Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 25 (22.6.1894)
- Date
- 1894-06-22
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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58. Jahrgang. Ar. 25. ine Berlin» 22. Juni 1894. eitung öes Audenchums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel,. Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl.3 M. Redacteur: Gustav Karpeles. Begründet von Nabüiner Ludwig Philippson-Äonn Vertags-Crpe-ition: Gerlin, Jerusalemerstr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der »Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlins Iniiatt. Leitartikelr Auch ein Zeitgenosse. — Die Woche. — Vor fünfzig Jahren. Von Felix Herzfeld. — Lehrer-Konferenz in Bingen. — Ein Vorwort. Von Karl Emil Franzos (Schluß). — Feuilleton: Romeo und Julia. Eine Humoreske von Bertha Ginsberg. (Forts.) — Der Salon 1894. Von M. Friedeberg. — Litterarische Mittheilnngen. — Sprechsaal. Der Gemeindevote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Danzig, Sondershaufell. Leipzig, Bielefeld. Marburg, Wien. Prag. Budapest, Lemberg. New-Iork, Johannesburg. — Bon Nah und Fern. — Miseetten. Such ein Zeitgenosse. Berlin, 20. Juni. s ist keine Frage, daß der Jubelruf des Erasmus von Rotterdam: „Es ist eine Lust zu leben in diesen Tagen!" für unsere Zeit leider ganz und gar nicht paßt. Wir haben Zeitgenossen unter uns, die einen Menschenfreund eher zu dem entgegengesetzten Ausruf veranlassen könnten. Die Geschichte eines solchen Zeitgenossen haben in dieser Woche die gegnerischen Blätter niit liebenswürdigen Randglossen verziert; sie haben dieselbe dem „Kropper Kirchenanzeiger" entnommen, und wir wollen ihnen die Freude machen, sie auch in unseren Kreisen zu verbreiten. Die Biographie dieses edlen Zeitgenossen ist lapidarisch kurz; sie umfaßt kaum drei Zeilen, aber sie enthält eine Welt von Zeitbetrachtungen, und darum verdient sie unsere besondere Aufmerksamkeit. Sie lautet: „Ein jüdischer Bursche, Moritz Gutmann, 19 Jahre alt, hat sich für Geld 36 mal taufen lassen. Das brachte ihm 10,006 Franks ein, aber auch fünf Jahre Zuchthaus." In der That, Moritz Gutmann ist ein Zeitgenosse, wie man ihn sich nicht charakteristischer vorstellen kann, ein rechtes Kind der Zeit, die sich um die Priorität des Gedankens der Nächstenliebe streitet und dabei in alle Kreise den Nächstenhaß trägt, der Zeit, die für den Uebertritt von einer Religion zur andern eine Prämie in Stellungen, Ehrenämtern, Titeln oder auch in baarem Gelde erfunden hat, der Zeit, die den Gedanken der Mission unter den Juden zu einer Blüthe entwickelt hat, als deren reifste Frucht eben dieser Moritz Entmann erscheint. Er wollte nicht ordentlicher Professor an einer großen Universität werden, sondern er hat die 10,000 Frs. vorgezogen. Das unterscheidet ihn von anderen Ueberläufern. Die entsetzliche Frivolität aber, die darin liegt, daß sich dieser Bursche 36 mal hat taufen lassen, diese wahrhaft erschreckende Frivolität ist ebenfalls ein Produkt unserer Zeit. Es ist jedoch eine empörende Ungerechtigkeit, sie dem Judenthum zuzuschreiben; die Schuld fällt hauptsächlich auf — die Mission selbst zurück. Denn diese begünstigt nicht nur derartige Vorkommnisse, sondern sie fordert dieselben geradezu heraus. Man muß das Treiben mancher Missionäre in der Nähe betrachtet haben; man muß ihren Verkehr mit Arme« unglücklichen und verkommenen Juden in den reich bevölkerten Städten des Ostens gesehen haben, um zu dieser Ueberzeugung zu gelangen. Wir wissen nicht, ob die „Missionspflicht an Israel" eine wirklich heilige Aufgabe des evangelischen Bekenntnisses sei. Das aber wissen wir sehr wohl, das die edlen Stifter dieses Bekenntnisses niemals an eine derartige Ausübung der Missionspflicht auch nur gedacht haben. Offen gestanden, die Geschichte von Moritz Gutmann ist uns nicht neu und wir fürchten fast, daß sie erfunden ist. Denn sie war uns, freilich nur als ein Witz auf die Erfolge der Mission, längst bekannt. Ja, es hat sich sogar ein ganzer Kreis von Anekdoten gebildet, die in dieses Gebiet eiuschlagen und die — charakteristisch genug — mit besonderer Vorliebe von den Antisemiten kolportirt werden. Der Untergrund dieser Anekdoten und Witze ist aber ein tieftrauriger: es ist dies nämlich die Erkenntniß, mit welchen Mitteln „die Missionspflicht an Israel" hier und da zu arbeiten pflegt. Längst haben einsichtige und fromme Männer, denen es Ernst war um ihren Missionsgcdanken, wie z. B. Ferdinand Weber, es erkannt und offen ausgesprochen, daß in Deutschland „die Mission im Ganzen äußerst wenig Boden hat, und die Arbeit ist, auf die Gegenwart gesehen, eine fast völlig fruchtlose." Auch in der letzten Generalversammlung der hiesigen „Gesellschaft zur Beförderung des Christenthunis unter den Juden" hat ein Missionsprediger es freimüthig ausgesprochen, daß bei den meisten Uebertritten im verflossenen Jahre „die Gründe äußerlicher Natur waren", daß einige Ueberläufer „nur gegen Entgelt", andere für „eine gesicherte Existenz" die Taufe annehmen wollten, und daß endlich auch der Antisemitismus sein Kontingent gestellt habe. Das sind doch Thatsachen, die ernsten Männern zu denken geben müßten. Und selbst dort, wo die Aussichten der Mission „etwas Ermnthigendes" haben, wie gering sind auch dort die Erfolge! Und wie viel Moritz Gutmanns sind unter diesen Ueberläufern! In neuerer Zeit hat der Antisemitismus die Missionäre in eine peinliche Situation gebracht; sie schwanken jetzt zwischen der „Liebe zu Israel" und dem „Haß gegen Israel" hin und her. Einzelne haben sich auf die Windseite des Antisemitismus geschlagen; die meisten haben allerdings — es soll das ausdrücklich betont werden — gegen denselben entschieden Stellung genommen. Wir erkennen dies gern an. Wenn nun aber von gegnerischer Seite der Versuch gemacht wird, den Zeitgenossen Moritz Gütmann auf unser Konto zu schreiben, so haben wir es doch für eine Pflicht gehalten, wieder einmal auf hie Verhältnisse und Thatsachen hinzuweisen, aus welchen solche traurige Zeiterscheinungen mit innerer Nothwendigkeit hervorgehen.