Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 16 (20.4.1894)
- Date
- 1894-04-20
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
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SS. Mhrgmg. «r. IS. DkV Gknwindktwtk. «Mi». 20. April 1894. Weikage zur „Allgemeinen Zeitung öes ZuöenLHums". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. L2 Berlin, 18. April. Der Centralverein deutscher Staats - bürger jüdischen Glaubens hielt am Montag Abend eine sehr zahlreich besuchte Versammlung ab. Rechtsanwalt Fuchs berichtete über die bisherige Thätigkeit der Rechtschutz-Kommission. Man hat es sich angelegen sein lassen, überall da, wo man in der antisemitischen Presse über die allgemeinen Phrasen hinausging, Nachforschungen anzustellen. Es wurde eine Blüthenlese unwahrer antisemitischer Zeitungsausschnitte vorgelegt. Der Referent wies auch auf andere Erfolge des Vereins hin. In Conradswaldau hat ein Lehrer Zettel vertheilen lassen: „Kauft bei keinem Juden", ein Verfahren, das auf eine Anzeige hin gerügt wurde. Durch Erkundigungen auf dem Polizeipräsidium wurde festgestcllt, daß jenes Reklamegedicht eines „Kleiderbarons", welches zur Weihnachtszeit durch die Blätter ging und allgemeine Entrüstung hervorrief, ga? nicht von Juden herrührte. Andere antisemitische Großthaten wurden zur Anzeige gebracht, aber ohne Erfolg. Die Institution des Centralvereins hat sich nützlich erwiesen in vielen Fällen, wo einzelne, zu Unrecht beleidigte Juden sich hilfesuchend an ihn wandten, ferner in den oft wiederkehrenden Berichtigungen, die freilich von den antisemitischen Blättern immer mit Randbemerkungen versehen wurden. Der Centralverein wollte danach streben, die Rechte der Juden bis zu den höchsten Stellen zu vertreten. Dazu sei aber eine große Verbreitung des Vereines nothwendig. In Berlin sollen sich Gruppen bilden, die für rege Betheiligung sorgen, Wanderredner sollen gegen die antisemitischen Hetzereien zur Aufklärung der Bevölkerung ausgesandt werden. In der Diskussion wurde darauf aufmerksam gemacht, daß nicht nur die Großen, sondern auch die Kinder in den Schulen vielfach durch antisemitische Hetzereien zu leiden haben. Die Rechtschutzkommission ersuchte, Einzelfälle anzugeben, deren Verfolgung man dann bewirken wolle. Ein Antrag, welcher die Verbreitung des Vereines betraf, fand Anklang und soll in der nächsten Sitzung zur Abstimmung gebracht werden. Berlin, 16. April. Unter Betheiligung einer stattlichen Anzahl seiner Mitglieder hielt der Verein „Freunde der Taubstummen — Jedide Jim im“ am Sonntag den 15. April im Saale des Brüder- Vereins seine diesjährige ordentliche Generalversammlung ab. Geheimrath Dr. Kirstein eröffnete als Stellvertreter des kürzlich erkrankten Vorsitzenden, Geheimrath Marcuse, die Sitzung und machte vor Eingang in die Tagesordnung die erfreuliche Mittheilung, daß letzterer sich in fortschreitender Rekonvaleszenz befinde. Hierauf erhielt der Direktor der jüdischen Taubstummen-Anstalt in Weißensee, Herr M. Reich, das Wort zur Berichterstattung über die Thätigkeit des Vereins im abgelaufenen Geschäftsjahre. Dem Verein sind am 23. Juli v. I. Korporationsrechte verliehen worden. Trotz der ungünstigen Zeitverhältnisse sind die Mittel reichlicher zugegangen als in all' den Vorjahren. Die Mitgliederzahl ist bereits auf 2400 gestiegen, unter denen Berlin allein mit 825 und einem Beitrag von 6573 Mk. figurirt. In der Anstalt befinden sich gegenwärtig 31 Zöglinge, 19 Knaben und 12 Mädchen, die von drei Lehrern und einer Erzieherin unterrichtet werden. In engem Zusammenhänge mit der allgemeinen Ausbildung steht der Religions- und hebräische Unterricht; auch dem Handfertigkeits-Unterricht wird Aufmerksamkeit gewidmet. — Redner verweist im Verlaufe seines Berichtes auf die erhebliche Anzahl von taubstummen jüdischen Kindern, deren Aufnahme in die Anstalt, wenn die Mittel es gestatteten, eine große Wohlthat wäre, und appellirt an die Versammlung, ihre Wirksamkeit immer mehr zu entfalten, sowie ihn auch darin zu unterstützen, die Zöglinge nach dem Verlassen der Anstalt, wo sie eine bessere Bildung als die Kommunalschüler genießen, bei tüchtigen Lehrmeistern unterzubringen. In der darauf folgenden Diskussion beantragte Herr S. Leichtentritt, zur Förderung der Zwecke des Vereins im nächsten Winter