Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 22 (1.6.1894)
- Date
- 1894-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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58. Jahrgang. Nr. 22. Berlin, 1. Innr 1894. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl.3M. Nedacteur: Gustav Karpeleö. Begründet von Uabbiner Ludwig Philippson-Uonn Verlags-Expedition: iöerlin, JerufalemerKr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition find an die Adresse: Verlag der .Allgem. Zeitung deS Judenthums*, Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Masse, Berlin. InKttlt. Leitartikel r Das Omer-Zählen. — Die Woche. — Vom deutschisraelitischen Lehrerbund. Von Hermann Becker. — 39.^Jahresversammlung der israelitischen Lehrer von Rheinland und Westfalen. — Wie man Antisemit wird- Von Dr. med. Simon Scherbel. — Ein Vorwort. Von Karl Emrl Franzos. — Randbemerkungen zu dem Vortrage über „Die jüdischen Melodien". Von Dr. A. Berliner. — Feuilleton: Die Jüdin. Erzählung von John Paulsen. (Schluß.» — Sprechsaal. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten r Berlin. Tilsit. Aus Westvreußen. Aus Schlesien, Fränkenberg. Schwedt a. O.. Aus der Pfalz, Wien. Budapest. Petersburg. Warschau, Gothenburg. New-Iork. — Bon Nah und Sern. — MiSeellen. — Bei der Redaktion eingegangene Bücher. Das Omer-Zählen. Berlin, 29. Mai. f ie religiöse Pflicht, welche es gebietet, vom zweiten Festabend des Passahfestes an, Tage und Wochen zu zählen, bis zum fünfzigsten Tage, dem Wochenfeste, weckt inmitten der sozialen Kämpfe der Gegenwart manche wehmüthige Erinnerungen, aber auch manchen trostvollen Ausblick in uns. Am zweiten Festtage des Passah ward das Omer, ein gewisses Maß von den Erstlingen der Gerste, als Opfer gebracht, weil um diese Zeit in Palästina der Beginn der Ernte war. Im Volksmunde nannte man darum das an diesem Tage beginnende Zählen „Omern". Der Dank für die irdische Gabe sollte zuerst dargebracht werden, dann sollte durch das Zählen aber auch der Sinn des Israeliten auf die hohe geistige Gabe gelenkt werden, die ihm in der Gotteslehre, am Feste der Gesetzeslehre, verliehen wurde. Da in Palästina im April das Getreide, und zwar erst die Gerste, dann der Weizen, reif war. so sollte am Passah die Ernte mit religiöser Feierlichkeit eröffnet werden, indem von dem ersten Schnitt des Getreides ein Omer, als Repräsentant des reifen Getreides, vor dem Altar von dem Priester dargebracht wurde, später außerdem aber noch zwei Brode des feinsten Mehls als Erstlinge menschlicher Arbeit. Da Gerste ein Futter der Thiere, Weizen aber eine Speise der Menschen, so mochte das Omer und die beiden Brode den Israeliten daran erinnern, daß man durch das Gesetz Mensch werde, ohne daffelbe aber zum Thier herabstnke. Welch eine hohe Auffaffung von dem Segen der Bodenarbeit liegt in diesem Gesetz! Jahrtausende lang haben sich die edelsten und reichsten Geister bemüht, eine den Verhältniffen entsprechende Lösung der sozialen Frage zu finden, aber niemals und nirgends ist man diesem Ziele so nahe gekommen wie im alten Israel; niemals und nirgends hat man die praktische Arbeit mit dem idealen Leben in eine so innige Verbindung zu bringen verstanden wie in der mosaischen Gesetzgebung. War die Ernte eingebracht, so mußten zwei Brode, und zwar von neuem Weizen, geopfert werden, als Dank für den eingeemteten Segen. Israel war ein Ackerbau treibendes Volk und seine ganze Gesetzgebung war darauf berechnet. Mit inniger Wehmuth zählen wir die Tage auch jetzt noch, und wir gedenken dabei all der verhängnißvollen Faktoren, welche Israel seinem eigentlichen Beruf entfremdet haben. Gebt ihm nur Licht und Luft und Erde, und freudig werden Tausende dieses Stammes wieder das Omer darbringen dem Herrn, der Israel aus allen Nöthen befreit und zu dem irdischen ein geistiges Erbe gegeben, das ewig und unveräußerlich, wenn auch das irdische längst wie Spreu in alle Winde verflogen ist! Und wenn unmittelbar an das Gebot des Omer das Ar menge setz von Neuem eingeschärft und geboten wird: „Wenn ihr die Ernte eures Landes einsammelt, so sollst du die Endseiten deines Feldes nicht völlig abernten lind die einzelnen Abfälle deiner Ernte darfst btt nicht auflesen; dem Armen und dem Fremdling mußt du sie überlaffen, denn ich bin der Ewige, euer Gott!" so meint wohl selbst auch Herr Prof. Stade nicht, daß der fromme Israel den ährenlesenden Armen erst gefragt hat, ob er ein „Volksgenosse" sei! Die Verbindung des Ernteopfers mit dem Armengesetz ist der erhabene Ausdruck des Humanitätsgedankens, der die ganze biblische Lehre durchzieht. Man sollte ja nicht glauben, daß man mit der Festfeier, mit der Darbringung der Brode und Opfer schon der Pflicht der Dankbarkeit gegen Gott genügt, und daß man sich nun der Pflicht gegen die Armen entziehen könne. Und diese humanitären Anschauungen der biblischen haben sich in getreuer Konsequenz auch auf die talmudische Lehre vererbt. Es liegt ein tiefer, sinniger Gedanke dem talmudischen Spruch zu Grunde, der die Israeliten rachamonim b’ne rachamonim nennt, d. h. die Israeliten sind nicht nur selbst barmherzig, sie sind auch die Kinder barmherziger Ahnen, welchen als die heiligste Pflicht der Lehre, die nach einem anderen schönen Ausspruch unserer Weisen „mit Liebe beginnt und mit Liebe schließt", die Menschenliebe und die Barmherzigkeit gegeben wurden. Achtundvierzigmal, sagen unsere Weisen, wird in der Thora die Liebe gegen Fremde geboten, und da wagt es ein moderner Professor, mit grammatikalischen Scherzen diese erhabene Humanitätsidee zu schmähen. Aber wir wollen uns nicht verbittern lassen, sondern wir wollen eingedenk bleiben der großen Liebespflichteti, welche unsere Lehre uns auferlegt, und wollen fortfahren, die Tage zu zählen, „damit wir ein weises Herz erlangen", d. h. eine sittliche Reife, die uns dem Ideal der Lehre immer näher bringt. Und dann endlich wollen wir auf den großen Erntetag hoffen nach so vielen Sefirah-Jahrhunderten, an dem alle Menschen in Jedem, der Gottes Ebenbild trägt, den Menschen und nicht blos den „Volksgenossen" achten werden!