines Gebetbuch annahm. In wenigen Tagen wird es zum Druck befördert werden, so daß es schon zu den nächsten Feiertagen dem Gebrauche übergeben werden kann. Damit schwindet aber auch in den Gemeinden, in welchen bisher die deutsche Sprache Gebetsprache war, das Deutsche aus dem Ritus und wird der englischen Sprache Platz machen. Die Rabbiner-Konferenz war unstreitig eine der bedeutendsten Versammlungen jüdischer Geistlicher, welche seit Jahren gehalten wurde, nicht nur bedeutsam durch die erfolgte Annahme eines allgemeinen Gebetbuches, sondern auch durch den Inhalt der dort gehaltenen Vorträge. Die Rede Dr. Landsbergers von Rochester: „Ueber die Pflichten des Rabbiners in der Jetztzeit" war durchweg von edlem Geist getragen, voll von packenden Gedanken und praktischen Anleitungen. Auch Dr. Hechts Vortrag über „Religion in ihrem Verhältniß zum Leben" zeichnete sich durch Gedankentiefe und edle Form aus, über den Glanzpunkt bildete entschieden Dr. Köhlers Vortrag über: „Die geistigen Triebkräfte des Judenthums". Er wies darin nach, daß die Zerstörungswuth, mit welcher der Reform-Fanatismus so vieler, der jüngeren Generation angehörenden Rabbiner alles Bestehende zu vernichten strebe, mehr als die bloße Form treffe — sie lege Hand an den Lebensnerv. Diesem reißenden Strom, welcher Alles mit sich fortschwemmt, was dem Gemüth, der Pietät, dem schwungvollen Gedanken theuer geworden, müsse ein Damm gesetzt werden, und so wie man sich über ein Ritual geeinigt, sei es unbedingt geboten, sich auch über die Glaubenssätze zu einigen, welche als allgemeine Norm zu gelten hätten. An der hierauf sich anschließenden, sehr lebhaften Diskussion betheiligten sich auch die Herren Rabbiner Dr. Schrauer, Dr Moses, Dr. Helle und Dr. Landsberg. Die Versammlung vertagte sich erst Sonntag Abend. Vorher wurden die Beamten für das laufende Jahr gewählt. Aus der Urne ging Rabbiner Dr. Jsaac M Wise, Cincinnati, als Präsident hervor. Von Nah und Fern. — Dem technischen Hilfsarbeiter im kaiserlichen Gesundheitsamt praktischen Arzt Dr. L. Brühl ist der Charakter als königlicher Sanitätsrath verliehen worden. - Ein antisemitischer Parteitag für Westfalen wird am 26. d. M. in Hamm stattfinden. Als Leiter desselben wird Dr. König in Witten genannt. — Ahlwardt zeichnet jetzt, wie aus Dortmund geschrieben wird, die antisemitische „Wests. Ref." als verantwortlicher Redakteur. — Der vormalige Redakteur der inzwischen eingegangenen antisemitischen „Neuen Deutsch Ztg.", A. Schroot, welcher seiner Zeit wegen schwerer Beleidigung des israelitischen Arztes Dr. med Salomon in Geringswaloe zu vier Monaten Gefängniß verurtheilt wurde, ist durch den König Albert zu einer dreiwöchentlichen Haftstrafe begnadigt worden. — Zu den jüdischen Männern, die sich in den Schachturnieren auszeichnen (siehe Nr. 30 der „Allgm. Ztg. des Jdthms."), zählt auch Herr Dr. Tarrasch, praktischer Arzt in Nürnberg. Nachdem er in Nürnberg 1882 erster Sieger im Hauptturnier und dadurch statutengemäß Meister geworden war, errang er sich 1889 in Breslau den ersten Preis im Meisterturnier, dann folgte ein Triumph in Manchester. Im Jahre 1892 war er in Dresden erster Sieger und am 12. August 1894 gewann er sieben Partien in dem Wettkampf mit Walbrodt-Berlin und damit den Matsch. Dr. Tarrasch ist sonach als der beste Schachspieler in Deutschland zu betrachten. — Der „Anzeiger" von Stadtilm vom 10. d. M. enthält folgende Nachricht: „Achtung! Der erste Jude kommt nach Stadtilm". Welches Armuthszeugniß für die Bewohner! — Der antisemitische Agitator Pfarrer Scherz er, der kürzlich aus seiner in der Nähe von Wien gelegenen Pfarre Schrick nach Verübung von Betrügereien und Unterschlagungen in Höhe von 5000 Gulden verschwunden ist, wurde in Wien, wo er sich seither versteckt hielt,verhaftet. — Dr. Emil Haraszti, Unterrichter des Szolnoker Bezirksgerichtes, ist zum Richter am Szolnoker Gerichtshöfe ernannt worden. — Der Lehrer der isralitischen Gemeinde in Karls bürg, Emanuel Ginsberger, ehemaliger 1848/49er Honvedlieutenant, der vor zwei Jahren sein vierzigjähriges Lehrerjubiläum feierte, tritt jetzt in den wohlverdienten Ruhestand und erhält vom Staate eine Pension von 360 fl. Als die Gemeinde von letzterem Umstande Kenntniß erhielt, beschloß sie in einer ihrer jüngsten Sitzungen, das Ruhegehalt ihres Lehrers aus Gemeindemitteln auf 600 fl. zu ergänzen und theilte diesen Beschluß unter Ausdruck ihres Dankes für sein bisheriges Wirken dem Lehrer in einem warm abgefaßten Schreiben mit. — Der 20jährige Geiger Karl Flesch (Urenkel des bekannten Neutraer Rabbiner Rabbi Salomo Flesch) errang bei der am 27. Juli stattgehabten Preiskonkurrenz des Pariser Konservatoriums unter 35 Mitbewerbern den ersten Preis. — Die Königin Margherita von Italien hat ein huldvolles Kabinetsschreiben an den Dozenten -esRabbinerseminars, Dr. A. Berliner in Berlin, gerichtet, in welchem der verbindlichste Dank unter Anerkennung der bedeutenden wissenschaftlichen Leistungen in dessen Werk „Geschichte der Juden in Rom" ausgedrückt wird. — Im Rostower Gouvernement ist ein jüdischer Apotheker Gajkowski aus seinem bisherigen Wohnsitze wegen seiner Konfession ausgewiesen worden. Gajkowski rekurrirte gegen diese Verfügung des Gouverneurs an den regierenden Senat, welcher das Ausweisungsdekret aufhob, mit der Motivirung, daß den Pharmaceuten ohne Unterschied der Konfession im ganzen russischen Reiche zu wohnen gestattet ist. — Im Aufträge des Sultans hat der Stadtpräfekt in Konstantinopel beim Chacham-Baschi anfragen lassen, wie viele Juden durch das Erdbeben in Mitleidenschaft gezogen worden seien, damit er auch sie mit den gespendeten Lebensmitteln bedenken könne. Auch von den 15,000 P., die der Sultan für die durch das Erdbeben Verunglückten gespendet hat, wird eine entsprechende Quote der jüdischen Gemeinde zufallen. — Dr. Joseph David, ein Angehöriger der „Beni Israel" in Indien, ist von der Königin von England und Kaiserin von Indien zum „Khan Behadur" ernannt worden. Es ist das erste Mal, daß einem Juden diese Würde verliehen wurde. Druck unö Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.