Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 32 (10.8.1894)
- Date
- 1894-08-10
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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4 hiesigen jüdischen Gemeinde, bestehend aus den Herren Oberrabbiner Srmonsen, Etatsrath Bankdirektor Glücksstadt und Bankier Lewin, im Namen der Gemeinde die ehrfurchtvollsten Glückwünsche dar. Der Kronprinz erwiederte die Rede des Herrn Oberrabbiners mit einer längeren Ansprache, worin er seiner Freude Ausdruck gab, daß die Israeliten Dänemarks vermöge ihrer ehrenvollen Haltung und Stellung die allgemeine Achtung und Werthschätzung ihrer Mitbürger genießen, sowie auch, daß kein Funke jenes verderblichen Brandes, den Religions- und Rassenhaß entzündet, Eingang am dänischen Herde gefunden habe, noch mit Gottes Beistand je finden werde! Die Mitglieder der Deputation wurden hierauf zum Gala-Souper, das selbigen Abend im kronprinzlichen Palais gegeben wurde, eingeladen. Schade, daß der Schwager des Kronprinzen von Dänemark diese Rede nicht gehört hat! Nmßlaud. X St. Petersburg, 6. August. Wie Sie bereits in der vorigen Nummer gemeldet haben, ist Herr Rabbiner Dr. Joseph Krauskopf aus Philadelphia, trotz aller Schwierigkeiten, welche ihm in den Weg gelegt worden, wirklich seit einiger Zeit hier anwesend. Sein Projekt, eine Audienz beim Zaren zu erlangen, hat er wohl aufgegeben; vielleicht hat er es gar nie gehegt und es ist ihm blos untergeschoben worden, dagegen hat er ein anderes und viel aussichtsvolleres Projekt mitgebracht, nämlich das der Begründung landwirthschaftlicher Kolonien für die armen Juden, welche sonst zur Auswanderung genöthigt sind. Dr. Krauskopf hat in Nordamerika für dieses Projekt einige hervorrageikde Philanthropen gewonnen, welche geneigt sind, dasselbe mit großen Geldopfern durchzuführen. Auch hier in Petersburg hat die Idee, in dem weniger bevölkerten Theil Rußlands landwirthschaftliche Kolonien für Juden zu gründen, sympathische Ausnahme gefunden. Dr. Krauskopf hat bereits Gelegenheit genommen, die Ansichten vieler hervorragender Persönlichkeiten über diesen Gegenstand kennen zu lernen; auch mit den Vertretern des Auswandererkomitees des Baron Hirsch hat er sich dieserhalb in Verbindung gesetzt. In den letzten Tagen hat sich Dr. Krauskops von hier in die von Juden stärker bevölkerten Provinzen begeben, um dort ihre ökonomische Lage genau kennen zu lernen. Auf dem Wege dahin sprach er auch in Jasnaja Poljana beim Grafen Leo Tolstoi vor, mit dem er eine lange Unterredung hatte. Graf Tolstoi sprach sich mit entschiedener Mißbilligung über die judenfeindliche Gesinnung vieler Organe der russischen Tagespresse und mit ebenso entschiedener Sympathie über das neue Kolonisationsprojekt des Herrn Dr. Krauskopf aus. Ueber die Einzelheiten dieses Projekts hoffe ich Ihnen schon in nächster Zeit Ausführliches berichten zu können. Amerika. * Chicago, 23. Juli. Nach längerem schweren Leiden verschied in seiner Wohnung in Summerdale gestern der Schriftsteller Dr. A. Mels. Er hat ein bewegtes Leben geführt. Sein ursprünglicher Name war Martin Cohn, den er mit behördlicher Erlaubniß in A. Mels umänderte. Am 15. April 1829 in Berlin geboren, studirte er dort bis 1648. Er schloß sich dann den Freischaaren von Schleswig-Holstein in dem Kampfe gegen die Dänen an und wurde bei Jdstedt schwer verwundet. Nach seiner Genesung trat er in die französische Fremdenlegion ein und diente in Afrika und im Krimkriege. Nach Paris zurückgekehrt, korrespondirte er in englischer, spanischer, italienischer und deutscher Sprache, später trat er in die spanische Armee ein, brachte es zum Hauptmann und war darnach Redakteur verschiedener spanischer Zeitungen. Nach Deutschland zurückgekehrt, war er Mitarbeiter der „Gartenlaube" und später des „Daheim". Während der Gefangenschaft Napeleons in Wilhelmshöhe lebte Dr. Mels daselbst. Durch sein Buch über dieses Zusammensein machte er sich in Deutschland unmöglich, ebenso in Wien, wo er unter einem spanischen Pseudonym Don Spavento die Journalistik Wiens in heftiger Weise angriff. Nach längerem Aufenthalt in Paris kam Dr. Mels vor etwa zwei Jahren nach Amerika und ließ sich in Chicago nieder. Hier lähmte Siechthum seine Thätigkeit und gestern berief ihn der Tod ab. Von seinen schriftstellerischen Werken hat sich das Lustspiel „Heinrich