Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 17 (27.4.1894)
- Date
- 1894-04-27
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Kerlin, 27. April 1894. 58. Jahrgang. Nr. 17. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Postoder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl.3M. Redactenr: Gustav K arpeles. Begründet von Rabbiner Dr. Lu-Wjg Philippson-Konn. Verlags-GrpeLition: Lerlin, Jerusalemerkr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse-. Verlag der „Allgem. Zeitung des Zudenthums". Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Masse, Berlin. Inhalt. Leitartikelr Das jüdische Herz. — Die Woche. — Die Befreiung. Von Dr. B. Kuttner. — Randbemerkungen zu dem Vortrage über „Die jüdischen Melodien". Von Dr. A. Berliner. — Das schwarze und das blaue Buch. II. Von Dr. D. Leimdörfer. — Erinnerungen an Leopold Zunz. II. Von G. K. Feuilletonr Die Jüdin. Erzählung von John Paulsen. (Fortsetzung.) — Eine jüdische Volkssage. Von Albert Katz. Sprechsaal. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten r Berlin, Könitz, Mirow i. Nt., Seesen a. H.. Dresden, Hamburg, Homburg v. d. H., Wien, Budapest. — Don Nah und Fern. — Miscetterr. — Geschäftliche Notizen. Bas jüdische Herz. Berlin, 24. April. «jemals ist dem jüdischen Herzen ein begeisterteres Loblied gesungen worden als in dem Vers des Hohenliedes, das wir an diesem Frühlings- und Freiheitsfeste mit besonderer Innigkeit lesen, in dem Vers: „Ich schlafe, aber mein Herz ist wach!" Und wahrhaft rührend ist die bekannte Erklärung, welche der Midrasch zu diesem Verse giebt: Wenn Israels Geist auch bei der Erfüllung der Gebote schlummert, sein Herz aber ist immer wach, wo es gilt, Pflichten der Liebe zu erfüllen. Ans tiefer Erkenntniß des jüdischen Stammescharakters ist diese Erklärung hervorgegangen. In der That bildet das Herz die Hauptquelle, aus welcher die besten Eigenthümlichkeiten des Juden hervorströmen: die Milde, Barmherzigkeit und Weichheit, der Familiensinn und die Qpferireudigkeit, der Enthusiasmus und die Ausdauer. Die jüdische Wohlthätigkeit ist nicht blos ein religiöses Gebot, sondern sie ist vielmehr ein Erbgut unserer Stammesnatur. Jedes Weh weckt das Mitgefühl des Juden, lind er kennt keinen Unterschied des Stammes und des Glaubens, wo es gilt, die Roth zu lindern, oder dem Unglücklichen beizustehen. Aber auch das Herz hat seine Schattenseiten, und es wäre mehr als thörichte Verblendung, wollte man es versuchen, das jüdische Herz von dieser psychologisch feststehenden Regel auszuschließen. Die Weichheit wird oft zur Schwäche, die Barmherzigkeit zur falschen Sentimentalität, der Enthusiasmus zum Pathos und die Ausdauer zum Trotz. Vor diesen Schattenseiten des Herzens müssen wir uns hüten, wenn wir den wohlbegründeten Ruhm der jüdischen Wohlthätigkeit erhalten wollen. Gerade weil wir auf diesen Ruhmestitel so hohen Werth legen, können wir nicht eindringlich genug namentlich vor der falschen Sentimentalität warnen, die sich in unsere Wohlthätigkeits-Jnstitutionen hier und da einzuschleichen pflegt. Ein charakteristisches Symptom für diese Thatsache sehen wir vor Allem in der Erscheinung, daß einzelne Zweige der Wohlthätigkeit mit ganz besonderem Eifer gepflegt, andere aber, und nicht minder wichtige, in unerhörter Weise vernachlässigt werden. Unzählige Stiftungen existiren in unseren Gemeinden für alle körperlichen Leiden, gar keine oder doch sehr wenige für unsere geistige Noth, die doch wahrhaftig nicht geringer ist als alle körperlichen Leiden. Wir haben Stiftungen für Wittwen und Waisen, für Blinde und Stumme, für Alte und Kranke; aber nur sehr wenige ,für den Religionsunterricht unserer Jugend und gar keine für unser eigenes geistiges Leben. Das ist ein Fehler, ein schwerer Fehler, der sich jetzt schon, sobald es die Abwehr fremder Angriffe gegen unsere Religion gilt, noch bitterer aber in Zukunft rächen wird. Man mißverstehe uns nicht. Wir sind ivahrhaftig die Letzten, welche die Fürsorge für Leidende und Unglückliche aller Art irgendwie einschränken möchten, wir kennen auch sehr wohl die Einwendungen, welche man gegen unsere obigen Behauptungen machen wird, vor Allem die am meisten berechtigte, daß für die Kranken Andere sorgen müssen, während die Gesunden sich selbst helfen können. Aber wie schwach ist selbst dieser Einwand gegenüber der erschreckenden Thatsache, daß unser geistiges Leben nichts weniger als gesund, daß es vielmehr krank an Haupt und Gliedern ist, daß tausende von Kindern ohne Religionsunterricht aufwachsen müffen, daß in Folge dessen die Unkenntniß und der Abfall immer mehr zunehmen in unseren Reihen, daß unser Schristthum ohne Pflege verkümmert und unsere religiösen Institutionen einer wohlwollenden Förderung entbehren. Das Volk des Buches nannte man früher die Juden, und im Orient heißen sie noch heute das Volk der Schrift. Das ist ein Ehrentitel, den wir uns nicht sollten streitig machen lassen, den wir rechtfertigen Müssen. Das ist aber nur dann möglich, wenn wir der Pflege des geistigen Lebens in Israel jene Aufmerksamkeit zuwenden, die dieselbe — gestehen wir es offen und ehrlich — bisher leider nicht gefunden hat. Es fehlt an Mäcenen und Förderern, an Theilnahme und Interesse — und darum auch an Kraft und Leben und schaffender Lust! Gegenüber solchen nicht wegzuleugnenden Thatsachen haben wir wohl das Recht, vor einem bedenklichen Zug falscher Sentimentalität in unserer Wohlthätigkeit eindringlich zu warnen, die sich vor Allem darin kundgiebt, daß einzelne Zweige derselben überreich bedacht werden, andere aber gar nicht, daß manche Institute große Vermögen aufhäufen, während andere aus Mangel an Unterstützung untergehen müffen. Die rechte Wohlthätigkeit ist die, welche nicht nur an die Leiden des Körpers, sondern auch an die der Seele denkt. Und in solcher Weise ist die Wohlthätigkeit in Israel immer geübt worden. Sorgen wir dafür, daß unser Herz wach bleibe, aber auch dafür, daß der Geist Israels nicht schlummere.