Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 30 (27.7.1894)
- Date
- 1894-07-27
- Page
- Seite 350 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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350 Wenn das Volk sieht, daß Juden fast nie Offiziere, äußerst selten Beamte, Profefforen, Lehrer rc. werden, und dies trotz ihrer persönlichen Tüchtigkeit oft nicht werden, so muß es den Grund in der Sonderheit der Juden, im jüdischen Glaubensdekenntniß suchen, es muß folgern: Der Cohn ist ein tüchtiger Soldat, er wird doch nicht Offizier, der Levy ein tüchtiger Gelehrter, er wird doch nicht ordentlicher Professor, der Isaak ein tüchtiger Beamter, er kann doch keine Karriere machen, alle Drei sind jüdischer Religion, also liegt der Grund in dieser, also muß diese jüdische Religion ihre Bekenner schlechter machen als die christliche, und wenn sie schlechter sind, sind sie gewiß an aüem Uebel schuld, und die Antisemiten haben Recht! Und wenn dann vollends das Volk sieht, daß man in Sachsen und in der Schweiz die Ausübung einer jüdischen Religions- Vorschrift, des Schächtens, geradezu verbietet, wo soll es dann noch Achtung vor der jüdischen Religion oder vor den Bekennern einer so zurückgesetzten Religion haben? Die neueste Entwickelung hat gezeigt, wie der Antisemitismus dem Sozialismus vorarbeitet, wie nahe der demagogische Antisemitismus dem Anarchismus verwandt ist, sie hat bewiesen, daß eine immer fortgesetzte Verhetzung, wenn auch nur lange Zeit theoretisch betrieben, wie der Anarchismus, schließlich zu fürchterlichen Ausschreitungen führen muß, sie sollte den leitenden Kreisen auch klar genug dargelegt haben, welche ungeheure Gefahr für das gestimmte Staats- und Volksleben in der verhetzenden, demagogischen Arbeit des Antisemitismus liegt. Daß einzelne hervorragende Persönlichkeiten in diesen Kreisen jene Gefahr schon erkenne», beweist das Wort Caprivis, die neuesten Auslassungen der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung"; hoffen wir, daß sich diese Erkenntniß immer weiter Bahn bricht; noch sind Beamte und Geistliche die beste Stütze der jndenfeindlichen Agitation, kommen erst diese zur Erkenntniß von der Verkehrtheit ihres Vorgehens, die bethörten Massen werden dann auch aufzuklären sein über ihren wahren Nutzen und über die trügerischen Vorspiegelungen jener Demagogen, denen sie bisher gefolgt sind. Die Woche. f Berlin, 24. Juli. ie wichtigste Meldung der Woche ist die bereits in der vorigen Nummer kurz mitgetheilte Nachricht aus Breslau, daß die Oberstaatsanwalpchaft daselbst gegen eines der schlimmsten antisemitischen Flugblätter auf Grund des Paragraphen des Reichsstrafgesetzbuches einzuschreiten beabsichtigt, der die Beschimpfung einer Religionsgesellschaft, ihrer Einrichtungen und Gebräuche mit Gefängniß bis zu drei Jahren bestraft. Der Sachverhalt ist nämlich dieser: Das in Rede stehende Flugblatt „Die Wahrheit über das Judenthuiu" enthält an der Hand angeblicher oder falscher Übersetzungen aus dem Schulchan- Aruch folgende unerhörte Behauptungen: 1. Es ist dem Juden erlaubt, den Nichtjuden zu betrügen. 2. Die Juden müssen einander im Betrug der Christen unterstützen. 3. Der Jude darf die Gesetze des Staates, in dem er lebt, nicht anerkennen; für ihn sind nur die Geheimgesetze des Judenthums giltig. 4. DieJuden dürfeneinandervordernichtjüdischenObrigkeitunterstützen. 5. Wer einen Juden wegen eines Verbrechens anzeigen will, darf von den Juden umgebracht werden. 6. Der Jude darf Diejenigen tödten oder durch List umbringen, die sein Gesetz verleugnen. 