einen Cyklus von wissenschaftlichen Vorträgen zu veranstalten. Es entspann sich darüber eine lebhafte Debatte, an der die Herren Rabbiner Dr. Maybaum, W. Loewenthal, Bernhard-Potsdam, Joseph Lewy, Geheimrath Dr. Boas, S. Behrens, Dr. Kirstein u. A. regen Bntheil nahmen, und die damit endigte, daß sowohl obiger Antrag, als auch ein anderer, der dahin lautete, ein Komitee zu gründen und dasselbe mit der Propaganda für den Verein im Deutschen Reiche zu betrauen, dem Vorstände als Anregungen aus der Mitte der Generalversammlung überwiesen worden sind. Die übrigen Punkte der Tagesordnung verliefen ohne jegliche Debatte. In der darauf erfolgten Ergänzungswahl des Vorstandes und Wahl der Revisoren wurden die in diesem Jahre statutenmäßig zur Ausscheidung aus denl Vorstande gelangten Herren Geheimrath Dr. Kirstein, W. Loewenthal, L. E. Sachs, I. Blumenthal und S. Behrens, sowie die Revisoren O. Berliner, S. Leichtentritt und Maurermeister Straßmann per Akklamation wieder gewählt. Die Anwesenden dankten dem Vorstande für seine eifrige Bemühung, das Wohl der Taubstummen zu fördern, durch Erheben von den Plätzen, worauf Herr Geheimrath Kirstein die Versammlung' schloß, mit einem warmen Nachruf für die verstorbenen Mitglieder Kommerzienrath Jakob Israels und Frau Ehrlich, welche Letztere dem Verein 10,000 Mk. hinterließ. 22 Berlin, 15. April. Die diesjährige General-Versammlung des Krankenpflege-Vereins Linath Hazedek Hierselbst, welcher in den nicht ganz drei Jahren seines Bestehens die stattliche Zahl von über 200 Mitgliedern aufweist, gab wiederum ein Bild von der Opferwilligkeit und Regsamkeit in jüdischen Kreisen da, wo es sich um humanitäre Zwecke handelt. Ist gleich, laut des Berichts des Rendanten, der Kassenbestand zur Zeit noch ein bescheidener — er beläuft sich auf 1106.29 M. — so gab doch der Bericht des Vereinsarztes, Herrn Dr. Rawitzki, einen klaren und erfreulichen Ueberblick über die segensreiche Wirksamkeit des Vereins im Allgemeinen. Der Vereinsarzt hatte im abgelaufenen Vereinsjahr 1054 Besuche und 227 Konsultationen, was der Zahl von 200 Mitgliedern gegenüber dadurch erklärlich ist, daß der Verein, im Gegensatz zu anderen derartigen Vereinigungen, seine Fürsorge auf sämmtliche Familienzugehörige eines jeden Mitgliedes ausdehnt. Mit ganz besonderer Genugthnung wurde von den Mitgliedern die Mittheilung ausgenommen, daß der Verein vom April d I. ab nunmehr im Stande ist, den Mitgliedern und deren Familienzugehörigen vollkommen freie Arznei zu gewähren, dem gegenüber die verschwindend kleine Erhöhung der monatlichen Beiträge von 75 Pf. auf 1 Mark kaum nennenswerth ist. — Auch die Obebra kadischa hat sich im verflossenen Vereinsjahr sehr wohlthätig bewährt und in all den Fällen, in denen darum angegangen wurde, Minjan gestellt. Auch wurde stets, wo eine Nothlage durch Krankheit nachgewiesen werden konnte, die erbetene Unterstützung anstandslos gewährt. Da der Verein Linath Hazedek zumeist aus sogenannten kleinen Gewerbetreibenden besteht, und sowohl in humanitärer als religiöser Beziehung segensreich wirkt, so wäre es wohl erwünscht, daß auch in den Kreisen unserer wohlhabenden Glaubensgenossen sich ein Interesse für den Verein zeigte, um durch Erklärung der Mitgliedschaft den Verein zu fördern und so dazu beizutragen, unsere große Gemeinde in etwas zu entlasten. X Rogasen, 17. April. Vor Kurzem wurde in diesen Blättern eine Anregung, von Herrn Rabbiner Dr. Rippner in Glogau ausgehend, erwähnt, daß die Litteraturvereine die Jugend mit heranziehen möchten. Das geschieht in unserem Litteraturvereine bereits seit 5/4 Jahren. Unser Rabbiner, Herr Dr. Rosenthal, hat denselben in der Weise begründet, daß der Grundstock desselben gerade aus der reiferen Jugend besteht; erst später haben sich Gemeindemitglieder gern angeschlossen. Es ist erfreulich zu bemerken, mit welchem Eifer sich die jungen Leute sowohl an den sogenannten Arbeitsabenden, wie auch an den Vortragsabenden betheiligen. Zum Theil sind diese Mitglieder aus der Religionsschule hervorgegangen, und sie setzen das Gelernte unter beständiger Anleitung ihres bisherigen Lehrers fort; auch die jungen Leute aus Geschäften betheiligen sich mit Eifer daran, und die Vorbereitungen zu derartigen Versammlungen nehmen einen ziemlichen Theil ihrer Mußestunden in