Heines junge Leiden" großer Volksthümlichkeit erfreut. Er starb gänzlich mittellos. Von Nah und Fern. -----Die Berliner Akademie der Wissenschaften hat dem Privatdozenten Dr. Georg Huth 600 Mark zu einer Untersuchung der tibetanischen Handschriften in der königlichen Bibliothek bewilligt- - Eine neue antisemitische Zeitung soll hier demnächst unter dem Titel „Volks- Rundschau" erscheinen Auch die Agrarier beabsichtigen, eine antisemitische „Tageszeitung" in Berlin herauszugeben. Wer sich über oiese beiden feinen Gründungen genauer unterrichten will, der lese den Leitartikel des „Berliner Tageblatts" in Nr. 398 d. Bl. — Am 2. d. M. fand in der Synagoge zu Bunzlau die goldene Hochzeit des Buckwitz'schen Jubelpaares und zugleich die des Meseritz'schen Ehepaares statt. Viele Glaubensgenossen der Jubilare, Verwandte und Bekannte von Nah und Fern wohnten dem feierlichen Akte bei Nach der Predigt überreichte der Kultusbeamte Herr Tintner Herrn Buckwitz und seiner Frau die dem Jubelpaare von Sr. Maj. dem Könige verliehene Goldene Ehejubiläumsmedaille. — Aus der antisemitischen Ehren-Chronik wird berichtet: Der Führer der Antisemiten in Straßburg (Uckermark), Sachwalter Paarmann, welcher in letzter Zeit mehrfach als Konkursverwalter zugelassen ist, wird steckbrieflich verfolgt. Er hat, wie die „Freis. Ztg." berichtet, sämmtliche Gelder der Otto Schulischen Konkursmasse unterschlagen und noch nicht ausgezahlte Gelder eines früheren Konkurses vom Vorschußverein erhoben und ebenfalls für sich verbraucht resp. unterschlagen. — In Witten wurde der Thierarzneischüler Hugo Wegemann zu 9 Monaten Gefängniß und 3000 Mark Geldbuße verurtheilt. Er hatte in einem Lokale mit anwesenden Juden Streit angefangen, und dann dem ihn hinausweisenden Wirth mit einem wuchtigen Stockhieb die Schädeldecke zertrümmert. — Lehrer Klitzsch in Heiersdorf (Königr. Sachsen) ist wegen schwerer Sittlichkeitsverbrechen, deren er sich keinen Schülerinnen gegenüber schuldig gemacht hat, verhaftet worden. Klitzsch war eine der Hauptstützen der antisemitischen „Reform"-Partei. — Der König von Portugal ernannte den Rechtsanwalt Dr. Paul Werthauer in Leipzig, der auch durch seine Schriften als tüchtiger Jurist bekannt ist, zum Komthur eines hohen Ordens, und der König von Sachsen erlheilte ohne Verzug die Genehmigung zur Annahme desselben. — Der bekannte Redakteur der antisemitischen „Ceske Zäjmy“ Jarornir Husek, der gegenwärtig eine einmonatliche Haft wegen der Beleidigung der jüdischen Religionsgenossenschaft abbüßt, hatte sich am 19. v. abermals vor einem Ausnahmesenate wegen dreier ähnlicher Delikte zu verantworten. In drei verschiedenen Artikeln des genannten Blattes hatte er sich mehrfache Ausfälle gegen die Juden zu Schulden kommen lassen, die das Vergehen nach 8 302 St.-G. involviren. Nach geheim durchgeführter Verhandlung wurde Husek, der geständig war, zu zwei Monaten strengen Arrests, verschärft mit je 2 Fasten im Monate, verurtheilt. — Eduard Tauwitz, der berühmte deutsche Liederkompostteur und Nestor der Prager Kapellmeister, ist am 26. Juli im Alter von 83 Jahren verschieden. — Dr. Julius Reach aus Prag, Hörer des jüdisch-theologischen Seminars zu Breslau, wurde zum Rabbiner der Gemeinde Raudnitz a. D. Elbe gewählt. — Die letzte Liste der neuernannten Ritter der Ehrenlegion zählt u. A. folgende Namen auf: M. I. Anscher, Grand-Rabbin in Besan^on, Dr A. Weil, Direktor des Rothschild-Hospitals in Paris, E. Paraf, Direktor der Minen-Gesellschaft in Pontgibaud, I. A. Trevns, Fabrikant in St. Quentin. — Signor Luigi Luzzatti, der ausgezeichnete Finanzier und Ex-Minister, hat auf den Wunsch des Ministeriums eine Professur für „Internationales Staatsrecht" an der Universität in Rom angenommen. — Cavaliere Vittorio de Rossi wurde zum Ranze eines Comthurs der Krone Italiens erhoben. Er verwaltet das einflußreiche Amt eines Vice - Präsidenten der italienischen Bank-Verwaltung. — M. Polaceo, Sekretär der italienischen Botschaft in London, ist zum bevollmächtigten Gesandten Italiens bei der argentinischen Republik ernannt worden. — Der kürzlich verstorbene nichtjüdische Commendatore Luigi Quagliotti hat 35 000 Lire für das israelitische Krankenhaus in Vereelli hinterlassen. Testaments-Vollstrecker ist der Erzbischof von Vercelli. Druck unö Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.