7. Dem Juden ist erlaubt, das Vermögen der Nichtjuden an sich zu bringen auf jede Weise. Hieran anknüpfend heißt es in dem Flugblatt: „Ich bestreite hiernach den Juden, die diese Gesetze befolgen, das Recht, sich eine „Religions- Gemeinschaft" zu nennen und nenne sie eine international verschworene Betrüger-Gesellschaft. Leipzig, im Februar 1893. Theod. Fritsch." Dieses Flugblatt war u. A. im Februar cr. der „Ostdeutschen Wacht" in Breslau beigelegt. Der „Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" wurde von Breslauer Mitgliedern aufgefordert, gegen dieses Flugblatt, durch welches die jüdische Religionsgesellschaft auf das Schwerste beschimpft wird, vorzugehen, und er hat in Folge dessen eine Strafanzeige gegen den Verleger der „Ostd. W." und gegen den Verfasser Fritsch wegen Beschimpfung der jüdischen Religion bei der Staatsanwaltschaft in Breslau eingereicht. Diese lehnte das beantragte Einschreiten ab, wie dies wegen desselben Blattes in anderen Städten schon wiederholt der Fall war; auf die von dem gedachten Verein eingelegte Beschwerde erhielt er den Bescheid, daß gegen die Beschuldigten wegen Vergehens gegen 8 166 des St.-G.-B. strafrechtlich eingeschritten werden wird. Eine wirksamere Illustration zu unserm Thema von der Verwandtschaft des Antisemitismus mit dem Anarchismus kann es kaum geben als die Flucht des Herrn D rumon t von Paris nach Brüssel aus Furcht vor dein noch nicht einmal angenommenen französischen Anarchistengesetz, lieber diesen Heerführer des französischen Antisemitismus schreibt ein Pariser Feuilletonist des „Zeitgeist" sehr zutreffend: „Drumonts Steckenpferd ist bekanntlich die Judenhetze. Er kann schreiben, über was er will, immer entdeckt er, daß die Juden das Karnickel sind, das angefangen hat. Will man soweit gehen und behaupten, daß Drumont aufrichtig ist, daß er wirklich überall die Juden da sieht, wo er sie sucht, so bleibt als einzige Erklärung dieses Phänomens nur die Hypothese einer partiellen, geistigen Umnachtung. Das hindert aber wie gesagt nicht, daß Drumont eines der glänzendsten Talente ist, die sich jemals in den Dienst der französischen Presse gestellt haben. Seine Stärke sind philosophisch gefärbte Weltuntergangsbilder, die er, der reine Abkömmling alter gallischer Bauerngeschlechter —> bekanntlich besitzt er einen stark ausgeprägten semitischen Typus —, vor den Augen seiner Leser erstehen läßt. Vergleiche zwischen den großen Revolutionären des vorigen Jahrhunderts und ihren Enkeln, den Säulen der heutigen oppurtinistischen Bourgeoisie, gehören zu den bewundernswerthesten Seiten, die er geschrieben hat. Wie alle Antisemiten berührt er sich in vielen Punkten innig mit dem Anarchismus. Er hat daher zweifellos auf tausende von Gehirnen verwirrend und irreleitend gewirkt." «$ In England hat die Fremdenbill, die Lord Salisbury zur Beschränkung der Einwanderung dem Oberhause vorgelegt, seitens des Premier-Ministers Lord Roseberry eine energische Ablehnung erfahren. Die Bill richtet sich gegen die Anarchisten und trifft die unglücklichen jüdischen Auswanderer aus Rußland. Lord Roseberry betonte in seiner Rede: Die Einwanderung sei viel größer gewesen zur Zeit, als Lord Salisbury sich am Ruder befunden habe. Damals regte sich der konservative Premier-Minister nicht. Niemals sei die Einwanderung geringer gewesen als jetzt.... Die dahinzielenden Gesetze der Vereinigten Staaten hätten 1893 den Erfolg gehabt, daß von 60,000 Einwanderern nur 99 zurückgewiesen worden seien. Man sage, daß die mittellosen Einwanderer, namentlich die sich im Ost-Ende Londons niederließen, der Gemeinde zur Last fielen. Es seien aber hauptsächlich Juden, und da komme das nicht vor, weil ihre Glaubensgenossen für sie sorgten. Ein paar tausend Ausländer könnten am Ende dem britischen Volke wenig Schaden zufügen. Die in Rede stehenden ausländischen Juden seien namentlich in der Fabrikation billiger Kleider beschäftigt. In den letzten Jahren habe sich die Ausfuhr dieses Artikels um 62 Prozent gehoben. Wozu also gesetzlich einschreiten?