Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 16 (20.4.1894)
- Date
- 1894-04-20
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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58. Jahrgang. Nr. 16 Berlin» 20. April 1894. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Strei-fband bezogen vierteljährl. 3M. Nedacteur: Gustav Kcrrpeles. Begründet von Rabbiner Dr. Lu-Wsg Philippson-Äonn. Vertags-Crpedition: töeriin, Jerusatemerstr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse.- Verlag der „Allgem. Zeitung des Juventhums". Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Nudolf Masse, Berlin. 3tttfnlt. Leitartikelr Die Verkappten. — .Die Woche. — Eine Veßachbetracktuna. Von Rabbiner Dr. Ludwig Pick. — Jüdische Krankenpflegerinnen. Von Sanitätsrath Dr. Lazarus. — Das schwarze und das blane Buch. Von Dr. D. L e i m d ö r s e r. — Feuilleton: Die Jüdin. Erzählung von I o h n P a ut s e n. i Fortsetzung.) — Ter Sederabend eines alten Junggesellen. Von Adolf Pick. — Und es w?r in Mitten der Nacht. Von Gustav Jacobsohn. — Litterarische Mythe ungen. — Sprechsaul. Der (veweindevote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin. Rogasen, Bad Köniasdorff-Jastrzemb. Hannover. Essen. Fürth. Wien. Budapest. London, Warschau, Sosnowitz. Nerv-Iork. — Bon Nay und Fern. — Miscellcn. Die Verkappten. Berlin. 18. April. ^yw^nter den mannigfachen Spielarten des Antisemitismus ist ein Typus besonders interessant und wegen seiner Eigenthümlichkeiten auch gefährlicher als manche andere. Es ist das der Typus des verkappten Antisemiten. Die Naturgeschichte dieses Typus ist noch nicht geschrieben worden, aber die unterscheidenden Merkmale desselben sind leicht an einzelnen Beispielen herauszufinden. Da ist an irgend einer Hochschule ein Professor, der jahrelang friedlich und schiedlich seine Vorlesungen hält und seine dicken Bücher schreibt, die natürlich Niemand liest. Er hat gegen die Juden im Ganzen nichts einzuwenden, er ist sogar vielleicht so gütig, sich während des Winters acht- bis zehnmal in jüdischen Häusern einladen zu lasten. Eines Tages naht das Unheil. . Ein Fachkollege des genannten Herrn erringt durch irgend eine hervorragende wissenschaftliche Leistling den Sieg über diesen — und nun ist der Antisemit fertig. Die Juden, die früher seine liebsten Freunde waren, sind jetzt auf einmal keck und vordringlich, und wir zweifeln gar nicht daran, daß das pathetische Gefühl des edlen Mannes ihn auf dieser Bahn »och sehr weit treiben wird. Der Mann kann noch antisemitischer Reichstagsiandidat werden. Heil ihm! Da ist irgendwo in den Bergen ein kleines Dichterlein, das den Dialekt der Kuhhirten und Wirthshäuser beherrscht, das für ihre Witze nnd Lieder ein gutes Gedächtniß besitzt und sich darauf hin zum Dichter etablirt hat. Er weiß eben nicht, , daß zur» Dichten mehr gehört, als gut jodeln können. Gleichviel, dieser Mann wird von Juden gefördert, seine Jodler erscheinen überwiegend in solchen Blättern, welche nian höhnisch „die Judenpresse" nennt, und der Mann fühlt sich sehr wohl dabei. Gelegentlich ist er auch gern bereit, einmal einen Artikel zu schreiben, indem er sich bei seinen jüdischen Freunden in ein gutes Licht setzt und mit ihnen einmal hochdeutsch von Freiheit, Liebe und Humanität spricht. So geht Alles ganz gut, bis eines Tages ein anderer Dichter, und zwar, ein wirklicher, in irgend einer Weise gefeiert werden soll. Da erwacht in der demüthigen Dichterseele der antisemitische Manneszorn; der Mann hat sein Herz entdeckt. Und jetzt weiß er es auf einmal. „Die Inden, besonders in ihren Zeitungen, sind manchmal von einer ganz empörenden Anmaßung". Der Mann wird ganz bestimmt noch einmal Ehrenmitglied des antisemitischen Vereins seines Heimathdorfes. Doch genug der Beispiele. Man weiß nun wohl ungefähr, was der Typus der Verkappten zu bedeuten hat. Ein Merkmal ist ihnen Allen gemeinsam: Die Furcht vor dem antisemitischen Mob. Vorsichtiger Weise lasten sie immer aus dem weiten Talar ihrer Meiischenfrelindlichkeit ein kleines Endchen Teufelsklaue Herauslugen, um es doch mit den vielen Leuten, die die Juden nicht leiden können, ja nicht zu verderben. Da heißt es: Ich zähle viele Juden zu meinen besten Freunden, aber . . . .; oder: Die Juden sind vortreffliche Menschen, aber gewisse Eigenthümlichkeiten und Manieren . im Gehen, im Sprechen u. s. w. Und dann folgen gelehrte Abhandlungen -über den Einfluß von Rasseiieigenthüinlichkeiten, Klima, historische Entwickelung, welche, natürlich mit der besten Absicht, darlegen sollen, daß der Jude zwar auch ein Mensch, aber nicht ein Mensch wie andere sei. Sie loben sogar die Juden, aber in einer Weise, daß die Antisemiten darüber ihre Helle Freude haben können. Das Facit ist immer, daß es zwar kein Verbreche», aber ein Unglück sei, Jude zu sein. Den wahren Grund des Antisemitismus bringt aber keiner dieser gelehrten Männer vor, denen die Juden gewiß noch als undankbar erscheinen, weil sie von ihren guten Menschenrechte» nicht im Tone der Gnade oder der Herablassung sprechen hören wollen, weil sie auf die Liebe dieser Herren gern verzichten, dafür aber ihr gutes Recht mit aller Entschiedenheit verlangen. Man sieht es nun leicht ei», die Verkappten sind viel gefährlicher als die Offenen, die ihren Haß und ihre Gemeinheit mit dummer Ehrlichkeit herauspolteru. Eines aber ist klar. Der Typus der Verkappten wird bald aussterben, denn man muß in unserer Zeit dem Antisemitismus gegenüber unbedingt und entschieden eine völlig klare Stellung einnehmen. Sich verkappt um ihn herumzuschleicheu gelingt heute Niemand mehr, gleichviel, ob er ein Professor, oder ein Schriftsteller, oder ei» Stempelfabrikant ist und sich jahrelang bemüht hat, bei Christen und Juden in gleicher Gnade zu stehen. Es muß hellte Jeder, der im öffentlichen Leben steht, Farbe bekennen, ob er zu delijenigeu gehört, die den Haß, die Trennung und den Rückschritt im Völkerleben herbeiwünschen, oder aber zu denen, lvelche wirklich die Freiheit, die Liebe und die Humanität unter den Menschen fördern wollen. Bis aber dieser Häutungsprozeß beendet oder abgeschlossen, gelte für unsere Kreise die eindringliche und wohlbegründete Warnung: Nehmt Euch vor den Verkappten in Acht!